Wenn es keine Parlamente gäbe, könnte jeder Kellner regieren. Otto von Bismarck

Engel links, Teufel rechts

Wie der Konflikt Israel prägt, merkt man an den ungewöhnlichsten Begebenheiten. Zum Beispiel, wenn ein Vertrag ausgehandelt werden muss. Da hilft kein Wörterbuch.

Ein Abschiedsgeschenk, das ich von einem lieben nahosterfahrenen Freund vor meiner Abreise nach Jerusalem erhalten habe, war Henryk M. Broders „Die Irren von Zion“, sozusagen als eine subtile Art von Gebrauchsanweisung für meine neue „Wahlheimat“. Schon auf einer der ersten Seiten dieses polemischen, aber von Zuneigung getragenen Buches zitiert Broder einen Spruch, mit dem die Israelis die Vorteile ihres Landes preisen: „Never a dull moment“ – keine Sekunde Langeweile.

Ja, ich habe keine Sekunde Langeweile und in der zweiten Woche meiner Reise nach Zion beziehe ich das ausnahmsweise mal nicht auf die aktuellen Geschehnisse, zumal der ständige Wechsel zwischen Krieg und Waffenstillstand, zynisch formuliert, ja inzwischen beinahe in die Kategorie Routine gehört. Im Sinne von Henryk M. Broder und in seiner Diktion müsste man sogar fast fragen: „Wozu braucht man Krieg, wenn das Leben auch so schon genügend Herausforderungen bereit hält?“

Und die Tücken des Alltags sind für einen regulierungsverwöhnten Deutschen nicht ganz ohne: Man neigt ja als Deutscher hin und wieder dazu, die Schablone der eigenen Erfahrungen als Maßstab für die ganze Welt anzulegen. Und dann ist man schrecklich überrascht, wenn andere anders ticken.

„You will need a lawyer!“

Nein, Israel ist kein anderes Europa, wenngleich es Europa enger verbunden ist als mancher direkter Nachbar. Die Vorbereitung eines Mietvertrages für die neue Heimstatt für die Familie beispielsweise wird zum mittelscharfen Abenteuer. Der Germane hält sich daheim streng an den Mustervertrag und jede Abweichung davon wird automatisch quasi als „Betrugsversuch“ gewertet. Rechtsanwalt für einen Mietvertrag? In Deutschland so überflüssig wie ein Kropf und auch ansonsten viel zu teuer.

In Israel dagegen läuft das levantinisch ab: „You will need a lawyer!“ Warum, so die naive Frage des Neu-Jerusalemers, ist doch viel zu teuer? Ist auch teuer, aber der Vertragsentwurf gibt die glasklare Antwort: Ich wollte eigentlich für uns eine Wohnung auswählen und nicht freiwillig in die Sklaverei eintreten. Dann der geschockte Anruf bei der Maklerin und die prompte Antwort: Ganz cool bleiben, das sei hier halt so und außerdem sei das ja nur der erste Entwurf. Jetzt müsse man eben die Verhandlungen beginnen und dann könne ich wiederum meine (Maximal-) Position nennen und man werde das alles ganz fair bereinigen. Ach so.

Ich habe in diesem Zusammenhang ein neues uraltes jiddisches Wort gelernt, das seinen Platz im täglichen Sprachgebrauch behalten hat: „Freier“. Nein, damit ist nicht der Kunde des ältesten Gewerbes der Welt gemeint. Freier steht hier in Israel als gebräuchliches Synonym für Loser, für Versager, für zu gutmütig, leichtes Opfer. Das ist die erste und vielleicht wichtigste Lektion, wenn man für die kommenden Jahre sein Leben in diesem schönen, fremden Land verbringen will: Man darf und kann fast alles sein in der israelischen Gesellschaft, bloß kein „Freier“. Lieber sich gegenseitig an den Rand des Nervenzusammenbruches bringen, aber bloß kein „Freier“ sein. Die Jahrtausende währende Notwendigkeit und Erfahrung, sich gegen Ausgrenzung, gegen Verfolgung, ja gegen Vernichtung wehren zu müssen, hat ohne jeden Zweifel auch in der israelischen Kultur Spuren hinterlassen.

Vergessen Sie’s, wenn Sie nach Israel kommen

Das ist eben der Unterschied zwischen dem Urlaub in Jerusalem und dem Versuch, hier sein Leben zu verbringen. Die „Übersetzungsleistung“ ist im wahrsten Sinne des Wortes eine ungleich größere. Das „beseder“ für „Okay“ oder alles „in Ordnung“ geht mir nach meinen braven Hebräisch-Sprachstudien daheim in Berlin schon spielend von den Lippen, aber es streift eben lediglich die Oberfläche. Deutlich gewöhnungsbedürftiger ist da zum Beispiel die politische Terminologie. Da hilft kein Wörterbuch.

Sie wissen, was links und was rechts ist? Sie kennen sich in der politischen Geografie spätestens seit dem Sozialkundeunterricht an Ihrer Schule bestens aus? Vergessen Sie’s, wenn Sie nach Israel kommen. Links stehen die „Palästinenserversteher“, die Friedensapostel. Sind Sie für die Zwei-Staaten-Lösung? Herzlich willkommen im linken Lager! Sie können liberal sein, ja marktradikal und Sozialpolitik als Anfang allen Übels und als Ende aller Freiheit betrachten und wollen gleichzeitig die Koexistenz von Palästinensern und Israelis in getrennten politischen Staatswesen erreichen? Gute Güte, sind Sie ein linker Vogel!

Wenn aber nun ein glühender Nationalist vor Ihnen steht, der mit den Schultern zuckt, wenn Sie „politisch korrekt“ von den „Palästinensischen Gebieten“ sprechen und Ihnen lächelnd sagt, er kenne nur Judäa und Samaria, dann steht vermutlich ein Rechter vor Ihnen, ja sogar vielleicht ein rechter Hardliner. Und wissen Sie, wo Sie den nicht zuletzt treffen können? In einem wunderhübschen Kibbuz in der Nähe des Gazastreifens, der die sozialistische Lebensweise nicht als leere und gescheiterte Vision sieht, sondern als realisierbaren Lebensentwurf betrachtet – wenngleich auch der Kibbuz im Sinne der sozialistischen Lebensweise freilich nicht mehr das ist, was er mal war. Alles gar nicht so einfach zu begreifen, auch mit Vorbereitung und Literaturstudium.

Das naive gutmütige Engelchen, das auf der einen Seite meiner Schulter sitzt, beruhigt mich mit dem Satz, dass ich ja noch ein paar Jahre Zeit haben werde, dieses Land und seine Bewohner zu verstehen. Das weise kleine Teufelchen, das auf der anderen Seite meiner Schulter sitzt, erinnert mich an den guten Ratschlag eines Freundes vor der Abreise nach Tel Aviv: „Wer glaubt, Israel und die Situation hier wirklich verstehen zu können, der hat vermutlich nichts verstanden.“ Ich weiß noch nicht, wer von den beiden Herrschaften auf meiner Schulter wirklich recht hat, aber ich werde es herausfinden – vielleicht. Langweilig wird es jedenfalls nicht.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Michael Borchard: Kein Frieden für Jerusalem

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