Debatte wird im Parlament nur simuliert. Roger Willemsen

Mit dem Dorfsterben leben lernen

Sich gegen das Ende der Dörfer zu stemmen, ist widersinnig: Das Gemeinwesen muss dafür sorgen, dass dieser Prozess möglichst reibungslos geschieht. Alles andere ist weder sozial noch human.

In früh industrialisierten Ländern wie Deutschland sind Dörfer in gewisser Weise Relikte einer sowohl wirtschaftlich als auch sozio-kulturell untergegangenen Epoche. Das zeigt schon ein flüchtiger Blick in die Geschichte. Noch in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts waren schätzungsweise vier Fünftel der Erwerbsbevölkerung in der Land- und Forstwirtschaft sowie im Fischereiwesen tätig. Um 1850 war es noch etwa die Hälfte, um 1950 etwas mehr als ein Fünftel. Heute sind es in Deutschland noch 1,6 Prozent.

Nirgendwo schritt die Industrialisierung so schnell voran und nirgendwo verdrängte sie Arbeitskräfte ähnlich rigoros wie in diesen Wirtschaftsbereichen. Zugleich ließ sie in rasant wachsenden Städten viele neue Arbeitsplätze entstehen, die die freigesetzte Dorfbevölkerung anzog. Dadurch zerfiel die Dorfgemeinschaft und mit ihr ihre Orientierungen und Werte. Menschen suchten vermehrt ihr Glück nach ihrer eigenen Façon – und die Stadt war und ist hierfür geeigneter als das Dorf.

Für Dörfer stellt sich damit jetzt die Frage, die sich bei allen historischen Überbleibseln dieser Art stellt: Was soll mit ihnen und vor allem was soll mit den Menschen geschehen, die noch immer dort leben? Wo immer Ortschaften – gleichgültig wie klein oder groß sie sind – hinreichend vital sind, sprich unter keinem auszehrenden Bevölkerungsschwund leiden, genügend auskömmliche Erwerbsmöglichkeiten generieren und über eine hinreichende Infrastruktur verfügen, beantwortet sich die Frage von selbst. Solche Ortschaften verkörpern eine Wohn- und Lebensform, an der zu rütteln kein Anlass besteht.

Schwieriger ist es, wenn solche Gemeinwesen ihre Vitalität eingebüßt haben und nur noch dank fremder Hilfe weiter bestehen. Welches Maß an Solidarität können sie für wie lange beanspruchen? Bei der Beantwortung dieser Frage gehen die Meinungen weit auseinander. Das gilt besonders in einem Land wie Deutschland, in dem seit Langem gleichwertige Lebensbedingungen für alle postuliert werden, ein Postulat, das, je länger je mehr, an Grenzen stößt. Ist es überhaupt (noch) realistisch?

Wir sind daran gewöhnt, alles in Reichweite zu finden

Wir Deutschen leben im Vergleich zu vielen unserer Nachbarn nicht nur in einem weit überdurchschnittlich dicht besiedelten, sondern auch infrastrukturell äußerst erschlossenen Land. Deshalb haben wir uns daran gewöhnt, dass sich alles in Reichweite befindet – Geschäfte des täglichen Bedarfs und öffentliche Verkehrsmittel ebenso wie Krankenhäuser, Schulen und sonstige kulturelle Einrichtungen. Der Versorgungsgrad, der hierzulande erreicht wurde, geht beträchtlich über das hinaus, was in vergleichbaren Ländern Europas geboten wird, von den USA, Kanada oder Australien ganz zu schweigen.

Gewiss bröckelt es bei dieser Versorgung hier und da. Dass sie im ländlichen Raum künftig eher schlechter als besser werden wird, ist sehr wahrscheinlich. Nur, was folgt daraus? Müssen, sollen und können deshalb Siedlungsstrukturen, die in einer untergegangenen Epoche entstanden und zur Blüte gebracht worden sind, für immer erhalten werden, auch wenn ihre Bewohner – aus welchen Gründen auch immer – sie zunehmend verlassen oder schon verlassen haben?

Die Geschichte hat diese Frage längst beantwortet. Deutschland und Europa sind voller Wüstungen, das heißt ehemaliger, aufgegebener Siedlungen, die oft nur noch für das geschulte Auge erkennbar sind. Es blieb unserer Zeit vorbehalten, sich mit aller Kraft gegen solche Entwicklungen zu stemmen. Durch die jahrhundertelange menschheitsgeschichtlich beispiellose Expansion haben viele nie gelernt, dass auf jedes Werden ein Vergehen folgt, ein Vergehen, vor dem auch menschliche Siedlungen nicht gefeit sind.

Das Gemeinwesen muss das Dörfersterben planvoll begleiten

Wahrscheinlich ist es wieder so weit, dass Deutschland und viele andere Länder in eine Phase räumlicher Neuorientierung eingetreten sind. Kleinere Siedlungen sterben ab und das Gemeinwesen hat dafür zu sorgen, dass dies so reibungslos wie möglich geschieht. Größere werden hingegen wachsen und auch bei ihnen sind Reibungen zu mindern.

Ist das der Abgesang auf das Dorf, wie es sich in einer langen Geschichte herausgebildet hat? Nicht unbedingt. Doch wie frühere Generationen wird sich auch diese Generation mit dem Gedanken vertraut machen müssen, dass nicht alles bleibt, wie es ist und nicht nur einzelne Höfe, sondern auch ganze Dörfer und kleine Ortschaften entsiedelt werden. Je vorausschauender und planvoller dies geschieht, umso besser für alle Beteiligten. Denn weder ist es sozial noch human, wenn ohne politische Steuerung Entsiedlungsprozesse dahintreiben, bis buchstäblich die beiden letzten Alten aus dem Haus getragen werden.

Im Zusammenwirken von Politik und Bürgern muss Schritt für Schritt entschieden werden, was bleiben kann und was besser aufgegeben wird. Dass derartige Entscheidungen Widerstände auslösen werden, ist absehbar, aber unvermeidlich. Beim Bau von Bahn-, Straßen- und Stromtrassen oder Lagern für Kernbrennstäbe ist es nicht anders. Menschen hängen am Bestehenden, auch wenn sie gerne von Veränderung reden.

Und ein Letztes: Vielleicht kommt ja wieder die Zeit, in der Menschen der Urbanisierung überdrüssig werden und zurückstreben in die Überschaubarkeit und Verbundenheit dörflicher Gemeinschaften. Erste Anzeichen hierfür gibt es bereits. Sie könnten sich im Zuge des demografischen Wandels hin zum älteren Bevölkerungssegment verstärken. Gefördert werden könnte diese Entwicklung durch sich ändernde Wirtschaftsstrukturen. Die Zusammenführung großer Menschenmengen ist abnehmend nötig oder auch nur sinnvoll. Vom Homeoffice aus kann auch im Dorf gearbeitet werden.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Klaus Schmotz , Gerhard Henkel , Malu Dreyer.

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