Nichtwähler sind die eigentlich Staatsfrommen. Bodo Hombach

Verschwörung? Theoretisch!

Sie haben es ja schon immer geahnt: Weltexklusiv spricht unsere Kolumnistin hier über ihre Kontakte zu CIA, FSB und Co.

Gut. Lasse ich mal die Hosen runter. Sie alle haben es doch eh schon lange geahnt. Quatsch, gewusst! Sie kennen die Wahrheit! Ihnen konnte ich noch nie etwas vormachen. Sie fordern, dass wir es endlich offenlegen. Also werde ich heute den ersten Schritt tun. Heute beschreibe ich Ihnen meine Verbindungen zum CIA und einigen mächtigen Zionisten, die die Welt beherrschen.

Die vorgefertigten Berichte der Geheimdienste

Wenn meine Tochter in der Schule verschwunden ist, beginnt mein Arbeitstag. Als Journalistin muss ich zuerst meine täglichen Informationsmedien nutzen, um mir einen Überblick über das Tagesgeschehen zu verschaffen. Meine Kollegen beim CIA kann ich zu dieser Zeit noch nicht erreichen. Durch die Zeitunterschiede ist es bei denen in Virginia noch mitten in der Nacht. Meine Freunde beim FSB hingegen sind uns immer um Längen voraus. Zwei Stunden, um genau zu sein. Die vom russischen Geheimdienst haben um diese Uhrzeit also immer bereits etwas vorbereitet, was ich schreiben soll. Sie diktieren am Telefon oder senden eine E-Mail über verschlüsselte Server. Ich korrigiere ein paar kleine Rechtschreibfehler und formuliere an einigen Stellen emotionaler.

Die vorgefertigten Berichte der Geheimdienste wirken stets etwas bürokratisch gestelzt. Nach dem letzten Schliff kann ich meine Geschichten bei den Redaktionen anbieten. Dazu muss ich nur auf die Liste pro-russischer Redaktionen schauen, die JournalistInnen gemeinsam mit dem Presseausweis vom deutschen Journalistenbund zugeschickt bekommen, wenn sie ihre Karriere als Demagogin/Journalistin beginnen. Für jede Keimzelle des ideologischen Krieges gibt es selbstverständlich eine solche Liste.

Nachdem ich den Artikel in diesen Redaktionen angeboten habe, drucken ihn einige und andere erteilen den Auftrag an ihre hauseigenen Kartellschreiberlinge, den Artikel so ähnlich noch einmal zu schreiben. Im Internet haben wir längst einen geheimen Server eingerichtet, wo JournalistInnen ihre Regierungsdiktate archivieren, damit wir leichteren Zugang haben und das Abschreiben leichter fällt. Sie haben völlig recht mit Ihrer Annahme: Wir recherchieren gar nicht mehr, seit es das Internet gibt. Wozu denn? Wir haben doch einen Auftrag!

Wir haben die Fäden in der Hand

Gegen ein Uhr westeuropäischer Zeit erwacht dann der Informationsfluss aus Virginia und ich muss mich beeilen, alles aufschreiben zu können. Denn in einer Stunde wird meine Tochter von der Schule zurückkehren und ich muss sie dann in die Jugendvereinigung der weltweiten Informationsverarbeitung schicken, wo sie die Ziele der neuen Weltordnung kennen und verwirklichen lernen muss. So wie ihre Mutter es tut. Voller Stolz darauf, ein Teil der Macht zu sein, die ihr Volk unterdrückt. Mächtig fühle ich mich kurz vor dem Mittagessen, wenn ich meine Rechnungen aufsetze. Eine an die Redaktion und eine an die Regierung des Landes, für welches ich schreibe. Ich bin reich geworden mit dieser Tätigkeit. Sie haben es ja schon immer geahnt.

In der Vereinigung besucht meine Tochter die Workshops und Bildungsangebote, ich nehme teil an der Ehrung zionistischer Götzen. Täglich finden wir treuen SchreibtischtäterInnen uns zusammen in kleinen nachmittäglichen Gottesdiensten, in welchen wir unsere morgendlichen Medienbeiträge loben und für den nächsten Tag einhellige neue Meldungen besprechen. Im Anschluss singen wir die Hymne der ehemaligen SED in abgeänderter Form. „Die Presse, die Presse hat immer Recht. Und Genossen es bleibet dabei! Denn wer kämpft für das Recht, der hat immer Recht gegen Lüge und Ausbeuterei.“

Wir haben die Fäden in der Hand und verabschieden uns mit innigen Umarmungen. Putin, Obama, die anderen Schreiberlinge, wir kennen uns alle persönlich und haben am Abend noch einen gemeinsamen Umtrunk, bevor wir zu Bett gehen und von der Versklavung der gesamten Menschheit träumen. Ihnen konnten wir nie etwas vormachen! Sie lagen völlig richtig. Wenn Sie auch Lust haben auf ein Amt mit so viel Macht, Geld und Ruhm, senden Sie einfach eine Bewerbung an den Geheimdienst Ihres Vertrauens. Vielleicht sind wir dann ja schon bald Kollegen oder Sie versuchen, den Laden mal von innen aufzumischen, anstatt hilflos in Kommentarzeilen zu agieren, die in der Regel keiner von uns liest. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg und freue mich auf Ihren Beitrag für das Scheitern der Menschheit! Teilen Sie unsere Mission! Arbeiten Sie mit an der Zerstörung und Neuordnung der Welt! Werden auch Sie Schreibtischtäter! Die Bezahlung allein ist der Hammer!

Und wenn Sie erst einmal im Club sind, zeige ich Ihnen unsere Zeichen überall und erkläre Ihnen, was der Berliner Fernsehturm mit unserer Gehirnwäsche zu tun hat und inwiefern Ihre Kuscheltiere und Elektrogeräte von zwölf US-Amerikanern gelenkt werden.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Meike Büttner: Der Zuschauerdefekt

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