Christian Wulff ist keine Idealbesetzung. Alexander Kissler

Eine Reise nach Jerusalem

Michael Borchard ist neuer Vertreter der Konrad-Adenauer-Stiftung in Israel – wie es ihm ergeht und wie er das Land erlebt, schreibt er in dieser neuen Kolumne.

Nein, ein großer Tagebuchschreiber war ich noch nie, aber auch wenn der Weg zur Hölle mit guten Vorsätzen gepflastert ist, wie der heilige Augustinus sagt: Was nicht ist, kann ja noch werden. Und zu erzählen hat ja bekanntlich besonders der, der eine Reise tut. Jetzt, heute beginnt sie, meine „Reise nach Jerusalem“, über die ich in der nächsten Zeit unter genau diesem wahnsinnig originellen Titel berichten werde.

Wer ich bin? Ein Familienvater mit Frau und drei Kindern, der für die kommenden drei Jahre mit der ganzen „Mischpacha“ nach Israel zieht und in der anderen noch älteren „ewigen Stadt“ das Büro der Konrad-Adenauer-Stiftung leiten wird. Und es wäre angesichts der aktuellen Zeitläufte fast eine Unverschämtheit, wenn alles ohne Komplikationen liefe. Als ob wir das berühmte Spiel mit den freien Stühlen in umgekehrter Weise nachspielen wollten: ‎Zu drängend und zu beunruhigt waren die Fragen der Kinder an die Eltern. Anders als geplant bleiben ihre Sitze im Flieger leer und ich reise alleine.

„Shelter“ statt „Willkommen“

Schon die Reise ist eine Erfahrung an sich: Man muss sich vor dem Start an den Schaltern der Fluggesellschaften erst an den „Ach Du armes Schwein, wer schickt Dich denn da hin“- oder an den „Boah, hast Du keine Angst?“-Blick auf den Gesichtern gewöhnen, wenn man das Ziel „Tel Aviv“ nennt. Im Flieger selbst, fast alles „Heimkehrer“, nur wenige deutsche Urlauber. Nach der Landung für den zartbesaiteten Reisenden zum Empfang kein „Herzlich willkommen“-Schild, sondern der Hinweis „Shelter“, der zum nächsten Schutzraum weist.

Dann bei der Passkontrolle die völlig überraschende Erfahrung für denjenigen, der nicht zum ersten Mal nach Israel reist: Nicht die obligatorische Schlange, die auch dann riesig ist, wenn man zu so unchristlichen Zeiten wie drei Uhr morgens am Flughafen Ben Gurion eintrifft. Nein, überhaupt keine Schlange. Man ist sofort dran und die zweite Überraschung: Nicht die gewohnte mürrische Skepsis, die allen Grenzbeamten überall auf der Welt eingemeißelt ist, sondern unglaubliche Freundlichkeit und anders als in Deutschland auf den Gesichtern der „Endlich mal einer aus Deutschland, der sich nicht kirre-machen lässt“-Blick. Den Flughafen selbst habe ich – zumindest im Ankunftsbereich – noch nie so leer erlebt.

Auf der Fahrt nach Jerusalem zeigt mir der Stamm-Taxifahrer der KAS, wo die Rakete eingeschlagen ist, die angeblich oder tatsächlich zu den vielen Flugabsagen geführt hat. So richtig nah am Flughafen war das allerdings nicht. Und als ob er meine Gedanken lesen könnte, philosophiert er sofort über die politischen und die wirtschaftlichen Motive der Fluggesellschaften für diese Entscheidung. Aber er verrät mir auch: So groß das Vertrauen in den „Iron-Dome“ ist, so sehr die Statistik für ein großes Maß an Sicherheit spricht, so schwirrend ist die Luft von Erzählungen, von „Freunden von Freunden“, in deren Garten eine Rakete niedergekommen ist. Angst ist ein ständiger Begleiter, bei allem Stolz auf die Sicherheitssysteme. Terror bleibt Terror für den Betroffenen, auch wenn die Abwehrmaßnahmen funktionieren.

Gegen Stereotype angehen

Und neben der Sorge um die eigene Sicherheit und der Freude über „den Deutschen“, der trotzdem nach Israel gekommen ist, spürt man schon in den ersten Gesprächen nach der Ankunft noch eine weitere, eine massive gegenwärtige Beunruhigung: Die Sorge geht nach Deutschland und gilt den antisemitischen Hassparolen auf Demonstrationen. Uns Deutschen ist das Demonstrationsrecht aus guten Gründen heilig, aber nichts, keine noch so berechtigte Kritik an Israel rechtfertigt Rassismus und Antisemitismus mit den ebenso tumben wie gefährlichen alten Parolen. So hoch das Ansehen Deutschlands in Israel inzwischen ist, so irritiert sind viele Israelis nicht alleine über diese Ereignisse, sondern über die relative Zögerlichkeit der „Zivilgesellschaft“ und der Politik, sich mit aller Entschiedenheit gegen solche „Erscheinungen“ zu stellen.

Für den neuen KAS-Repräsentanten steckt das gleich die Claims ab: Unsere Aufgabe ist es, gegen Beunruhigung, aber auch gegen Stereotype anzugehen (so nach dem Motto, alle Muslime in Deutschland sind Antisemiten). Aber unsere Aufgabe ist es auch, nach Deutschland die Botschaft zu tragen, wie verheerend diese Hassparolen im Internet und auf den Demos wirken und wie wichtig es – längst nicht nur für unser Verhältnis zu Israel – ist, hier entschieden dagegenzuhalten. Es bleibt also viel zu tun. Deshalb „Lehitraot“ für heute und bis zum nächsten Kapitel der „Reise nach Jerusalem“.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Michael Borchard: Kein Frieden für Jerusalem

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