Die Angst vor dem Abstieg

von Meinhard Miegel16.03.2017Innenpolitik, Medien, Wirtschaft

In einer kollabierenden oder auch nur zerrissenen Gesellschaft bieten selbst gigantische Vermögen und Einkommen in Multimillionenhöhe keinen wirksamen Schutz vor drastischem Niedergang.

Von den vielen Ängsten, die derzeit die Deutschen wie die Bevölkerungen aller anderen wirtschaftlich entwickelten Länder plagen, sticht eine besonders hervor: die Angst, materielle Wohlstandseinbußen zu erleiden, sei es weil der breite Strom an Gütern und Diensten abschwillt, sei es weil mehr als bislang mit anderen geteilt werden muss. Grundlos ist diese Angst nicht. Denn die Zeichen einer säkularen Stagnation oder gar Schrumpfung mehren sich und die weniger Glücklichen dieser Erde lassen sich abnehmend mit wohlfeilen Sprüchen abspeisen.

Anlass zu echter Sorge ist dies dennoch nicht. Selbst wenn die heute wohlhabenden Bevölkerungen, unter ihnen die Deutschen, auf ein Viertel oder ein Drittel ihres materiellen Wohlstands verzichten müssten, lebten sie immer noch weitaus opulenter als ihre Eltern oder gar Großeltern, die im historischen Vergleich alles in allem recht auskömmliche Leben führten.

Was also treibt die Menschen um, so dass nicht wenige Heil in haltlosesten Versprechen suchen? Wohl zum einen, weil der Verzicht auf etwas und sei es auch noch so überflüssig, den meisten schwer fällt. Hier hilft nur Gewöhnung. Doch Menschen passen sich veränderten Lebensbedingungen an und zwar viel schneller als sie dies im Vorhinein für möglich halten. Erleichtert wird diese Anpassung, wenn sie nicht allzu abrupt erfolgen muss. Ein allmählicher Abstieg wird zumeist ohne größere Verwerfungen überstanden.

Hinzukommen muss jedoch ein Weiteres. Der Abstieg muss alle betreffen. Und hier nun stellen sich die größten Probleme. Während beachtliche Teile der Bevölkerung schon seit langem Einschränkungen hinnehmen müssen, ist es einer Minderheit bisher nicht nur gelungen, sich diesem Trend zu entziehen, sondern sie hat im Gegenteil ihren Vorsprung in mitunter geradezu obszöner Weise ausgebaut. Was von dieser Minderheit an Einkommen und Vermögen zusammen gescharrt wird, geht weit über das hinaus, was in der bekannten Geschichte als sittlich und gemeinschaftsverträglich angesehen worden ist.

Die ökonomische Sinnhaftigkeit dieses Verhaltens mag hier dahingestellt bleiben. Vielleicht kann es als schlicht dumm abgetan werden. Bedeutsamer ist etwas anderes. Ein derartiges Verhalten erschwert die notwendige Anpassung an veränderte Lebensbedingungen, weil es unvermeidlich die Frage provoziert: Warum nur wir und nicht auch die? Wenn diese Frage nicht überzeugend beantwortet werden kann, erzeugt sie Spannungen, die zerstörerischen Kräften Auftrieb geben und schlimmstenfalls zu einem blutigen Zusammenbruch der Gesellschaft führen können.

Das sollten all jene bedenken, die sich hinter Vertragsklauseln und Gesetzestexten zu verschanzen suchen, wenn es darum geht, Einkommen, Abfindungen oder Boni legitim erscheinen zu lassen, die durch nichts zu rechtfertigen sind. In einer kollabierenden oder auch nur zerrissenen Gesellschaft bieten selbst gigantische Vermögen und Einkommen in Multimillionenhöhe keinen wirksamen Schutz vor drastischem Niedergang.

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