Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne. Immanuel Kant

Zwischen zwei Stühlen

Christen haben keinen einfachen Stand in Israel. Bekommen sie von der jüdischen Gemeinschaft mehr Rechte zugesprochen, werden sie von der arabischen kritisch gemustert. Negative Folgen bleiben da nicht aus.

Christen im Heiligen Land? Im säkularen Deutschland assoziieren da viele bedauerlicherweise nur noch eine diffuse Bilderkollage aus „Leben des Brian“, Mel Gibsons „Die Passion Christi“ und den Bildern von amerikanischen Kreuzträgern auf der Via Dolorosa in Jerusalem. Sonst nur wenig. Man mag das, was sich da in den letzten Tagen in Israel abgespielt hat, dementsprechend in Deutschland nicht vernommen haben, aber es war dennoch ein echter Paukenschlag, ein historischer Akt, den der israelische Innenminister Sa’ar, oder man muss korrekterweise sagen – Ex-Innenminister – Sa’ar in dieser Woche verkündete.

Nein, ich meine nicht seinen plötzlichen Rücktritt, sondern die Gesetzesvorlage, die er noch kurz vor seinem überraschenden Rückzug aus dem Kabinett unterzeichnet hat: Die Anerkennung der etwa 200 aramäischen Familien mit mehr als 130.000 Angehörigen in Israel als eigene nationale Gruppe. Ein Akt von großer Symbolkraft für die Christen im Heiligen Land. Bislang galten nach offizieller israelischer Lesart die Menschen, die zum Teil bis heute die Sprache sprechen, die Jesus Christus selbst gesprochen hat, als Araber. Das sind sie ab sofort nicht mehr.

Diese ungewöhnliche Wertschätzung wiederum hat die israelischen Araber auf den Plan gerufen, die diese Verordnung heftig – und nicht ohne Grund – kritisiert haben. Das sei der Versuch, die arabische Minderheit in Israel zu spalten. Eine Motivation, die, so munkelt man, dem „Likudnik“ und Knesset-Abgeordneten Yariv Levin, der diese Entscheidung vor allem vorangetrieben hat, wohl nicht so unendlich fern liegt. Schon verschiedentlich hat Levin die Absicht bekundet, die Christen als „Gegengewicht“ zu den Muslimen in Israel aufzubauen, denen er leider alles andere als gute Absichten unterstellt.

Angefeindet, geduldet oder respektiert?

Steht nicht zudem das, was Levin sagt, in direktem Gegensatz zu den verurteilungswürdigen Attacken der „Preisschild-Bewegung“ und den jüngsten Angriffen auf Geistliche und auf kirchliche Einrichtungen in Israel, etwa auf dem Zionsberg, die nicht selten auf ultraorthodoxe Jugendliche aus der „Hügeljugend“ zurückgehen? Attacken, die nur vordergründig etwas mit Religion zu tun haben, sondern denen eher nationalistische Motive zugrunde liegen!

Diese kleine aktuelle Episode wirft die Frage auf, wie Christen in Jerusalem und darüber hinaus in Israel insgesamt leben: Mittendrin oder zerrieben zwischen allen (religiösen) Stühlen, offen und selbstbewusst oder instrumentalisiert und versteckt hinter Mauern? Angefeindet, geduldet oder respektiert?

Wir haben uns dieser Frage sozusagen im Selbstversuch genähert. Wie? Ganz einfach: Wir sind ins Kloster gegangen! Nein, langsam, freilich nicht so ganz, wäre ja auch kirchenrechtlich schwierig mit der ganzen Familie, sondern „nur“ als Gäste für die ersten eineinhalb Monate unserer „Reise nach Jerusalem“. Als Gäste auf Zeit, in einer Oase der Ruhe, in der alles wohl geordnet ist und in denen die Gegensätze dieser Stadt nicht zur Geltung kommen, als ob man die Tür im wahrsten Sinne des Wortes hinter sich abschließen könnte.

Unsere Oase war der Konvent St. Charles der Borromäerinnen im Herzen der „Deutschen Kolonie“ in Jerusalem. Ich weiß ja nicht, ob es im internationalen Hotellerie- und Gastgewerbe diese Kategorie überhaupt gibt, aber in Sachen Herzlichkeit hätten die Schwestern mindestens sieben Sterne in den einschlägigen Reiseführern verdient. Man traut sich kaum, einen Wunsch zu äußern, weil man weiß, dass die Borromäerinnen alles tun, um diesen Wunsch dann auch tatsächlich zu erfüllen.

Aber die Hingabe der Schwestern bleibt nicht hinter den Klostermauern verborgen. Denn die gleiche Offenheit, ja man scheut sich nicht, das hin und wieder abgenutzte Wort der Liebe zu gebrauchen, schenken die Schwestern nicht nur ihren deutschen Gästen, die für einige Zeit unter ihrem Dach Zuflucht finden. Nein, sie geben diese Liebe und Geborgenheit auch den Kindern ihres Kindergartens. Und da wird es spannend: Die mehr als 120 Kinder, die diese extrem beliebte „Schule“ besuchen, stammen allesamt aus arabischen und in der übergroßen Mehrheit muslimischen Familien, die allmorgendlich aus Ostjerusalem heraus die Anreise in das Herz der „German Colony“, in das alte Jerusalemer Templer-Viertel antreten. Verschleierte Frauen sind es zumeist, die die Kinder bringen. Nicht gerade das ganz übliche Bild in diesem sehr traditionellen und arrivierten jüdisch geprägten Stadtteil der goldenen Stadt.

