Partydresscode: Kapuze

Meike Büttner28.03.2014Gesellschaft & Kultur, Medien

Wieso verfallen so viele Menschen, die der Sprache mehr als mächtig sind, in eine solche Zurschaustellung? Eine Analyse zur Anatomie der #hoodie-Debatte.

Der Typ, der den Kapuzenpulli erfunden hat, hat “fünf Likes auf Facebook()”:https://www.facebook.com/pages/Der-Typ-der-den-Kapuzenpullover-erfunden-hat/210562635657022. Sonst weiß man nicht viel über ihn.

Seine Erfindung, der sogenannte Hoodie, wurde jedenfalls zuerst von der Firma Champion hergestellt. “Ursprünglich als Arbeitsbekleidung()”:http://www.rollingstone.com/culture/news/the-history-of-the-hoodie-20120403 für Menschen, die der Witterung ausgesetzt sind oder in Kühlhäusern arbeiten müssen, wurden die ersten in den 1930er-Jahren hergestellt. Die Firma Champion nahm doppelte Baumwolle, nähte noch eine Kapuze dran und beschützte so die Arbeiter*innen vor der Kälte.

Alles begann in den High Schools

Mit demselben Nutzen wurden dann auch Sportler*innen damit ausgestattet. Damit Spieler*innen sich in den Spielpausen nicht erkälten. Die männlichen Basketballspieler an den High Schools schenkten ihre Hoodies ihren Freundinnen. So begann der Trend und die Pullis wurden zur Alltagskleidung. Jedoch noch lange nicht für jeden. Zunächst waren es High Schools und Orte subversiver Jugendkulturen, die den Trend aufgriffen. Wenn man dem Hoodie Symbolcharakter beimessen wollte, sähe das in etwa so aus:

bq. Die Menschen, die begannen, Kapuzenpullis zu tragen, kamen aus der so geschimpften Unterschicht und die Kapuze unterstrich ihren Outlawcharakter. Eine Kapuze kann ein Stigma sichtbar machen. Hier muss sich jemand verstecken vor einer Gesellschaft, die ihn ausschließt. Jemand sucht Schutz unter einem bergenden Stück Stoff, möchte den Abstand zwischen sich und der Welt vergrößern. Hoodieträger*innen haben etwas zu verbergen. Sie ziehen die Kapuze über, wenn sie Wände mit Graffitis bemalen oder wenn sie Steine nach den Obrigkeiten werfen. Ein Kapuzenpulli ist das Zeichen der Unterdrückten und Outlaws. So weit der Hoodie. Die Kapuze an sich geht in ihrer Symbolkraft noch weitaus weiter. Zurück zu den Mönchskutten, vorbei am Ku-Klux-Klan, hin zur baumwollenen Krone für die Mächtigen aus einer längst vergessenen Welt.

Man muss das nicht so sehen. Man kann ihn auch schlicht als ein paar Meter Stoff begreifen, längst gesellschaftsfähig und tragbar für alle, aber wenn man ihn unbedingt zu einem Symbol machen möchte, sollte man besser dreimal prüfen, was man damit aussagt. Erst recht, wenn diejenigen, die ein Symbol für sich suchen, ausgerechnet Journalist*innen sind, die gerade das mit den Symbolen doch eigentlich viel besser wissen sollten.

Kleider machen Leute

Am Sonntag begannen nun aber einige Onlinejournalist*innen, mit einem popkulturellen Internetfeuerwerk für Furore zu sorgen. Der Zündstoff: Die schlechtere Bezahlung und Geringschätzung gegenüber den sogenannten Onlinern im Vergleich zu den Festangestellten der Printmedien; das Feuerwerk: eine bunte Parade auf Twitter mit Selfies von Onliner*innen in ihren Kapuzenpullis, Hashtag: “#hoodiejournalismus()”:https://twitter.com/search?q=%23hoodiejournalismus&src=tyah.

Ein Selfie ist wieder so eine ganz andere symbolträchtige Sache. Ein Selfie zeigt einen Menschen immer so, wie er sich gerne sehen möchte. Der Mensch, in endloser Eitelkeit mit sich alleine, schießt ein Foto von sich, wie er sich gerne sehen möchte. Es ist ein Moment der Eitelkeit, der Selbstgefälligkeit und unschlagbar egozentrisch. Ich allein bin die Aussage meines Bildes. Ich bin das Medium, ich bin eine Ikone.

Ausgelöst übrigens wurde die Party durch einen Artikel in der „Zeit“ über die Tatsache, dass einige Mitarbeiter*innen der „Süddeutschen Zeitung“ “Stefan Plöchinger()”:http://www.zeit.de/2014/13/sueddeutsche-zeitung-ploechinger nicht gerne als Mitglied der Chefredaktion sähen und dies unter anderem mit der Tatsache begründen, dass er Kapuzenpulliträger sei.

