Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser

Meike Büttner20.02.2014Gesellschaft & Kultur, Wissenschaft

Am Anspruch, Dinge unter Kontrolle zu bringen, können wir nur scheitern – und das ist gut so, denn Kontrolle führt automatisch zu Gewalt.

Menschen sind schon komisch. In Filmen, Büchern und unserer Kunst beweisen wir immer wieder Ideale, die wir im wahren Leben nie zu erreichen scheinen. Und eben unsere Menschlichkeit soll dann immer wieder herhalten, das zu entschuldigen. Im Grunde gibt es für unsere täglichen Verfehlungen gar keine Entschuldigungen und nur eine einzige Ursache. Unser einziges Problem ist der ständige Versuch, etwas zu erlangen, was wir niemals haben werden: Kontrolle.

Wir haben alle Angst. Wir fürchten uns vor dem Tod, vor Krankheiten, vor Gewalt und Wandel. Die Angst ist der ständige Begleiter der Menschen und sie wird niemals weichen. Einige Ängste mahnen uns, uns fernzuhalten, andere können als Motivation verstanden werden, sie zu überwinden. Die einzige Kontrolle, die wir erlangen können, ist das Wissen darum, in welche der beiden Kategorien wir die Ängste verorten sollen, wenn sie uns begegnen. In unserer Macht steht nur, ob wir die Angst als eine natürliche Grenze begreifen oder ob wir sie überwinden wollen. Alles andere liegt außerhalb unserer sogenannten Kontrolle.

Kontrolle von außen funktioniert nicht

Massenüberwachung ist zum Beispiel Ausdruck des Wunsches, Verbrechen und Menschen _unter Kontrolle_ zu bringen. Argumentiert wird mit der Abschaffung von Gewalt und Terror, doch in Wahrheit beginnt der Terror mit der Überwachung. Und das, obwohl die Gewalt erwiesenermaßen nicht durch Überwachung abgewendet werden kann.

2009 gab das britische Innenministerium eine Studie in Auftrag, die überprüfen sollte, ob der Anstieg der Videoüberwachung eine gleichzeitige Abnahme der Kriminalität bedeuten würde. “Die Studie verneinte diese Idee”:http://derstandard.at/1242316182720/Grossbritannien-42-Millionen-Ueberwachungskameras-und-kaum-weniger-Verbrechen. Auch schon zwei Jahre zuvor hatte “eine Untersuchung der Polizeistatistiken”:http://www.golem.de/0709/54913.html ein ähnliches Ergebnis zu Tage gefördert. Es konnte keine Korrelation festgestellt werden zwischen der Dichte an Überwachungskameras und dem Auftreten von Verbrechen. Der Hirnforscher Dick Swaab erklärt in seinem 2011 erschienenen Buch „Wir sind unser Gehirn“ einige Gründe für das Entstehen von kriminellem Verhalten. Er belegt mit den Ergebnissen von zahlreichen Hirnuntersuchungen, dass unsere Identität zu einem großen Teil in unseren Hirnen angelegt ist. Schon bei Kinderhirnen “kann demnach nachgewiesen werden”:http://gewalltag.wordpress.com/2012/10/24/wir-sind-unser-gehirn-interview-mit-dem-hirnforscher-dick-swaab/, ob ein/e Proband*in zu Gewalt oder Depressionen neigt, schwul, lesbisch, transsexuell oder heterosexuell ist, oder wie die Person unter Stress funktioniert.

James Fallon, ein anderer Neurologe aus den USA, stellte 2005 beim Vergleich einiger Hirnscans mit Erschrecken fest, “dass sein Gehirn dieselben Strukturen aufwies wie die Gehirne von Psychopathen”:http://www.theatlantic.com/health/archive/2014/01/life-as-a-nonviolent-psychopath/282271/.
Denn Neurologen sind schon lange davon überzeugt, dass unsere Bereitschaft, Verbrechen zu begehen, bereits im Gehirn festgeschrieben ist.

