Die Alleingelassenen

Meike Büttner14.03.2014Innenpolitik

Deutschlands Alleinerziehenden geht es viel schlechter, als die Berichte glauben lassen.

In Deutschland leben 1,7 Millionen alleinerziehende Eltern. 1,6 Millionen von ihnen haben minderjährige Kinder, die noch bei ihnen leben. Der Mehrzahl dieser Menschen geht es aber noch viel schlechter “als eine neue Bertelsmannstudie”:http://www.bertelsmann-stiftung.de/cps/rde/xchg/bst/hs.xsl/nachrichten_120447.htm suggeriert, deren Fakten auch schon in der geschönten Version für Aufruhr sorgen.

Annähernd jedes größere Medium hat in den letzten Tagen darüber berichtet. Die neue Studie von Bertelsmann enthält unter anderem die Erkenntnis, dass 39 Prozent der Alleinerziehenden Hartz IV beziehen. Würde diese Zahl stimmen, wäre dies glatt ein Grund zur Freude, da vor zwei Jahren angeblich noch 42 Prozent von ihnen diese Leistungen bezogen. Nimmt man diese Zahlen für sich, klingt das nach einem kleinen Erfolg. Problematisch dabei ist bloß, dass diese Zahlen absolut unrealistisch sind.
Liest man den Mikrozensus – dem diese Studie zu Grunde liegt – genauer, findet man darin den Hinweis, dass die Erhebungen nach den Prinzipien der ILO (International Labour Organization) geführt wurden. Demnach gelten folgende Personen als erwerbstätig:

bq. „Erwerbstätige sind Personen im Alter von 15 und mehr Jahren, die im Berichtszeitraum wenigstens eine Stunde für Lohn oder sonstiges Entgelt irgendeiner beruflichen Tätigkeit nachgehen bzw. in einem Arbeitsverhältnis stehen (einschl. Soldaten und Soldatinnen sowie unbezahlt mithelfender Familienangehöriger), selbstständig ein Gewerbe oder eine Landwirtschaft betreiben oder einen freien Beruf ausüben.“

Viel zu wenig Geld

Stimmt es nicht eher bedenklich, dass es überhaupt noch Menschen geben soll, die nicht erwerbstätig sind nach dieser Definition? Auch unbezahlt mithelfende Familienmitglieder haben eine Erwerbstätigkeit und Menschen, die eine Stunde in der Woche für 15 Euro arbeiten. Selbstständigkeit ist hier auch nicht an finanziellen Erfolg geknüpft. Ausschlaggebend ist die Eintragung als Selbstständige*r beim Finanzamt. Es ist für diese Erhebung vollkommen irrelevant, ob eine selbstständige Person von ihrer Tätigkeit auch leben kann.

Realistisch betrachtet müssen wir also von weitaus höheren Zahlen ausgehen, wenn wir uns fragen, wie viele Alleinerziehende in Deutschland in Armut leben. Immerhin 2,2 Millionen Kinder haben diese Menschen und sie alle sind benachteiligt durch geltende Verhältnisse. Hinter den trockenen Statistiken und Familienberichten des Ministeriums stecken Millionen von Geschichten täglicher Entbehrungen. Die Hälfte aller zu Unterhalt verpflichteten Eltern zahlt die Leistungen nicht im vollen Umfang, ein Drittel zahlt sie gar nicht. Wenn ein Elternteil säumig wird, haben Alleinerziehende ein Anrecht auf den Unterhaltsvorschuss. Dieser liegt jedoch noch unter dem Mindestsatz des gesetzlichen Kindesunterhalts und wird nicht länger als bis zur Vollendung des 12. Lebensjahres ausgezahlt. 133 Euro für Untersechsjährige, 180 für Unterzwölfjährige. Dazu kommen für einen alleinerziehenden Elternteil, der Hartz IV bezieht, noch je nach Bundesland um die 370 Euro plus das Kindergeld von 184 Euro.

Miete, Heizkosten und Versicherung zahlt die Agentur für Arbeit, alles andere muss die betreffende Person von im schlimmsten Fall 587 Euro bezahlen. Strom, Verkehrsmittel, Essen, Vereinsbeiträge, Schulmaterialien, Kleidung, Elektrogeräte, etc. Und unter diesem schlimmsten Fall leidet eine Vielzahl an Menschen, wenn man sich die Zahlen der Unterhaltssäumigen ansieht.

