Ich bin kein blindwütiger Sicherheitsfanatiker. Wolfgang Schäuble

Verrückte Welt in Jerusalem

Wer durch Jerusalem streift, wird mit allerlei Widersprüchen konfrontiert, man sieht Hass und Mauern, aber ab und an auch Idylle. Ein Spaziergang.

Jerusalem ist wunderschön, fast anmutig. Aber auch eine Zumutung, eine verwirrende, anstrengende Zumutung, das merken wir in der sechsten Woche unserer Reise nach Jerusalem. Warum? Alles, aber auch wirklich alles ist irgendwie politisch in Jerusalem. Es gibt kein alltägliches Leben in dieser Stadt, in dem man nicht in irgendeiner Form früher oder später mit dem alles überlagernden Konflikt konfrontiert wird, der die ganze helle, sonnige Stadt wie Spinnweben überzieht. So sehr an der Oberfläche Ruhe herrscht und so sehr es gelingt, in dieser Atmosphäre unbehelligt sein tägliches Leben zu führen so gibt es doch kein wirkliches Entkommen, an dem Ort, an dem die Religionen und die „Volksgruppen“ (irgendwie immer ein komisches Wort für einen deutschen Geschichtsunterrichtsabsolventen) so eng aufeinandersitzen.

Wie unter einem Brennglas

Eigentlich ganz praktisch, wenn es nicht so zynisch klingen würde: Man muss nicht mal ins Westjordanland fahren, um die Problematik der nationalreligiösen Siedler zu begreifen. Man muss nicht nach Nablus fahren, um die aufgestaute Wut auf der Seite der Palästinenser zu fühlen. Man muss nicht nach Hebron fahren, um Sticheleien und Provokationen, um den Hass auf beiden Seiten, um das ewige und fatale „Spiel“ von Reaktion und Gegenreaktion zu verspüren. Ein ausgedehnter Shabbat-Spaziergang in Yerushalaim wie die Israelis zu Jerusalem sagen oder Al-Quds, wie die Palästinenser diese Stadt nennen, eine kleine Wanderung in diesem Schmelztiegel der Weltreligionen reicht, um in dieser Stadt alles konzentriert wie unter einem Brennglas betrachten zu können.

Da ist das Siedlerhaus an der Abu-Tor-Straße im palästinensischen Teil des gleichnamigen Stadtteils Abu Tor, das wie eine Trutzburg inmitten des geschäftigen levantinischen Lebens in Ostjerusalem steht. Da ist die überdimensionierte Fahne, die unübersehbar auf dem Dach des mehrfach gesicherten Hauses prangt. Da ist die Familie mit den vier Kindern, die im Festtagsgewand in gemütlicher Ruhe und gemächlichen Schrittes aus dem Haus geht und an uns lächelnd vorbeischlendert. Der Familienpatriarch mit einem Gebetsschal, mit dem Tallit, angetan, die ablehnenden Reaktionen der arabischen Beobachter zumindest einkalkulierend. Warum machen die das, fragen unsere Kinder, haben die keine Angst? Man fragt sich schon – insbesondere als Familienvater – wie weit Menschen gehen, die freiwillig ihren Kindern eine so feindliche, ablehnende und kasernierte Umgebung zumuten. Nachahmung und neuer Hass schon fatal programmiert. Verwirrende Welt in Jerusalem!

Wütende junge Männer voller Hass

Da ist aber auch das Feuerwerk und der Jubel der Palästinenser, der in Teilen Ostjerusalems erklingt, wenn die Sirenen des Raketenalarms und der Knall der Abwehrraketen oder des Einschlages verklungen sind, zu hören bis in unsere Interimswohnung. Jubel, der auch dann ertönt, wenn, wie zuletzt geschehen, in Beit Jala ein Haus eines Palästinensers getroffen worden ist, der die Zerstörung seines Hauses wie die Geburt eines seines erstgeborenen Kindes feiert und sich fortan als Held bezeichnen darf. Da ist der gute Rat, unserer erfahrenen Freunde, bestimmte Stadtteile zu meiden, in denen man mit unserem Aussehen gleich unter dem Verdacht steht, Israeli zu sein. Da sind die Steinwürfe gegen die fahrbaren Untersätze (für den autoverliebten Deutschen ja so etwas wie eine Höchststrafe) und Wohnungen solcher Freunde, die selbst in Ramallah arbeiten und im Westjordanland als Helfer beim Aufbau von Strukturen und Zivilgesellschaft fungieren. Hier gelten sie als Israelis und werden angegriffen. Verwirrende Welt in Jerusalem!