Was macht den Konvent so attraktiv für diese Familien? Es ist das gleiche Phänomen, das beispielsweise auch in Berlin den konfessionellen Kindergärten hohen Zulauf aus den Reihen der muslimischen Mitbürgerinnen und Mitbürger bringt: Die Sehnsucht nach einer werteorientierten Erziehung. Ist also im Prinzip alles in Ordnung mit dem interreligiösen Miteinander? Ganz so groß ist die Idylle dann doch nicht. Wie man uns verrät, ist leider inzwischen zunehmend fraglich, ob die Begeisterung für den christlichen Kindergarten mit der Bereitschaft einhergeht, dann auch zuzulassen, dass christliche Feste gemeinsam gefeiert werden, genauso wie die Schwestern den islamischen Festen in der Erziehung der Kinder Raum und Respekt geben. Die Selbstverständlichkeit, mit der dieser Dienst der Schwestern akzeptiert wird, scheint allmählich zu schwinden.

Eine aussterbende Art?

Das gewachsene islamische Selbstbewusstsein, das hier zum Ausdruck kommt, bringt die Christen im Westjordanland noch in eine ganz andere, schwierigere Situation. So wie ihre muslimischen Nachbarn leiden auch die Christen unter den Folgen der israelischen Siedlungs- und Sicherheitspolitik, unter den Einschränkungen ihrer Bewegungsfreiheit, ihrer beruflichen Möglichkeiten und fühlen sich unter massiven Druck gesetzt. Nicht zuletzt deshalb reagieren Christen auf den israelischen Versuch, sie in Israel wie in Palästina in eine Sonderrolle zu bringen und von den „übrigen Palästinensern“ abzudrängen, ablehnend. Aber zugleich leben sie in einer muslimischen Mehrheitsgesellschaft – mit Auswirkungen auf die tägliche Lebensweise.

Wenngleich in vielen Teilen des Westjordanlandes von einer gezielten Benachteiligung kaum die Rede sein kann und in Städten wie Ramallah sogar festgeschrieben ist, dass der Bürgermeister ein Christ sein muss, reißt der Strom der Christen, die aus den Palästinensergebieten emigrieren, kaum ab. Auch wenn die Zahlen variieren, an der Tatsache, dass zigfach mehr Christen mit Wurzeln aus dem Heiligen Land in Amerika oder Europa leben als hier, ist kaum zu rütteln.

Ist das Christentum sozusagen als „aussterbende Art“ auch im Heiligen Land und nicht zuletzt in Jerusalem, in dem Christen seit 2000 Jahren ein integraler Bestandteil der Stadt sind, in Gefahr? Keine ganz unwichtige Frage für einen Christen, der beabsichtigt, mit seiner Familie hier für eine Weile zu leben. Stimmt das, was der Dominikanerpater Murphy O’Connor vor acht Jahren gesagt hat, der mahnte, die christliche Kirche im Orient verkomme zu einer „Museumskirche“, zu einem „Disneyland des Glaubens, in dem es bald keine lebendige Gemeinde von Gläubigen mehr geben wird“?

Man mag diese Warnung für übertrieben halten, aber ein massives Problem ist sofort für jeden „zugereisten“ Christen offensichtlich und uns gleich aufgefallen: Die Gemeinden sind lebendig, aber in feinsäuberlicher Trennung zwischen den „ExPat“-Christen, also jenen Menschen, die für eine gewisse Zeit in Israel als Diplomaten oder als Mitarbeiter internationaler Konzerne und Organisationen leben und arbeiten, und den orientalischen Christen, die seit Generationen hier leben. Man bleibt zumindest in der Stadt unter sich, was ein wenig in der Natur der Sache und der Natur des Auftrages liegt. Die deutsche (katholische) Gemeinde trifft sich auf der Suche nach einem Stückchen kirchlicher Heimat in der Dormitio-Abtei hoch oben auf dem Zionsberg oder bei den Schwestern von Sankt Charles. Das aktive Aufeinandereinlassen mit den Christen hier vor Ort bleibt die Ausnahme.

Auch Folgen für Deutschland

Die Formel, die dahintersteht, ist ebenso simpel wie Besorgnis erregend: Insgesamt ist die Zahl der Christen in Israel in den letzten Jahren auch durch christliche „Gastarbeiter“ deutlich gestiegen. Die Zahl der einheimischen Christen ist allerdings im gleichen Zeitraum gesunken. Der Kolumnist ist nicht so naiv, zu glauben, dass man allein mit mehr „Wertschätzung“ das Christentum (im Orient) retten kann – und klar – den Christen in Syrien und im Irak, die an Leib und Leben bedroht sind, muss im Moment unsere primäre Aufmerksamkeit gelten, aber der Erhalt christlichen Lebens im Heiligen Land ist nicht minder wichtig.

Man mag die Christen im Heiligen Land überfordern, und das trägt vielleicht zu ihrem Rückzug ins Ausland bei, wenn man von den Nachfahren der Jünger Jesu erwartet, dass sie eine ganz besondere geistliche Ausstrahlung an den Tag legen müssen. Aber klar ist auch: Wenn das Christentum seine Verankerung im Heiligen Land einbüßt, dann wird es in seiner ganzen Breite im wahrsten Sinne des Wortes seinen Boden verlieren – mit Folgen auch für uns in Deutschland.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Michael Borchard: Kein Frieden für Jerusalem

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