Wir wollen Kanzler. Andrea Nahles

Das ist Israel-Style

Fröhlichkeit und Traurigkeit, Gelassenheit und Ernsthaftigkeit, Vernunft und Wahnsinn liegen selten so kontrastvoll nebeneinander wie in Jerusalem. Erfahrungsbericht eines Zugezogenen.

Jetzt ist sie rum, die erste Woche in meiner „neuen Heimatstadt“ Yerushalaim. Die Akkulturation des Goj in Israel hat begonnen und wird mit liebevoller Bestimmtheit von der unmittelbaren Umgebung betrieben. Das zeigt sich zunächst in der äußerlichen Erscheinung des neuen Auslandsmitarbeiters. Der schnieke Anzug und die teure Krawatte bleiben dauerhaft im Schrank, die Ärmel werden (nicht nur im übertragenen Sinne) hochgekrempelt. Die Freizeitklamotten erleben eine Beförderung und werden über Nacht zur „Bürokluft“ geadelt. Wer ist schon gerne overdressed? Erstaunlich, wie schnell man sich daran gewöhnt und wie schnell dem steifen Deutschen auch die vertrauliche Anrede mit dem Vornamen über die Lippen geht. Das ist Israel-Style.

Das erste Shabbat-Dinner am Freitag ist ebenfalls unfallfrei überstanden. Koscheren Wein als Mitbringsel gekauft, im Netz nicht nur die Adresse, sondern auch den Ablauf gegoogelt – man will ja gerade als Deutscher penibel vorbereitet sein und bloß nichts falsch machen, um dann zu merken: Alles herzlich, alles beeindruckend liebevoll, alles sehr inklusiv, wie man so schön neudeutsch sagt. Die hartnäckige Verlegenheit, die tief und nachhaltig in unsere teutonischen Herzen und Köpfe eingebrannt ist, erweist sich schnell als überflüssig und gegenstandslos. Nicht nur in der verwinkelten Wohnung meiner ungarisch-israelischen Gastgeberin herrscht heitere Gelassenheit. Auch um uns herum im Stadtteil Nahlaot schwingt die Luft von Shabbat-Gesängen und festlicher Abendstimmung, die die „goldene Stadt“ verzaubert und erfüllt.

„Krieg? Was für ein Krieg?“

Aber die herrliche romantische Kulisse bröselt schnell und die Verwirrung über diese Stadt und dieses Land kommt in Windeseile zurück: Erstaunlich aber freilich auch verständlich, wie schnell nach dem Entzünden der Shabbat-Kerzen, nach einem Lied und nach dem Kiddusch, der Segnung des Weines, nach der Waschung der Hände und der Segnung und dem Brechen des Brotes neben den koscheren Köstlichkeiten auch die Politik und die Weltlage drückend schwer auf den Tisch kommen: Der Fall eines sehr anerkannten und „altehrwürdigen“ Jura-Professors der Bar-Ilan-Universität wird diskutiert, der offenbar die „Unverschämtheit“ besaß, in einem Brief an seine Studenten sein Mitgefühl mit den Angehörigen der Opfer des Gaza-Krieges auszudrücken und zwar mit den israelischen und den palästinensischen Familien und für diese humanistische Geste Empörung und Unverständnis kassiert.

Fröhlichkeit und Traurigkeit, Gelassenheit und Ernsthaftigkeit, Vernunft und Wahnsinn liegen selten so kontrastvoll nebeneinander wie in dieser Stadt. Mir geht das schon die ganze Woche so: Beim oberflächlichen Blick auf (West-)Jerusalem meint man fast die imaginäre Leuchtschrift über der Stadt zu erkennen: „Krieg? Was für ein Krieg?“ Vielleicht habe ich auch nur die „Gnade der späten Ankunft“ in der Stadt, aber: Kein Luftalarm, von Ausschreitungen oder einem Bagger-Attentat liest man nur in der Zeitung. Klingt enttäuscht, dem ist aber nicht so, denn das ist, wie gesagt, der oberflächliche Blick. Der Krieg ist, wen wundert es in einem so kleinen Land, auch mitten in Jerusalem zwar nicht so sichtbar, aber er ist allzeit spürbar. Kein Gespräch ohne den Hinweis auf den Bruder oder die Schwester, den Freund oder die Freundin, den Sohn oder die Tochter, die eingezogen worden sind und nun in Gaza an die Front müssen. Wir militärphoben Deutschen sprechen schon seit vielen Jahren zurückhaltend vom Konflikt und von der Krise; die Israelis, ganz gleich ob links oder rechts, ob Falke oder Taube, sprechen vom „Krieg“.

