“Das tut ein Mädchen nicht” gibt es nicht

Melitta Walter15.06.2010Gesellschaft & Kultur, Politik

Die alten Geschlechterbilder von Mann und Frau sind überholt. Längst sind erweiterte Modelle Realität und wir müssen unsere Kinder schon früh darauf vorbereiten.

Natürlich ist es wunderbar, dass es Frauen und dass es Männer gibt und dass sie unterschiedlich sind. Mir geht es nicht darum, die beiden Geschlechter gleichzumachen. Dennoch sollten wir erkennen, dass die Unterschiede zwischen den beiden Geschlechtern viel geringer sind, als nach außen häufig propagiert wird. Wenn Sie jeweils 100 Mädchen und 100 Jungs untereinander vergleichen, werden Sie feststellen, dass Sie in jeder geschlechtshomogenen Gruppe eine unglaubliche Vielfalt an Entwicklungs- und Entfaltungsmöglichkeiten finden. Ganz unterschiedliche Persönlichkeiten mit ganz unterschiedlichen Lebensentwürfen werden dann sichtbar. Potenzial steckt in uns allen, ganz gleich, wie jung oder alt wir gerade sind. Die Frage ist nur, ob es uns erlaubt wird, dieses auch zu leben.

Werbebilder haben mit der Realität meist nichts gemein

Was ich sagen möchte: Es gibt viel mehr Geschlechtermodelle als jene beiden altmodischen, nach denen der Vater der Alleinverdiener ist und die Mutter die Kinder erzieht. Erstaunlich ist allerdings, dass wir diese veralteten Modelle nach wie vor so oft präsentiert bekommen, sei es in der Apothekerzeitschrift oder in der Broschüre des Familienministeriums. Da sehen wir Vater, Mutter, Kind. Eine Mittelschichtfamilie, wohlgenährt und finanziell gut abgesichert. Solche Werbebilder sind sehr traditionell – und haben in den meisten Fällen rein gar nichts mit der Realität der Betrachtenden gemeinsam. Erweiterte Lebensentwürfe jenseits der traditionellen Frau, der Mutter, und dem traditionellen Mann, dem Vater, sind längst gelebte Realität. Sie sehen sie überall um sich herum: Da ist etwa die alleinerziehende Mutter ebenso wie der alleinerziehende Vater. Beide müssen automatisch ein erweitertes Rollenbild leben, müssen ihren Kindern ebenso Vater wie Mutter sein. Es ist wichtig, dass wir unsere Kinder schon früh auf diese erweiterten Geschlechtermodelle vorbereiten. Wir müssen sie mit zeitgemäßen Lebensbildern konfrontieren. Damit ein kleines Mädchen sich später individueller und ohne schlechtes Gewissen entfalten kann, ist es hilfreich, wenn es unterschiedliche weibliche Lebensrealitäten vorgelebt bekommt. Daraus kann es dann (hoffentlich) sein ganz individuelles Modell aussuchen. Das Gleiche gilt selbstverständlich auch für Jungs. Für sie ist es unter Umständen schwieriger, wenn sie im Laufe ihrer Erziehung ständig nur von Frauen begleitet werden. Sie erleben zwar weibliche Lebensmodelle, aber die Unterschiedlichkeit männlicher Lebensrealitäten, die sie erkennen lassen, so, so oder so kann ich als Mann später leben, wenn ich möchte, bleibt ihnen dann verschlossen.

Wir müssen ein breiteres Spektrum an erwachsenen Geschlechterbildern präsentieren

Entscheidend sind die Vorbilder und nicht – das wird häufig falsch verstanden –, dass wir die Kinder manipulieren. Was bitte soll denn daran verwerflich sein, wenn wir ihnen ein größeres, breiteres Spektrum an erwachsenen Geschlechterbildern präsentieren? Unterschiedliche Vorbilder ermöglichen vielschichtiges Ausprobieren, so trauen sich Mädchen, Jungsspiele und später Jungenjobs auszuprobieren, und umgekehrt. Damit das aber funktionieren kann, müssen wir Erwachsenen selbst genauer darauf achten, uns von alten Klischees à la “Das tut ein Mädchen nicht” und “Das tut ein Junge nicht” zu lösen. In der Erziehung darf es kein “Für Jungs verboten” und “Nur Mädchen erlaubt” geben. Kleine Jungs und kleine Mädchen müssen und wollen ermutigt werden: “Komm, trau dich einfach …!” Dann werden sie alles ausprobieren, was ihnen als Individuum Spaß macht – und das nicht unter der Vorgabe ihres jeweiligen Geschlechts.

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