Seid ihr denn meschugge?

von Michael Borchard19.08.2014Gesellschaft & Kultur

Was in Deutschland zum Alltag gehört, sorgt in Israel für Ratlosigkeit und Kopfschütteln, wie ein Freitagnachmittagseinkauf zeigt. Ein Erfahrungsbericht.

Auf so ne vollständig bekloppte Idee würde freiwillig kein gesunder Jerusalemer kommen: Am Freitagnachmittag um zwei Uhr, sozusagen „viertel vor Shabbat“ zum Großeinkauf in den Supermarkt zu fahren. Das ist in Israel ungefähr so clever wie in Deutschland am Heiligabend um 13.30 Uhr zum ultimativen Geschenkekauf aufzubrechen. Die Gojim aus Berlin sind in ihrer dritten Woche in Israel aber einfach unbelehrbar und fahren trotzdem! „Ich habe keine andere Wahl“, sagt der israelische Bekannte, den wir zufällig beim Einkaufen treffen kopfschüttelnd. „Aber was macht ihr denn hier? Seid ihr meschugge? Ihr habt doch den Sonntag.“ Irgendwie hat er recht, der Mann, denn die Drängelei beim Einlass für das DFB-Pokalfinale ins Berliner Olympiastadion ist ein einsamer Wüstentrip gegen die vollen und vollgestellten Gänge des Supermarkts und die Betriebsamkeit, die kurz vor Ladenschluss und Beginn des Shabbat ausgebrochen ist.

Und wir, wir sind in den gewohnten Abläufen des Freitagnachmittags ein echtes und ärgerliches Hindernis. Wir stehen nämlich zur ehrlich empfundenen Freude unserer „Miteinkäufer“ einfach malerisch in der Gegend rum und verursachen einen veritablen Einkaufswagenstau. Warum? Weil wir schlicht keine Ahnung haben, was wir da gerade in den Wagen legen. Jede Thunfischdose – da kann man den Inhalt ja erfreulicherweise wenigstens noch am Bildchen auf der Dose erkennen – wird zur schweißtreibenden Doktorarbeit. Gesalzene Butter? Wieso, zum Teufel, kann ich das Wörtchen „Melach“ für Salz jetzt einfach nicht in Hebräisch auf der Packung erkennen und ist das überhaupt Butter oder Bratfett oder gar Pomade für das spröde Haupthaar, oder was denn eigentlich? Fast alles, außer vielleicht die Nudeln aus Italien, der koschere Apfelessig aus Baden-Württemberg und die Kinderschokolade aus Deutschland (sorry für das unvermeidbare Product Placement), ist auf Hebräisch etikettiert.

Solidarität mit den Hüttenkäsekämpfern

Bemerkenswert in einem Land, in dem man beinahe schon in der Minderheit ist, wenn man keine doppelte Staatsangehörigkeit besitzt. Das ist es allerdings, was Israel von den vielen Einwanderungsländern auf der Welt unterscheidet: Die gemeinsame religiöse Tradition und die meist mit der Religion verbundenen Grundkenntnisse der hebräischen Sprache sind der „Identitätskleber“, der alle Menschen, die es in dieses Land gezogen hat, so sehr und so eng miteinander verbindet. Vielleicht ist es aber auch ein ganz anderes Phänomen, das unser Einkaufserlebnis zutage fördert: Europa? Die Zeiten, in denen Europa und Nordamerika der Prägestempel schlechthin für die Israelis waren und in denen Menschen mit europäischen Vorfahren oder europäischer Herkunft dominierend waren, scheinen langfristig ihrem Ende zuzugehen.

Der freitägliche Supermarkteinkauf offenbart noch ein anderes israelisches Dilemma und treibt dem wackeren Ernährer und der familieninternen „Finanzministerin“ abwechselnd die Tränen in die Augen und die Schweißperlen auf die Stirn: Hammer, ist das teuer! Alles, aber auch restlos alles, selbst die heimischen Obst- und Gemüseprodukte sind irgendwo zwischen 30 und 100 Prozent teurer als in Deutschland. Ein Becher Pfirsich-Joghurt kostet hier beinahe so viel wie die ganze Viererbatterie Joghurt in Berlin. Und was den verwöhnten Familienpatriarchen bis ins Mark trifft: Bier ist eine veritable Kostbarkeit – ganz gleich ob heimisch oder importiert! Und um die Paradoxie auf die Spitze zu treiben: Olivenöl aus Israel kostet hier mehr als in den Ländern, die israelisches Öl importieren. Das treibt den Durchschnittsdeutschen geradezu in das nahöstliche „Hobby“ der Verschwörungstheorie: Die „Einzelhandels-Tycoons“ sind schuld, oder die CIA, ach NSA und KGB vermutlich auch, der Mossad sowieso.