Da sind die jungen Menschen – ja, vor allem die jungen Männer – die wütend, oft hasserfüllt sind. Viele sehnen sich mehr oder minder offen nach der dritten Intifada. Und da sind aber auch die alten, die sich an die zweite Intifada mit ihren Opfern und ihren Konsequenzen erinnern und deshalb zur Mäßigung aufrufen. Sie sind es, die beim Spaziergang durch diese Stadt – ja, durch beide Teile dieser Stadt – nachdenklich machen. Der Deutsche mit seinem Hang zum Pessimismus sieht das halbleere Glas, und fragt sich, woher Versöhnung und Gemeinsamkeit kommen soll. Es sind diese mäßigenden Stimmen, das sagt der Optimist, die es immer wieder über die grausamen und blühenden Zeiten dieser Stadt vermocht haben, den Laden zusammenzuhalten, was an sich eigentlich schon ein Wunder ist. Aber so fragt der Optimist, der leider auch längst ein ehemaliger Optimist ist, wie viele von diesen Stimmen es noch gibt. Wer traut sich in Zeiten, in denen die Extremisten lauter und die Optimisten und Realisten leiser werden, noch Dialog und Verständigung nicht nur zu preisen, sondern auch ganz praktisch zu organisieren?

Und jetzt auch das noch, damit die Stimmung noch düsterer wird, schiebt sie sich ins Bild: Die Mauer! Der Blick ins Jordantal auf dem Weg in die Altstadt legt die graue Betonschlange frei, die das Westjordanland von Jerusalem abtrennt und sich über den Bergkamm wälzt. An einer Stelle ist sie verziert mit dem Graffiti „Ich bin ein Berliner“. Eine hintersinnige Reminiszenz – nein, freilich nicht an den toten US-Präsidenten, sondern an das Berliner Pendant dieses Bauwerkes. Ja und man kann sich, wenn man die Berliner Mauer noch live und in Farbe erlebt hat, seiner ersten Emotionen kaum erwehren – erst recht 25 Jahre nach dem Mauerfall. Sollte man aber tun, denn jeder Vergleich der beiden Bauwerke, verbietet sich, ja wäre eine Geschichtsklitterung allerersten Ranges.

Ein Bauwerk, das Menschen mit dem Tod bedroht

Die Mauer in Berlin, die, seien wir doch ehrlich, gerne auch als Pate für das hiesige Bauwerk genutzt wird, um Israel totalitäre Tendenzen zu unterstellen, war kein „antifaschistischer Schutzwall“, wie die DDR-Propaganda behauptet hat. Nein, sie war in Wahrheit eine Gefängnismauer, die Menschen daran gehindert hat, ihr Land zu verlassen und in Freiheit zu leben. Sie war ein Bauwerk, das Menschen mit dem Tod bedroht hat.

Kein Zweifel: Mauern, die Menschen voneinander trennen, sind immer grausam und martialisch, das lässt sich nicht leugnen. Die Mauer im Westjordanland verletzt Menschenrechte, sie verstößt an vielen Stellen gegen das Völkerrecht, weil sie weit in palästinensisches Gebiet hineinreicht und nicht dem Verlauf der Waffenstillstandslinie folgt. Das wissen viele in Israel und der Oberste Gerichtshof Israels hat mehrfach Mauerverläufe als unrechtmäßig gebrandmarkt und den Bau bestimmter Abschnitte verhindert. Das stimmt alles. Aber eines darf man nicht verkennen: Sie war, das ist unbestritten, eine Reaktion auf eine ganze Reihe grauenvoller Selbstmordattentate. Und, das ist entscheidend, sie hat ihre Wirkung erzielt. Seit 2007 hat es keine größeren Attentate dieser Art mehr gegeben, auch in Jerusalem, das auch immer wieder Ziel von solchen Angriffen war. Entsprechend breit ist das Spektrum der Bezeichnungen: Von Schutzzaun, über Sperranlage, bis eben zur Mauer, je nach Perspektive. Man mag den Preis, der für die Sicherheit der Bürger Israels mit dieser Mauer bezahlt wird, als hoch, aus palästinensischer Sicht vielleicht als zu hoch betrachten, aber wer den Vergleich mit einem der verwerflichsten historischen Bauwerke, mit dem Todesstreifen in Deutschland wagt, der spielt ein gefährliches und durchschaubares Spiel.

Da ist es, das grausame Jerusalem, aber eben auch das schöne, denn das Happy End ist auch zu sehen auf unserem Shabbat-Spaziergang. Im Teddy-Park unterhalb des Jaffa-Tores sitzen sie schließlich alle friedlich nebeneinander, die Familien aus dem Osten und Westen der Stadt. Irgendwie geht es ja dann am Ende doch. Die Sehnsucht nach Leben, nach Normalität, so sehr das nach klebriger Rosamunde-Pilcher-Prosa klingt, ist immer noch der beste Treiber für Toleranz und Frieden. Verwirrende Welt in Jerusalem!

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Michael Borchard: Kein Frieden für Jerusalem

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