Der Staat ist nicht der bessere Unternehmer – und schon gar nicht der bessere Banker. Christoph Kaserer

Luftalarm in Jerusalem

Unser Kolumnist muss zum ersten Mal vor den Raketen der Hamas in Deckung gehen – und findet diese gar nicht so harmlos, wie oft behauptet.

Wenn es nicht in mehrere Richtungen abgrundtief sarkastisch wäre, dann könnte man in der vierten Woche unserer Reise nach Jerusalem jubelnd ausrufen: „Hurra, endlich, wir gehören jetzt auch dazu, wir haben es geschafft, wir können mitreden.“ Am Dienstag der vergangenen Woche haben wir uns dem „neuen“ israelischen Initiationsritus unterworfen und unseren ersten Luftalarm in Jerusalem „absolviert“.

Zufälle gibt es, die gibt es gar nicht: Seinem üblichen täglichen Ritual folgend, ist der Kolumnist vor dem laufenden Fernseher ermattet eingeschlafen und pünktlich zur satellitengestützten Übertragung der „Tagesthemen“ in der Übergangswohnung wieder aufgewacht. Just im Moment der Berichterstattung über das Ende der Feuerpause – wie bestellt – beginnen draußen um Viertel vor zwölf Ortszeit (wenn das kein Zeichen ist) die Sirenen zu heulen. Die Befürchtung des Kolumnisten, man könne das gleichklingende Jaulen der Ambulanzen vom Luftalarm vielleicht nicht so recht unterscheiden, was übrigens bereits mehrfach in Israel Gegenstand von Fernsehdebatten und erregten Diskussionen war, erweist sich jedenfalls als gegenstandslos. Man kann! Ansonsten – Wunder der modernen Kommunikationstechnik – ist auch mein israelisches Handy so nett, mich auf den „freundlichen Gruß“ hinzuweisen, den die Hamas gen Jerusalem geschickt hat, freilich nur auf Hebräisch. Merke: Sprachkenntnisse können Leben retten!

Nur Anfänger machen sich verrückt

Irgendwie war man ja innerlich darauf vorbereitet, dass das irgendwann passieren wird und dennoch beobachtet man bei sich selbst und bei der eigenen Familie eigentümliche psychische Entwicklungen. Das Hirn sagt: „Die Gefahr ist gering. Die Angst der Hamas, die heiligen Stätten in der goldenen Stadt zu treffen und dann sofort in der Hölle zu landen, ist einfach zu groß und der prächtige Iron-Dome wird’s schon richten, also mach Dir bloß nicht in die Hose. Am besten Du bleibst einfach sitzen und lässt die Kinder schlafen. Nur Anfänger machen sich verrückt.“ Das Herz sagt: „Liebes Hirn, bist Du eigentlich völlig bescheuert? Ich pfeif’ auf Dich und Dein abgeklärtes Gelaber vom tragbaren ,Restrisiko‘. Gefahr bleibt Gefahr!“ Ich erschrecke jetzt einfach doch mal, wecke die schlafenden Kinder und gehe mit ihnen ruhig aber zügig in den Luftschutzkeller der Interimsunterkunft.

Das bekommt man hier schnell mit: Äußerlich herrscht ein großes Maß an „Coolness“, an „Business as usual“, aber der Firnis über dieser Haltung ist sehr dünn und die hohe Anspannung wird schnell sichtbar. In den Tagen des Waffenstillstandes konnte man das Aufatmen der Menschen, denen wir begegneten, insbesondere derjenigen, die in der Gegend um Tel Aviv leben, förmlich spüren. Uns geht es in den Tagen nach dem Alarm auch so: Man kriegt bei aller Gefasstheit und Rationalität dieses subkutane Bedrohungsgefühl nicht sofort aus den Knochen. Die kommenden Nächte haben wir mit einem wachsamen, weniger unbefangenen Ohr und zumindest mit der Ungewissheit verbracht, vielleicht erneut den Schutz des Kellers in Anspruch nehmen zu müssen.

Aus der Neutralität gerissen

Ich sehe nun schon die moralinsauren Kommentare zu diesem „Tagebucheintrag“ vor meinem Auge, die anmerken, wie es den Menschen im Gazastreifen mit ihren schwersten Traumatisierungen, ihren Verletzungen und ihrer Trauer um Angehörige gehen mag und wie lächerlich sich dagegen unsere Besorgnisse ausnehmen. Das ist eine ebenso zutreffende wie den Kern der Sache verfehlende Feststellung. Denn das wohlfeile Statement des „Parteifreundes“ Todenhöfer in den unvermeidlichen Talkshows, das seien ja alles harmlose „Feuerwerkskörper“, die keinen Schaden anrichten, nimmt sich als wahrhaft zynisch aus. Wenn man auf der anderen Seite des Laufes steht, ist die Frage, ob man mit einer Schreckschusspistole oder einer scharfen Waffe bedroht wird, ziemlich gleichgültig. Der verlängerte Rücken geht einem so oder so auf Grundeis. Ob man es will oder nicht, man wird aus seiner sorgsam gepflegten „Neutralität“ gerissen.