Es ist mit diesem Geld schlicht nicht möglich, einen Hausstand zu gründen oder den täglichen Anforderung einer Kindesentwicklung gerecht zu werden.

Ebenfalls werden sie im Steuerrecht benachteiligt. “Eine Kampagne des VAMV (Verband alleinerziehender Mütter und Väter)”:http://www.youtube.com/watch?v=5rUpYoyKYPw versucht derzeit, dies zu ändern und sammelt Unterschriften für eine gerechtere Besteuerung der Alleinerziehenden, die im Steuerrecht den gleichen Status haben wie ein kinderloser Single.

Das Testament nach Sarrazin

Vielfach wird der Schrei nach dem Staat kritisiert. Heinz Buschkowsky (SPD-Bezirksbürgermeister von Neukölln) wirft alleinerziehenden Menschen in seinem Buch vor, sie gingen ganz selbstverständlich von ihrer Alimentierung durch den Staat aus, Thilo Sarrazin schlägt in eine ähnliche Kerbe und verteufelt die Alleinerziehenden, die seiner Meinung nach alles Drogensüchtige sind (neues Testament nach Sarrazin 2014), die schon in der Schwangerschaft alle Gehirnzellen ihrer Babys abtöten und deren größtes Merkmal die Bildungsferne (altes Testament nach Sarrazin 2011) ist.

Dass sie politisch in die Bildungsferne und Isolation getrieben werden, dass sie zu Bittsteller*innen degradiert und in endloser Scham über ihr Stigma verhaftet werden, wird dabei gerne unter den Teppich gekehrt. Der Ruf nach dem Staat ist obsolet, wo ein Staat seinen Bewohner*innen die Grundlage auf eine Existenz verwehrt. Gerne wird übersehen, dass die Alleinerziehenden dabei nur die Spitze eines Eisbergs sind, dessen größte Problematik die Frage nach dem Wert von Arbeit ist. In Deutschland arbeitet inzwischen jede*r Fünfte im Niedriglohnsektor. Dreiviertel davon sind Frauen. Im Grunde sind viel mehr Menschen durch Armut bedroht, wenn wir weiterhin stur dieser Arbeitspolitik folgen.

Man sieht es bloß vorerst an den Alleinerziehenden, da sie auf dem Arbeitsmarkt so erheblich benachteiligt sind durch fehlende Betreuungsplätze und Bildungsmittel. Wenn weiterhin Menschen für ihre Erwerbstätigkeiten so schlecht bezahlt werden, treibt dieser Umstand noch weitaus mehr Familien in die Abhängigkeit vom Staat.

Abtreibung aus Geldgründen

Familienberatungen bestätigen, dass immer mehr Menschen sich aus wirtschaftlichen Gründen für einen Schwangerschaftsabbruch entscheiden. Der Staat wirkt also bereits erheblich auf die Familienplanung der Menschen ein und ist demnach auch als Verantwortlicher zu verstehen. Und jeder Elter kann schon morgen betroffen sein, wenn er oder sie verlassen wird oder der/die Partner*in stirbt. Hinzu kommt: Selbst wer heute seine Kinder gemeinsam erzieht, sieht sich bereits den Schwierigkeiten der Vereinbarkeit ausgesetzt. Teilzeitstellen sind deutschlandweit vollkommen unterbezahlt, Präsenzzeiten dafür überbewertet. Hinzu kommt der Grundsatz, dass man die Qualität eines Staates durchaus daran bemessen muss, wie er mit seinen Schwächsten umgeht.

Dass Alleinerziehende nach dem Staat brüllen und um Hilfe schreien, wirkt angesichts dieser Existenzbedrohung nur allzu verständlich. Völlig unverständlich scheint in diesem Zusammenhang nur, wie isoliert sie auch in diesem Kampf stehen. Offenbar sehen die nichtalleinerziehenden Eltern sich keiner Gefahr ausgesetzt. Über dieses Thema herrscht gerne betroffenes Schweigen. Zahlreiche Fernseh- und Zeitungsberichte über Einzelschicksale alleinerziehender Eltern führen an keinem Ort zu einem Aufschrei oder einer Reform ihrer Rechte. Alleinerziehend heißen sie. Man könnte sie genauso gut „die Alleingelassenen“ nennen. Und betroffen sind viel mehr Familien, als sie selbst zu glauben bereit sind.

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