Bisher nährte sich der Facebook-Mythos noch vom Ursprungsleichtsinn einer Cocktailparty. Matthias Matussek

Zerstörung ist der einzige Weg

Am Sonntag feiert Deutschland den Fall der Mauer zum 25. Mal. Dumm nur, dass andere Mauern gerade hochgezogen werden.

ddr fluechtlinge mauerfall berliner-mauer

Blöd, dass ich in Berlin wohne. Dann habe ich wohl keine gute Ausrede für die diesjährige Mega-Gedenk-Sause! Auf die GDL werde ich es nicht schieben können, wenn ich mich nicht einreihe in eine große Menschenkette, mit einem leuchtenden Luftballon in der Hand.

Dass es mir egal wäre, kann ich leider auch nicht behaupten. Schließlich bin ich ein Wossi. Mich zum Beispiel könnte es ja gar nicht geben, wäre mein Ossi-Vater nicht mit seinen Eltern aus der DDR geflohen. Nur so konnte er nämlich auf meine Wessi-Mutter treffen und gemeinsam mit ihr mich entwickeln.

Und nun ertrinken täglich Flüchtlinge im Meer, während wir auf der trockenen Seite eine Gedenkfeier veranstalten möchten für diejenigen, die ihren Tod an unserer ehemaligen Grenze fanden. Ich bin gefragt worden, ob ich einen leuchtenden Luftballon steigen lassen möchte. Öffentlichkeitswirksam an der ehemaligen Grenzlinie.

An derselben Stelle wurden vor 25 Jahren ebenso öffentlichkeitswirksam Zäune mit Bolzenschneidern zerstört und Mauern mit Baggern und Kränen eingerissen. Schweres Gerät war chic und Zerstörung die einzig gangbare Variante. Heute bauen wir weitaus kompliziertere Grenzanlagen und sehen Menschen beim Ertrinken zu wie Insekten. Oder sehen wir nicht. Wir sehen in den Medien stattdessen leuchtende Luftballons an der Grenzlinie aufsteigen und lauschen dazu Peter Gabriel mit einer Orchesterversion von „Heroes“.

I wish I could swim
like dolphins
like dolphins can swim
though nothing
will keep us together
We can beat them
forever and ever
oh we can be heroes just for one day

Sie schwimmen nicht wie Delfine, unsere heutigen Flüchtlinge. Sie ertrinken zu Tausenden. Ihre toten Körper werden an europäische Strände gespült. We could be heroes. Wir müssten bloß unsere Grenzen aufschneiden und all die Mauern einreißen. Wir müssen keine Luftballons steigen lassen und Nebelkerzen zünden. Zerstörung ist die einzig gangbare Variante, wenn es um Grenzen geht, die Tode verursachen.

Klingt das radikal in Ihren Ohren? Nun, dann sollten Sie noch einmal prüfen, was genau Sie dieses Wochenende für eine Party feiern wollen.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Meike Büttner: Der Zuschauerdefekt

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