Und der Krieg tobt mehr oder minder unsichtbar auch mitten in Jerusalem. Nein, nicht in erster Linie mit Waffengewalt, sondern im Netz. Freunde in Jerusalem sagen, sie sind entsetzt über den Hass und die Verachtung, über die Bitterkeit und die tiefe Enttäuschung, die auf beiden Seiten geäußert werden. Nicht anonym, sondern unter dem eigenen Namen in Facebook und in teilweise menschenverachtend drastischen Worten. Dieser Teil des Krieges wird nicht durch die hochfragilen Waffenruhen unterbrochen oder den beginnenden Abzug der Panzer aus dem Gazastreifen beendet. Er geht weiter und der Beobachter stellt sich die Frage, wie nachhaltig der Hass die Seelen vergiftet. Woher soll Aussöhnung und Annäherung vor diesem Hintergrund kommen? Wo ist der Grund, in dem das zarte Pflänzchen Hoffnung wurzeln kann?

Realpolitik alleine wird diesen Konflikt niemals lösen

Klingt wie naives linkes „Gutmenschen-Geseier“ – und das ausgerechnet vom Vertreter der Adenauer-Stiftung? Mag sein, aber das ist der Kern dieses Konfliktes und das kapiert man schnell im heiligen Land: Die Realpolitik ist die Basis, wie der kalte Frieden zwischen Ägypten und Israel bis heute beweist. Aber nur die reine Realpolitik alleine wird diesen vielschichtigen Konflikt niemals lösen können. Die Pläne können noch so ausgearbeitet sein und die staatspolitische Klugheit noch so offensichtlich: Ohne eine „Flankierung“ durch die Zivilgesellschaft, ohne einen gezielten Abbau von Hassgefühlen sind Vereinbarungen das Papier nicht wert, auf dem sie stehen, weil sie dann keine dauerhafte Wirkung entfalten. Die Zivilgesellschaft hat es in der Hand und mag sie sich im Einzelnen angesichts der Fülle der Gewalt auch noch so ohnmächtig fühlen.

In den tiefen albtraumhaften Schock über die Entführung des Soldaten Hadar Goldin, Großneffe des israelischen Verteidigungsministers Mosche Jaalon, am Freitag, die sich dann am Sonntag als tragischer Tod im Kampf entpuppt, mischen sich sofort die Erinnerungen an die Entführung und Ermordung der drei Jugendlichen, die in Jerusalem überall präsent sind. Große Banner mit den Gesichtern der drei jungen Männer sind zu sehen und zeigen, wie tief der Schmerz ist.

Was man in Deutschland allerdings kaum mitbekommen (und leider auch nicht berichtet) hat, ist, dass diese schreckliche Tat und die anschließende Ermordung des palästinensischen Jugendlichen Mohammed Abu Khdeir nicht nur ein Fanal des Hasses war, sondern dass zugleich die Reaktion der Eltern auch ein sichtbares Zeichen der Versöhnung gesetzt hat. Die Eltern von Naftali Fraenkel, der in der Nacht vom 12. Juni sein Leben verlor, haben Millionen von Menschen in der Welt beeindruckt durch die öffentliche Aussage, dass es keinen Unterschied gebe zwischen jüdischem und palästinensischem Blut: „Mord ist Mord“. Und Rachelle Fraenkel geht noch weiter: „Nur die Mörder unserer Söhne … – und nicht unschuldige Menschen – sind zu bestrafen. Das ist eine Sache von Armee, Polizei und Justiz – und nicht von Bürgerwehren. Keine Mutter und kein Vater sollen je das durchmachen müssen, was wir durchmachen, und wir teilen den Schmerz von Mohammeds Eltern.“

Frei nach dem Propheten Jesaja mögen das Rufer in der Wüste sein, einsame Rufer in einer Wüste voller Hass und Verachtung, die die Spirale der Gewalt unterbrechen und vermutlich würde es selbst bei günstigster Prognose Generationen brauchen, um Verständnis wirklich zu schaffen, aber das ist das Schöne an den biblischen Rufern in der Wüste: Irgendwann sind sie dann doch gehört worden und man spricht noch heute über sie.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Michael Borchard: Kein Frieden für Jerusalem

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