Wir leben nicht in einer humanen Welt, wir leben in einem Dschungel. Nawal El Saadawi

Sie und Ihre schmutzigen Fantasien

Nichts ist so gefährlich wie die Fantasie eines Menschen. Auch nicht unsere eigene. Was aber, wenn diese in die Öffentlichkeit gelangt?

Sie müssen nun tief in sich gehen und ganz ehrlich sein. Die folgenden Fragen, die ich Ihnen zu Ihrem Intimleben stelle, werden Ihnen indiskret erscheinen, aber es ist von immenser Wichtigkeit für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft, was Sie so alles vor sich hin fantasieren.

Haben Sie schon einmal das Bedürfnis verspürt, jemanden beim Sex zu fesseln? Erregt Sie vielleicht sogar der Gedanke, jemanden beim Sex zu würgen? Haben Sie bereits von einem Dreier geträumt oder von Sex mit Ihrer Chefin, einem Feuerwehrmann oder einer Handwerkerin? Es ist nicht wichtig, ob Sie diese Dinge schon einmal getan haben. Seien Sie ganz ehrlich: Was für schmutzige Gedanken treiben Sie so um, wenn Sie allein mit sich sind und in spezieller Stimmung?

Wie privat ist es denn wirklich?

Das meiste davon haben Sie vermutlich ohnehin noch nie ausprobiert, oder? Einiges scheitert an physikalischen Gesetzen, wieder anderes an Ihrem Verstand. Was Sie so alles träumen, ist ja Ihr Privatvergnügen. Aber wie viel davon probieren Sie auch wirklich aus? Und wie privat ist es denn wirklich?

Wissen Sie, wovon Sebastian Edathy in solchen Stunden träumt? Ich weiß es nicht.

Es gibt ja Menschen, die der Meinung sind, zu wissen, was Edathy sich vorstellt. Und sie wissen auch, dass das zu weit geht. Zum Beispiel geht das zu weit, wenn jetzt die Öffentlichkeit von diesen Vorwürfen erfährt und deshalb nicht mehr die SPD wählt. Darum hat Sigmar Gabriel entsprechend reagiert. Er hatte ja schon länger diese Akte auf dem Tisch, in welcher die angeblichen Vorlieben des Sebastian Edathy beschrieben waren. Aber wenn es an die Beliebtheit der SPD geht, dann ist die Fantasie durchaus einzustufen als eine, die viel zu weit geht.

Nichts ist so gefährlich wie die Fantasie eines Menschen

Auch die Staatsanwaltschaft Hannover fand, es ginge zu weit und ging noch um einiges weiter. Sie gab kurzerhand eine Pressekonferenz. Unschuldsvermutung, hin oder her. Nichts ist so gefährlich wie die Fantasie eines Menschen, weiß die Staatsanwaltschaft Hannover. Und auch die Medien wissen es und stürzen sich auf den Fall, während Sebastian Edathy wohl an ein Beatmungsgerät angeschlossen sein muss, um so stillhalten zu können, wie er es gerade tut.

Er äußert nur wenig zu den Vorwürfen, vor allem äußert er, dass man ihm bis heute keinen konkreten Vorwurf mitgeteilt habe. Die Staatsanwaltschaft hat also öffentlich gehandelt und ein Vorurteil erzeugt, bevor der Fall überhaupt wirklich angelaufen war. Sebastian Edathy muss über ein hohes Maß an Selbstbeherrschung verfügen, dass er die pikanten Anschuldigungen so über sich ergehen lassen kann, wie das momentan der Fall ist.

Kommen wir zurück zu Ihnen. Sind Sie auch selbstbeherrscht? Können wir Anderen sichergehen, dass Sie tatsächlich niemals eine Ihrer dreckigen kleinen Fantasien ausleben werden an uns? Ach so. Ja. Ich dachte mir, dass Sie davon gar nicht betroffen sind. Dass in Ihren Fantasien nur ganz langweiliger Sex in Missionarsstellung stattfindet. Und das überhaupt die „normalen“ Menschen alle keine ekligen Fantasien haben. Das ist ja klar. Und ein schlechtes Buch wie „Shades of Grey“ hat sich eben millionenfach verkauft, weil die Leser*innen es wie ein Sachbuch gelesen haben. Weil sie nämlich einfach nur mehr erfahren wollten über diese Praktiken, mit denen sie selbst so gar nichts zu tun haben.

Ja, ja. Träumen Sie schön weiter! Aber lassen Sie es nur nie jemanden erfahren.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Meike Büttner: Der Zuschauerdefekt

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