Plöchinger wurde also nicht zum Mitglied der Chefredaktion, obwohl er ganz sicher gut aufgehoben wäre in dieser Funktion, wie viele andere finden. Plöchinger ist lange schon eine Schnittstelle zwischen Journalismus und seinen Konsument*innen. Auf Twitter ist er ein bunter Hund, geschätzt und so sehr „drinnen“ wie nur wenige andere. Wenn in ist, wer drin ist, dann ist Plöchinger ganz sicher in, was wiederum seinen Kapuzenpulli durchaus zu einem Trend machen würde.

Kleider treffen immer eine Aussage über ihre Träger*innen. Ob wir sie als Symbole verstehen oder nicht, Kleider machen Leute. Was Stefan Plöchinger mit seinem Pulli aussagt, ist irgendetwas, das offenbar auch Kai Dieckmann so sagen würde. Auch er trägt häufig dieses Kleidungsstück. Er inszeniert es auch gerne. Der Mann von Welt im Hoodie, das ist noch einmal eine ganz andere Aussage: Ich gehöre zu euch, sagt Kai Dieckmann. Klar, ich habe die größte Zeitung des Landes, aber ich bin immer noch da unten bei den Outlaws, die meine Zeitung lesen. Ich bin kein Teil des Establishments, sondern einer von euch. Was für einen Kai Dieckmann okay ist, sollte für einen Onlinechefredakteur doch mindestens ebenso so in Ordnung sein, oder etwa nicht?!

Insofern ist es natürlich nicht nur verständlich, sondern sogar immens wichtig, über die Rollenverteilungen im Medienzirkus sprechen zu wollen. Mit Wörtern. Dem, was Journalist*innen doch eigentlich als ihre Werkzeuge verstehen. Was aber soll ein Selfiefeuerwerk am Establishment der Medienbranche ändern, inwiefern hilft dieses Symbol, irgendetwas an den vorherrschenden und sehr, sehr festgefahrenen Eliten zu ändern? Wieso verfallen so viele Menschen, die der Sprache mehr als mächtig sind, in eine solche Zurschaustellung ohne erkennbaren Hintergrund? Und wie war das denn noch gleich mit den Symbolen, liebe Schreibtischtäter*innen. Bürgen die nicht immer auch eine Gefahr, die es dringend zu hinterfragen gilt? Und gefallt Ihr Euch eigentlich in dieser Rolle der Unterdrückten?

Wie wäre es beispielsweise mit dieser Geschichte:

bq. Am 26. Februar 2012 wurde der 17-jährige Trayvon Martin von George Zimmerman erschossen. Der Junge war unterwegs, um Eistee zu kaufen. Auf dem Nachhauseweg nahm er die Abkürzung durch eine bewachte Wohnanlage in Sanford bei Orlando. Sein „Fehler“: Er trug einen Kapuzenpulli und er war schwarz. George Zimmerman verständigte daraufhin die Polizei. Der Junge stehe unter Drogen und habe auch noch die Hände in den Taschen, begründete Zimmerman die Gefahr. „Diese Arschlöcher entkommen immer!“, fügte er noch hinzu. Auch Trayvon telefonierte. Er telefonierte mit seiner Freundin, die mit anhörte, wie George Zimmerman den 17-Jährigen anbrüllte und schließlich erschoss. Der Fall löste einen Skandal aus. In New York fand darauf am 21. März der „1.000.000-Hoodie-March“ statt, bei dem Menschen durch das Tragen von Hoodies ihre Solidarität mit dem 17-jährigen Opfer bekundeten. Das alles ist ziemlich genau ein Jahr her.

Wem das nicht reicht, um den Hoodie nicht ausgerechnet als Symbol nutzen zu wollen, der sei gerne auf Darth Vader, den Boxsport oder das Christentum verwiesen. Ich bin auch der Meinung, dass die Arroganz etablierter Personen der gesamten Gesellschaft das Leben schwermacht. Ich bekomme nur einfach nicht hin, ausgerechnet mich selbst als das größte Opfer dieser Problematik zu verstehen und ich sehe es absolut nicht ein, meine gemütlichen Pullover mit irgendeinem Pathos zu bekleiden. Was soll dieses Gemauschel?

Ob Ihr Kapuzen tragt oder nicht, schreibt an gegen Strukturen, anstatt Euch im Wellnessbereich in ihnen zu suhlen, bitte.

_Anmerkung: In einer ersten Version stand, dass Stefan Plöchinger zum Online-Chefredakteur ernannt werden soll. Wir haben diesen Fehler korrigiert und bitten um Entschuldigung._

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