Ein schleierhaftes Versprechen

Meike Büttner3.04.2014Gesellschaft & Kultur

Eine irrsinnig teure Party, veraltete Bräuche und ein paar wenige Finanzvorteile. Wieso nur tut man sich eine Heirat eigentlich an?

In Europa werden immer weniger Ehen geschlossen, “dafür immer mehr geschieden()”:http://epp.eurostat.ec.europa.eu/statistics_explained/index.php/Marriage_and_divorce_statistics/de. Bevor sich 2010 in der EU 2,2 Millionen Paare das Jawort gaben, wurden im Jahr zuvor eine Million Ehen geschieden. Seit den 1990er-Jahren ist diese Entwicklung in den Industriestaaten zu beobachten. Die Eheschließungsrate lag damals bei 6,8 und heute bei 4,4, während die Scheidungsrate 1990 bei 1,6 lag und heute bei 2,1. In Irland darf man sich übrigens erst seit 23 Jahren scheiden lassen, auf Malta erst seit drei Jahren.

Trotz dieser Zahlen scheint es aber noch immer seltsam obsolet, dass zwei einander heiraten, wenn sie sich lieben. Es passiert ständig in Fernsehserien, in eigenen Hochzeitsshows, in Büchern und auf der ganzen Welt werden die Bestrebungen immer größer, die Ehe für einen noch größeren Personenkreis zu öffnen. Auch homosexuelle Paare wollen heiraten dürfen. Wieso auch sollten sie nicht die gleichen Rechte haben wie die anderen? Es stellt sich bloß die Frage, was genau das eigentlich ist, das so viele Menschen unbedingt haben wollen.

Von der Sklavin zur Ehefrau

Die älteste Zwei-Personen-Ehe unserer Gesellschaft ist die Muntehe. Munt bedeutet so viel wie Schutz, aber auch Herrschaft. Bei dieser Form der Heirat wurde mit den Frauen zwischen den Germanensippen gehandelt. Eine Frau war sehr teuer und wurde aus politischen oder wirtschaftlichen Gründen gehandelt. Zu sagen hatte sie nichts, zu tun jede Menge. Man erwartete, dass sie dem Mann viele Kinder schenkte und sich um deren Aufzucht bemühte. Ebenfalls hatte sie natürlich für Haus und Hof zu sorgen.

Außerdem gab es noch die Kebsehe, geschlossen zwischen einem freien Mann und einer sogenannten Unfreien. Kebse bedeutet Sklave. Die Frau wurde also zur Sklavin des Mannes bestimmt. Ab dem zehnten Jahrhundert breitete die Macht der Kirche sich mehr und mehr aus und sie setzte eine monogame Konsensehe auf. Ab dem 13. Jahrhundert war die Macht der Kirche inzwischen sogar so ausgebreitet, dass nur die kirchliche Ehe ein Paar ermächtigte, zusammenzuleben. Eine Ordnung der Abtei St. Peter in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts bestimmt, wer ohne den Segen der Kirche zusammenlebe, der solle „des Gebietes verwiesen und von einem Abt nach seinem Willen bestraft werden“.

1792 wurde die Ehe das erste Mal zur Staatssache erklärt. In Frankreich im Zuge der Revolution. In Deutschland wurde die Ehe im Dritten Reich zur Staatsangelegenheit. Heute haben Homosexuelle noch eingeschränkte Eherechte und seit den 1990er-Jahren werden Ehen immer seltener geschlossen und Menschen leben in den unterschiedlichsten Lebensformen zusammen. Die Zahl der Alleinerziehenden, Patchworkfamilien und „losen Zusammenschlüsse“ wächst stetig, während die Ehe allmählich an Bedeutung verliert.

Was soll das?

Die Ehe hat sich also vom Menschenhandel über religiöse Zwänge hin zu einem Staatsakt gemausert. Wenn zwei sich zu einer Heirat entschließen, vereinbaren sie einen Termin beim Standesamt. Ein Beamter oder eine Beamtin erklärt sie für verheiratet, sie müssen Dokumente unterzeichnen und gelten somit vor dem Staat als Gemeinschaft. Sie geben dem Staat ein Versprechen. Was genau dem Staat versprochen wird, bleibt schleierhaft. Denn während die Ehe früher noch mit dem Willen einherging, Kinder zu zeugen und eine Familie zu gründen, muss eine Ehe heute noch lange nicht bedeuten, dass die Eheleute sich auch fortpflanzen.

Dass der Staat überhaupt die Ehe eingerichtet hat, liegt aber eben genau an diesem gesetzlich festgeschriebenen Schutz der Familie. Die Erwartung des Staates an seine Eheleute ist klar: Gehet hin und vermehret Euch! Die letzte Familienministerin Kristina Schröder hat daran nie einen Zweifel gelassen und es gerne immer wieder betont, dass wir die Ehe benötigen, weil wir Kinder brauchen. Und unabhängig von den Gefühlen der verliebten Eltern, stellt ein Kind in der Rechnung des Staates nichts weniger dar als die Sicherung der Zukunft.

Wer heute geboren wird, zahlt morgen in die Kassen. Mit Romantik hat dieses Versprechen sehr wenig zu tun. Eher mit einer Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft. Eine Verpflichtung übrigens, die im Endeffekt nichts anderes bedeutet als eine Mehrbelastung für die Eltern. Wer heute kinderlos bleibt, profitiert mehr denn je von Finanzvorteilen gegenüber Familien. Am meisten profitiert die Gruppe der kinderlosen Verheirateten. Sie schöpfen die Vorteile des Ehegattensplittings voll aus, während nur einer von ihnen einer Erwerbstätigkeit oder irgendeiner Verpflichtung nachgehen muss.

Eine schützenswerte Verbindung?

“2011 gab es in Deutschland 9,8 Millionen Ehepaare ohne Kinder im Vergleich zu 5,8 Millionen Ehepaaren mit minderjährigen Kindern()”:http://www.bpb.de/nachschlagen/zahlen-und-fakten/soziale-situation-in-deutschland/61575/paare-und-familien.

Einige von ihnen werden vielleicht noch Kinder bekommen, andere haben aus schierer Liebe geheiratet und werden sich das nicht durch Kinder streitig machen lassen, wieder andere haben es einfach nur der finanziellen Vorteile wegen getan und haben sonst keine weiteren Assoziationen zum Ehebegriff.

Dennoch gilt all diesen Menschen gegenüber ein grundgesetzlich verankerter Schutz, den andere nicht genießen dürfen. Ein Gang zum Standesamt und zwei Unterschriften auf einer Urkunde sollen sie zu etwas Wertvollerem gemacht haben, als andere es sind. Schützenswert sei ihre Verbindung.

Man kann Menschen, die keine Kinder bekommen, sicher nicht egoistisch nennen. Ein Versprechen, Kinder zu zeugen, sollte niemandem abgerungen werden müssen in einem freien Land. Der Mensch soll tun, was der Mensch tun will. Nur stellt sich mir die Frage, wieso sie eines besonderen Schutzes bedürfen, meine privilegierten Mitbürger und Mitbürgerinnen. Und ich frage mich auch, wozu es so viele Menschen tun.

Was genau wollt ihr wem damit eigentlich sagen?

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