Wo sind die echten Menschen?

Meike Büttner18.12.2014Innenpolitik, Medien

Im Fernsehen sehen wir keine Betroffenen, sondern lediglich Analytiker und Prediger. Warum eigentlich?

Wenn Herr Lucke zum hundertsten Mal in eine Kamera lächelt, wenn Pirinçci mal wieder im Radio geifert oder eine Eva Herman von den Vorteilen der traditionellen Familie plappert, dann lässt der Vorwurf in Blogs und den sozialen Medien nicht lange auf sich warten, dass wieder einmal den „Falschen“ ein Forum geboten wurde. Die Öffentlich-Rechtlichen reagieren dann immer gleich: Demokratie und so, sagen sie. Es muss ja alles abgebildet werden.

Was dabei aber zu gerne ausgeblendet wird, ist, dass all diese Menschen bereits zur Genüge abgebildet wurden. Zur Demokratie gehört es aber eben vor allem, auch den weniger repräsentativen Stimmen Gehör zu verschaffen. Tatsächlich ist diese Praxis der Abbildung das genaue Gegenteil echter Demokratie.

Selbstverständlich will ich auch informiert werden, wenn intolerante Tendenzen, getarnt als Expertise, irgendwo in unseren Reihen auftauchen. Ich möchte auch wissen, wie diejenigen denken, deren Meinung ich nicht teilen kann. Eventuell lasse ich mich sogar überzeugen von abweichenden Ideen. Problematisch wird es aber, wenn ich nur immer und immer wieder diese Stimmen höre, weil Medienmacher geschlossen auf Züge aufspringen, die in Bahnhöfe einfahren, die ich einfach nicht besuchen will.

Wer nicht im Fernsehen auftritt, erscheint nicht

Menschen mit Meinungen werden so zu Predigern, die gebetsmühlenartig ihre Thesen wiederholen. Oft genug erkennen wir Zuschauer*innen dann auch, zu welchem Zweck das Ganze geschieht. Denn ich brauche Herrn Pirinçci im Grunde nur ein einziges Mal zu hören, um genügend informiert zu sein. Das ständige Wiederholen solcher Einladungen in öffentliche Foren geschieht leider allzu oft nur, weil es eben Quoten und Klick-Zahlen bringt. Wen ich hingegen nur selten im Fernsehen sehe, das sind all diejenigen Menschen, über die in diesen Sendungen verhandelt wird. Allerlei Expert*innen und Prediger*innen bekomme ich zu Gesicht. Doch die Menschen, von denen sie reden, muss ich mit der Lupe suchen.

Ich bekomme nicht die Frau zu Gesicht, die eine Burka trägt, nicht den alleinerziehenden Vater, der in der Armutsfalle hockt. Ich sehe keine Flüchtlinge im Fernsehen und keinen Imam. Nicht, dass ich sie niemals sehen würde. Einige Medienmacher*innen geben sich ja durchaus die Mühe, auch diese abzubilden. Im Vergleich zu denen, die _über_ sie sprechen, sehe ich sie allerdings viel zu selten. Wo sind die Hartz-IV-Empfängerinnen, wo die schwarzen Menschen, die sich durch Rassismus bedroht sehen, wo sind all die gut ausgebildeten Einwanderer, die uns von ihrem Alltag erzählen?

„Ein Erscheinungsraum entsteht, wo immer Menschen handelnd und sprechend miteinander umgehen“, ist ein Zitat von Hannah Arendt. Die, die nicht im Fernsehen auftreten, treten somit einfach nicht in Erscheinung. Das soll eine demokratische Art der Abbildung sein, liebe Fernsehredakteure und -redakteurinnen?

Katrin Rönicke beispielsweise hat einen solchen Erscheinungsraum im Netz geschaffen. Sie nennt ihn schlicht auch einfach so: “Erscheinungsraum”:http://erscheinungsraum.de/.

In ihrem Podcast redet sie mit Menschen, die ich in der breiten Fernsehlandschaft vermisse. Und was sie selbst über ihre Lebensumstände erzählen, lehrt mich so viel mehr als alle Talkshows des gesamten Jahres gemeinsam mit all ihren Statistiken und Erwartungshaltungen. Auch andere Blogs tun sich hier mit vorbildlicher Arbeit hervor.

Ein verheerender Fehler

Auf “Leidmedien.de”:http://Leidmedien.de beispielsweise erklären mir Menschen mit Behinderungen, wieso wir die Inklusion so dringend brauchen, unter “oplatz.net”:http://oplatz.net/ finde ich Texte von und mit echten Flüchtlingen, um nur einige gute Beispiele zu nennen.

Am Mainstream zischt das alles aber selbstverständlich vorbei. Woher auch sollte dieser all die Adressen kennen? Aus dem Fernsehen oder Radio wohl kaum. Dort sitzen nur immer wieder diejenigen, die über all diese Menschen reden, denen definitiv noch ein großer Erscheinungsraum fehlt.

Wenn Fernseh- und Radiomacher*innen also davon ausgehen, dass wir Menschen bereits wissen, wie es „solchen Menschen“ in Deutschland geht und es darum reichen würde, nur Meinungen über sie abzubilden, begehen sie einen verheerenden Fehler. Verheerend insofern, als das wir ständig Vorbilder der Intoleranz gezeigt bekommen, die uns im weniger schlimmen Fall von ihren Positionen überzeugen und im allerschlimmsten Falle sogar anstacheln, jetzt einfach mal zu handeln.

Fast 30 Brandanschläge auf Flüchtlingsheime hat es zum Beispiel in diesem Jahr in Deutschland gegeben. Bei so viel geistiger Brandstiftung in der Medienlandschaft darf das nicht weiter verwundern. Wenn ich immer wieder CDUler abbilde, die mit der AfD um rechte Wählerstimmen heischen, dann werden diese Haltungen legitim. Dort wird Differenzierung von den Zuschauern und Zuschauerinnen erwartet. Doch ich muss es einmal fragen: Woher, liebe Produzent*innen, sollen wir die denn haben? Wann zeigt ihr uns denn endlich all diejenigen, die von all dem Gerede betroffen sind, damit wir uns auch einmal eine echte und ganz eigene Meinung dazu bilden können?

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