Männer, die auf Busen starren

Merle Stöver4.08.2013Gesellschaft & Kultur

Wer Sexismus noch nie erlebt hat, kann ihn auch nicht verstehen. Weiße Hetero-Kerle haben leicht reden.

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Die Besetzung von Gremien lässt mich an der Verteilungsgerechtigkeit in Deutschland zweifeln. Was gerecht ist, mag sicherlich strittig sein. Nicht in Frage gestellt werden kann jedoch, wer in (Um-)Verteilungsfragen am Hebel sitzt, bei wem also die Macht liegt.

Es ist nicht nur wichtig, wie Kapital verteilt wird, sondern auch, wer darüber entscheidet. Nach wie vor sitzen in den meisten Vorständen weiße, gesunde Hetero-Männer, alle anderen werden ausgebremst. Frauen scheitern beispielsweise spätestens an der gläsernen Decke, die eine Beförderung in Vorstandsposten nahezu unmöglich macht.

Gleichzeitig wird aber angenommen, dass Vorstände die Gesellschaft repräsentieren. Dies konstruiert eine Norm: Weiß, männlich, hetero und gesund – das sind die Voraussetzungen für Erfolg. Wer diese Norm nicht oder nur teilweise erfüllt, ist in vielen Bereichen unterschwelliger und sogar struktureller Diskriminierung ausgesetzt.

Wird über Sexismus diskutiert, lautet der Titel oft „Geschlechterkampf”. Dieser Begriff bricht das Problem auf eine Erscheinungsform herunter, erfasst allerdings nicht die Wurzel des Problems. Es geht nicht darum, Männer und Frauen gegeneinander auszuspielen, sondern um festgefahrene Machtverhältnisse. Bei gleicher Qualifikation hat meist ein weißer Mann das letzte Wort. Und das, obwohl immer wieder betont wird, das Geschlecht solle keine Rolle spielen.

Der Vorwurf lautet: Die Wut der Frauen münde in eine allgemeine Anklage aller Männer. Nein, es gibt keine Kollektivschuld, aber es gibt ein kollektives Problem: Sexismus. Und diesen Sexismus üben meist Männer gegenüber nicht der Norm entsprechenden Menschen aus.

Als weißer, gesunder Hetero-Mann hat man leicht reden, weil man die alltäglichen entwürdigenden Situationen nicht erleben muss. Wahrscheinlich wurde man nie in der U-Bahn-Station gefragt, wie viel man für einen Blowjob nimmt, und im Physik-Unterricht wurde man nicht in die letzte Reihe gesetzt, weil man aufgrund des Geschlechts dieses Fach sowieso nicht könne. Männer können sprechen, ohne unterbrochen zu werden, und werden nicht aufgefordert, einen kurzen Rock zu tragen, um Erfolg zu haben.

Geschlecht wird erst dann zur Kategorie, wenn dadurch Benachteiligung entsteht. Wer nicht diskriminiert wird, muss sich mit Geschlecht oder Hautfarbe nicht auseinandersetzen.

Die Debatte über Sexismus ist von Verunsicherung geprägt. Das beginnt damit, dass das eigene Handeln in Frage gestellt wird. Alle müssen ihr bisheriges Verhalten reflektieren. Sie müssen sich Fehler eingestehen und verstehen, welche Auswirkungen sie jeweils auf das eigene Umfeld haben. Das fällt aber schwer, weil das alltägliche Verhalten von der Gesellschaft anerzogen wurde. Der Fachbegriff für diese Akzeptanz von Sexismus ist rape culture.

Grenzüberschreitungen und sogar sexualisierte Gewalt sind Teil dieses Gesellschaftsbildes. Öffentliche Räume werden von Männern für sich beansprucht: Platz wird eingenommen, Platz wird weggenommen. Es gibt kategorische Strategien, um Sexismus-Vorwürfe zu verharmlosen: Das Opfer wird zur Täterin gemacht („Was hatte sie um die Uhrzeit überhaupt noch an der Bar zu suchen!”), oder es wird vom Thema abgelenkt.

Es wird nicht über Sexismus, sondern über den Einzelfall diskutiert – nicht darüber, wie Sexismus funktioniert, sondern lediglich, ob er existiert.

Sexismus hat System

Macht ist ein sensibles Thema. Wer will sie schon abgeben, wenn er_sie die Macht erst einmal hat? Deshalb wird lieber über Einzelfälle gesprochen, anstatt Sexismus als Machtstrategie des Patriarchats zu begreifen. Und wer Sexismus anspricht, bekommt den Vorschlag zu hören, doch lieber über realpolitische Gleichstellung zu sprechen. Dort könne die Lebensrealität von Frauen wirklich verändert werden. Dabei wird ignoriert, dass jedes bestehende Machtgefälle durch Sexismus unterstützt wird und diese Diskussionen nicht getrennt voneinander betrachtet werden können.

Sexismus kann Machtgefälle auch künstlich erschaffen. Begegnen sich zwei Menschen auf Augenhöhe, werden durch sexistische Äußerungen Hierarchien aufgebaut. Das ist gerade in der sich emanzipierenden Gesellschaft auffällig. Ein Beispiel dafür? Politiker trifft Journalistin, beide machen ihren Job. Er ignoriert Grenzen, spricht sie auf ihre Brüste an. Er sexualisiert sie, hält sich nicht an Regeln des respektvollen Miteinanders.

Eine Welt ohne Sexismus würde die Lebensrealität vieler Frauen enorm verändern. Entweder macht es sich die Gesellschaft einfach, spricht weiterhin von bedauerlichen Einzelfällen und redet sich dabei ein, dass alle Menschen gleich sind. Oder sie begreift Sexismus als Problem. Ich habe genug Sexismus erlebt, um sagen zu können: Das sind keine Einzelfälle, Sexismus hat System. Ich hätte auf all die Erfahrungen wirklich gern verzichtet. Der Blick auf meine Brüste ist kein Kompliment, er reduziert mich auf meinen Körper. Ich will das nicht, Nein zu sagen, ist mein gutes Recht.

Wir werden ein Leben lang mit Sexismus sozialisiert. Das heißt aber nicht, dass wir nichts dagegen tun können. Fangen Sie bei sich selbst an, hinterfragen Sie, wie Sie mit Menschen umgehen. Sexismus muss klar als solcher bezeichnet und aufgezeigt werden. Sprechen Sie Sexismus offen an. Auch auf die Gefahr hin, als Spielverderber_in zu gelten.

Nicht diejenigen, die Sexismus ansprechen, sind das Problem. Sondern all jene, die Sexismus tolerieren und ihn mit ihrem Handeln reproduzieren.

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