Die meisten Journalisten haben kein Gewissen mehr. Jörg Kachelmann

Treten’s zurugg, Stracke!

Der CSU-Abgeordnete Stephan Stracke bezeichnet im Bundestag Hartz-IV-Empfänger als „faule Grippel“. Ein Skandal, denken Sie jetzt? Nein, nein, viel schlimmer.

Wissen Sie, was ein Rammel, der [Ràmme], ist im Bayerischen? Das ist ein grober, ungehobelter Mensch oder Tölpel, nicht zu verwechseln mit dem Rammerl, das [Ràmmàll], was die Kruste aus am Innenrand haftenden Speisen in Pfannen, Töpfen, Back- und Kuchenformen ist.

Falls Sie sich jetzt fragen, wieso Sie eigentlich Bayerisch verstehen müssen im aktuellen politischen Diskurs, schauen Sie sich doch einfach mal dieses Video hier an.

In Sekunde 33 bezeichnet der CSU-Abgeordnete Stephan Stracke Hartz-IV-Empfänger*innen als „faule Krüppel“. Stracke ist ordentliches Mitglied im Ausschuss für Arbeit und Soziales und hat dabei die Funktion des Obmanns der CDU/CSU-Bundestagsfraktion in diesem Ausschuss inne. Dass es ihm als solchem gelingt, arbeitslose Menschen pauschal zu verurteilen, stößt übel auf.

Aber er hat es ja gar nicht so gemeint, wie wir ihn in diesem Video richtigstellen hören können: Ein Grippel ist kein Krüppel! Sondern ein Mensch, „der seiner Arbeit etwas zurückhaltend nachgeht (…) und keine ( …) Verunglimpfung, wie Sie das gehört haben“. Ach so! Also heißt es einfach noch einmal „faul“? Also ist ein fauler Grippel ein fauler Fauler?

Das bayerische Lexikon hilft einem da leider nicht weiter. Diverse Nachschlagewerke habe ich zu Rate gezogen, in keinem konnte ich den „Grippel“ entdecken. Wir müssen uns also wohl mit der Definition des Abgeordneten zufriedengeben. Das Wort „Entschuldigung“ sucht man in seiner Stellungnahme vergeblich, was einem die Vermutung aufdrängt, dass Herr Stracke diese Verunglimpfung nicht zufällig fallengelassen hat. Wir werden hier nicht Zeugen einer typischen menschlichen Verfehlung, sondern sehen eine gelungene Positionierung.

Irgendeiner muss es ja machen

Bei der Landtagswahl in Sachsen hat die AfD über 12 Prozent der Stimmen erhalten. Um das Potenzial, das an Stimmen für die CDU verloren gegangen ist, wieder zurückzuerhalten, muss man schon am rechten Rand fischen. Dabei kann ein hier oder da gestreuter menschenverachtender Beitrag große Wunder wirken.

Für Stracke gibt es keinen Grund, sich zu entschuldigen. Er ist der Messias, der die verlorenen Schafe einsammelt und in die Mitte der Partei zurückbringen möchte. Wenn eine immer größere Zahl von deutschen Wähler*innen menschenverachtende Positionen bezieht, muss man sich schon etwas einfallen lassen, um als Partei noch gewählt zu werden. Stracke zeigt seinen Mitstreiter*innen, wie das geht.

Oder wurde er vielleicht gar vorgeschickt, von einer Kanzlerin, die ihm darum nun auch bald ihr „vollstes Vertrauen“ aussprechen wird? Denn irgendeiner muss den Job ja machen! Und falls Sie Hartz-IV-Empfänger*in sind und sich durch diese Rede angesprochen fühlten, so seien Sie beruhigt! Sie waren gar nicht gemeint. Die Rede richtete sich an potentielle AfD-Wähler*innen. Beruhigen Sie sich wieder, Sie faule/r Faule*r!

Aber mal im Ernst: Herr Stracke, ich fordere Ihren Ruggtritt!

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Meike Büttner: Der Zuschauerdefekt

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