Von großen und kleinen Monstern

Meike Büttner24.07.2014Gesellschaft & Kultur

Sadisten, Roboter, Angsthasen: Ganz Deutschland verzieht seinen Nachwuchs. Eine Beobachtung aus dem Sandkasten.

Thorben und Pia erziehen ihre Kinder bio. So sagt Thorben zu dem fremden Vater auf dem Spielplatz und entfernt das Plastikförmchen angestrengt aus den Fingern seiner Jüngsten: „Plastik ist sehr ungesund. Frida könnte durch dieses Spielzeug ihre Zeugungsfähigkeit verlieren“, erklärt er und reicht das Spielzeug an den fremden Vater. Frida, der ihre Zeugungsfähigkeit ganz egal ist, nicht jedoch dieses Sandförmchen, beginnt zu schreien.

Der fremde Vater stellt sich vor: „Ich bin Jörg. Wir erziehen unsere Kinder mit einem besonderen Förderansatz. Maximilian soll alles anfassen und in den Mund nehmen. Das ist wichtig, damit er die Welt begreift. Wenn wir ihn einschränken, wird er ein ängstlicher Stubenhocker.“ –„Aha“, kommentiert Thorben und entfernt nun das schreiende Kind von Maximilian. Seine Frau Pia hat die Szene beobachtet und will wissen, was los ist. „Dieser Maximilian da wird ein grenzenloser Egoist. Sie lassen ihn alles machen. Wenn das so weitergeht, enden wir bald in einer Gesellschaft voller Egozentriker!“ Nicht nur Pia nickt dazu. Auch eine Mutter in Hörweite stimmt ihm zu. „Natürlich geht das nicht gut!“, denkt die bestätigend Nickende. „Immer diese sogenannten neuen Väter! Nur weil die Frauen keine Verantwortung übernehmen wollen für ihre wahre Aufgabe. Väter können doch keine Kinder erziehen“, denkt sie. „Väter müssen Geld verdienen. Die Mütter kümmern sich, sonst werden die Kinder homosexuell oder anderweitig verwirrt.“

Wir werden alle untergehen

Diese Mutter heißt Andrea und ihr sind Werte wichtig. Werte, die heute überall fehlen. Gerade erst wieder ist diese Abwesenheit so grausam spürbar, dass sie nach den Händen ihrer zweijährigen Martha greift und mit ihr zu beten beginnt. Früher hatte sie mit Gott nichts am Hut, aber seit sie sich um Martha kümmert, weiß sie, dass nur er sie alle schützen kann. Martha, Andrea und ihren Mann Georg, der im Management einer Gießerei arbeitet und Martha meist nur am Wochenende sieht.

Nach dem Beten gönnt Martha sich eine Handvoll Sand. „Pfui, pfui!“, schreit Andrea und befeuchtet mehrere Taschentücher mit ihrem mitgebrachten Wasser, um Marthas Mund zu waschen. Thorben schüttelt verächtlich den Kopf. „Wenn die Eltern ihren Kindern weiterhin den Zugang zur Natur verwehren, werden wir bald lauter Roboter auf dieser Erde haben.“ Frida schlägt indes einen Jungen mit einem Stock und Pia springt auf, um ihr den Stock wegzunehmen. Frida schreit erneut auf. Die Projektmutter des geschlagenen Kindes sieht zu. „Wir werden in einer Gesellschaft aus Weicheiern enden“, denkt sie und ihr Sohn spielt unbekümmert weiter. Gegen so etwas kann er sich selbst wehren.

Darüber schütteln nun fast alle auf dem Spielplatz den Kopf. Dieser Mutter ist ihr Kind wohl ganz egal. Wir werden in einer brutalen Welt enden, sind sie sich einig. Ängstlich packen sie ihre Kinder zusammen und rennen in die schützende Umgebungen der Shoppingcenter, Kirchen und Eigentumswohnungen. Die Zukunft ist in Gefahr. Wir sehen es auf den Kinderspielplätzen. Alle Eltern erziehen ihre Kinder zu Monstern und wie es aussieht, werden wir alle untergehen.

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