Wie dem auch sei: Die Schekel rinnen nur so durch die Finger und die Teuerung nimmt, wie uns unsere Freunde in Jerusalem sagen, kein wirkliches Ende, weil sich die Löhne in Israel deutlich langsamer nach oben bewegen als die Preise für die tägliche Lebenshaltung. Sozialistische Gedanken sind dem Kolumnisten fremd und die freiheitsbeschränkende Wirkung sozialstaatlicher Auswüchse sind ihm schon lange ein Dorn im Auge – inklusive Mindestlohn. Dennoch keimt beim freitäglichen Einkauf klammheimliche Solidarität mit den Hüttenkäsekämpfern von 2012 auf: Damals wurde der heißgeliebte und traditionelle Hüttenkäse von einem auf den anderen Tag um 40 Prozent teurer. Wie dickköpfig und wie solidarisch die Israelis sein können, haben sie in diesen Tagen für die ganze Welt beeindruckend unter Beweis gestellt: Alles Käse, hat man sich damals gesagt und das Milchprodukt einfach boykottiert. Mit durchschlagendem Erfolg: Der Käse wurde billiger – zumindest vorübergehend – und ein beispielloser Massenprotest begann mit Hunderttausenden auf den Straßen von Tel Aviv, Haifa und wo auch immer.

Die ultimative Geheimwaffe: Kinder

Der Protest war beeindruckend, die Probleme haben sich indessen nicht geändert: Der Anteil der „working poor“, die sich kaum von ihren Einnahmen ernähren können, aber auch die Kinderarmut ist in Israel so hoch wie in kaum einem anderen entwickelten Land: Es sollen mehr als 850.000 Kinder sein, die unter der Armutsgrenze leben müssen. Die Armutsrate in Israel liegt bei rund 20 Prozent, im OECD-Durchschnitt sind es 11 Prozent! Die Tatsache, dass Israel zugleich das Land mit dem höchsten Lebensstandard im ganzen Nahen Osten ist, die Nummer 37 unter allen Volkswirtschaften der Welt, macht den Kontrast nur größer – und schmerzhafter. Vielleicht ist was dran, an dem, was mir der israelische Journalist Eldad Beck vor der Abreise klug ins Reisebuch geschrieben hat: Sozialpolitik, eine ausbalancierte Politik, die den dynamischen Schwung dieses „Wirtschaftsgoliaths“ Israel nicht abwürgt und dem „David“ auf der Straße Perspektiven bietet, das wird die innenpolitische Herausforderung schlechthin sein, ganz gleich, welche Partei regiert.

Vielleicht liegt es ja auch ein bisschen an den hohen Preisen, die aufs Gemüt drücken. Aber noch eine Entdeckung hält unser freitäglicher Shabbat-Vorabend-Selbstversuch bereit und diese oberflächliche Verallgemeinerung sei ausnahmsweise mal erlaubt: Geduld ist nicht die Stärke unserer neuen „Nachbarn“ in Israel. Mag es der Einkaufswagen im Supermarkt oder die Familienkutsche auf dem Parkplatz sein: Nix wie rein in die Lücke. Wer zu spät kommt, den bestraft der Ladenschluss oder der Hintermann, der auch schon lange auf unseren Parkplatz scharf war. Lieber den Seitenspiegel am Auto abfahren, als auch nur eine Sekunde zu warten, bis der Vordermann ein paar Zentimeter an die Seite gefahren ist. Eine ultimative „Geheimwaffe“ allerdings haben wir bereits entdeckt. Sie unterbricht jede Ungeduld und führt zur lammfrommen Gutmütigkeit: Kinder! Ein Lächeln der kleinen Prinzessin und alles schmilzt dahin. Kinder an die Macht? Funktioniert nicht, denn die armen Biester haben keine Zeit zum „Regieren“. Sie müssen ja schließlich zum Einkaufen mitkommen und ihre unerfahrenen Eltern beim Wocheneinkauf unterstützen.

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