Wie bemessen auch immer die Bedrohung sein mag, sie bleibt eine Bedrohung und Bedrohungen nimmt man, erst Recht dann, wenn die eigenen Kinder zwangsläufig involviert sind, immer persönlich. Es gibt auch darüber hinaus viele gute Gründe, unbändige Wut auf die Hamas zu empfinden: Die selbsterklärte Logik der Hamas ist es, am Tag die unmittelbare Nachbarschaft des Gazastreifens mit Raketen zu überziehen und bewusst in der Nacht auf die weiter entfernten größeren Städte zu zielen, mit der expliziten Absicht, Angst und Schrecken zu verbreiten. Es sind mehr als 100 Raketen täglich, die in diesem längsten der bisherigen israelischen Kriege auf das Territorium geschossen werden.

Die Hamas ist kein Mädchenturnverein

Die krude Fama des Jürgen Todenhöfer von den harmlosen Raketchen birgt vor allem auch die Gefahr, die Hamas zu einem netten kleinen philanthropischen Mädchenturnverein zu verklären, der solche Raketen mit dem Ziel verschickt, keiner Seele etwas wirklich zuleide zu tun, sondern lediglich politische Zeichen setzen zu wollen. Man mache sich besser – und gerade diese sichere Erkenntnis fährt einem durch Mark und Bein, wenn man einen solchen Luftalarm einmal persönlich erlebt – keine Illusionen darüber, was die Hamas machen würde, wenn sie schärfere, stärkere, durchschlagendere Waffen besäße. Sie würde diese Waffen und was auch sonst ihr in die Hände geraten würde ohne jeden Zweifel und ohne jede Rücksicht einsetzen, um Menschen zu Hauf zu töten. Man möchte Todenhöfer und seinen Kumpanen gerne die uneingeschränkt gültige Hamas-Charta auf den Schreibtisch hämmern, die nichts weniger als die Vernichtung Israels und die Auslöschung jüdischen Lebens in dieser Region und – siehe Artikel 7 der Charta – auch weit darüber hinaus fordert.

Schon am 30. Juni hat die Hamas deutlich gemacht: Man werde die „Tore der Hölle öffnen“. Das tun die Terroristen, im wahrsten Sinne des Wortes, ohne Rücksicht auf Verluste: Durch den Abschuss der Raketen aus Schulen, Krankenhäusern und Flüchtlingslagern heraus, durch die Tatsache, dass zehn Prozent der Raketen in Gaza selbst landen, durch das elfmalige Brechen jeder Waffenruhe wird das Leid der „eigenen Leute“ nicht nur billigend in Kauf genommen, nein, es wird insgeheim begrüßt, weil nur so die mediale Berichterstattung entsteht, die gebraucht wird, um in Zeiten zurückgehender Unterstützung die eigene Daseinsberechtigung zu „erneuern“.

Die öffentliche und grausame Hinrichtung einer großen Anzahl von Menschen im Gazastreifen, denen Kollaboration mit Israel vorgeworfen wird, entzieht zudem auch der Behauptung, Hamas seien die Guten unter den Bösen und ISIS die Bösen unter den Bösen, weitgehend den Boden. Es gibt keine guten und schlechten Terroristen, es gibt nur Terroristen und die pfeifen, wenn auch in unterschiedlicher Intensität, immer, wirklich immer, auf die Menschenwürde.

Damit weder Missverständnisse noch der geringste Zweifel aufkommen: Man kann, ja man muss Israel überaus kritische Fragen stellen, vor allem zur Verhältnismäßigkeit der rechtmäßigen Reaktion auf die Angriffe aus dem Gazastreifen, die ohne jeden Zweifel aus den Fugen geraten ist.

Man möchte verzweifeln

Vergeltung, ein Wort, das oft und gerne in den offiziellen Regierungsäußerungen auftaucht, kann für eine Demokratie keine Kategorie sein. Man möchte schreien und verzweifeln angesichts der bisherigen Unfähigkeit Israels, ein wirkliches und tragfähiges Konzept für die Zukunft des Gazastreifens vorzulegen. Man verzweifelt, dass die israelische Regierung nicht begreift, dass es niemals, absolut niemals, eine militärische Lösung für den Gazastreifen geben wird und dass sie selbst die Zwei-Staaten-Lösung schon vor dem Krieg ad acta gelegt hat. Man verzweifelt aber vor allem angesichts des unendlichen Leides und der unzähligen Toten im Gazastreifen und empfindet gerade als Familienvater echten Schmerz über die ausweglose Lage der Kinder, die immer die besonders geschlagenen Leidtragenden jeder kriegerischen Auseinandersetzung sind. Man möchte verzweifeln angesichts der Tatsache, dass in ihre Herzen durch diesen Krieg und seine Verheerungen bereits jetzt der Samen des neuen Hasses eingepflanzt ist.

Aber gerade Letzteres darf doch nicht dazu führen, dass man Hamas, diese brandgefährliche Terrorgruppe, verharmlost. Das entbehrt nicht nur jeder sachlichen Grundlage, nein, es ist vor allem bodenloser Leichtsinn, weil genau das der Hamas den Boden legt und ihrer menschenverachtenden Ideologie Vorschub leistet.

Am Ende ertappt man sich doch tatsächlich bei dem unchristlichen Gedanken, dem einen oder anderen leichtfertigen Kommentator daheim im kuschlig sicheren Deutschland auch mal die therapeutische Erfahrung eines Raketenalarms zu gönnen, aber das geht natürlich gar nicht …

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Michael Borchard: Kein Frieden für Jerusalem

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