Cesare Lombroso gilt als Begründer der Positiven Schule der Kriminologie, die im 19. Jahrhundert dafür sorgte, dass sich zunehmend Naturwissenschaftler – insbesondere Mediziner, Biologen und Anthropologen – mit Kriminalität beschäftigten. Er ging bereits vor 150 Jahren davon aus, dass Verbrechen biologische Ursachen haben. Heute geht die Hirnforschung davon aus, dass unser Gewissen sowie die Kontrolle für Emotionen und Impulse im präfrontalen Kortex sitzen. Das ist der Teil unseres Hirns direkt hinter der Stirn. Dort haben Forscher bei Menschen, die Gewaltverbrechen begangen hatten, weniger Masse an grauen Zellen festgestellt. Diese fehlende graue Masse geht mit schwächerer Kontrolle über Impulse einher.

Auch im paralimbischen System wiesen die Hirne solcher Straftäter Mängel auf. Das hufeisenförmige Gebilde im Zentrum des Gehirns, das mehrere Bereiche des Hirns umfasst, ist bei Psychopathen auffallend inaktiv. Somit verfügen sie über weniger Empathie. Dass all diese Merkmale nicht alleine die Verantwortung für das Entstehen von Gewalt bedeuten, beweist James Fallon, dessen Hirn all diese Merkmale aufweist. Die meisten Forscher sind sich einig, dass das nicht alles ist. Wie wir aufwachsen und welche Werte wir vermittelt bekommen, sind entscheidende Faktoren dafür, ob wir den Anlagen in unserem Gehirn widerstehen können oder nicht. Die einzige Kontrolle, die wir erlangen können, ist demnach die Selbstkontrolle. Fehlt uns diese, kann dies nicht durch Kontrolle von außen behoben werden wie z.B. die Untersuchungen aus Großbritannien belegen.

Kontrolle von außen funktioniert also nicht. Straftaten können so in manchen Fällen zwar besser geahndet werden, jedoch gilt das nicht für alle Verbrechen. Wenn unser Ansinnen aber ist, das Entstehen von Gewalt zu verhindern, müssen wir sehr viel früher ansetzen, denn unser Strafsystem vermag es ebenfalls nicht, Straftätern zur Selbstkontrolle zu verhelfen. Gefängnisse bewirken oft genau das Gegenteil dieser Hoffnung, da sie die Bestraften stigmatisieren und weiter an den Rand der Gesellschaft drängen. Ein Gefängnisaufenthalt bestärkt eher das gefährliche Gefühl eines Menschen, nichts mehr zu verlieren zu haben. Und im Grunde treibt eine Verurteilung immer den Gewaltenkreislauf an.

Kontrolle ist Misstrauensbeweis und Ermächtigung

Gewalt wird für uns vollkommen selbstverständlich immer mit Gewalt verbüßt. Zwar wirkt diese Gewalt heute sehr viel friedlicher als das noch im Mittelalter der Fall war, human ist sie allerdings in keinem Fall. Das grausame Spektakel vom Pranger am Dorfplatz hat sich bloß hinter den Beton- und Stacheldrahtkulissen heutiger Gefängnisse versteckt. Dort geschieht den Menschen immer noch seelische und körperliche Grausamkeit, wenn auch weniger explizit. Gilles Deleuze ging 1990 sogar noch einen Schritt weiter und sagte die Kontrollgesellschaft voraus. In dieser würden Gefängnisse durch elektronische Fußfesseln ersetzt. Er spricht von einer Gesellschaft mit beschränktem Zugriff, bei der jeder Schritt beobachtet und reglementiert wird. NSA und Internet haben uns bereits sehr nah gebracht an diese Dystopie.

2010 hat eine von der Bertelsmann-Stiftung in Auftrag gegebene Studie nachgewiesen, “dass vor allem die Bildung ein maßgeblicher Faktor ist, wenn man Verbrechen verhindern will”:http://science.orf.at/stories/1668028/. Die Wahrscheinlichkeit einer Verurteilung stieg bei den fast 3.000 befragten jungen Menschen um zehn Prozent, wenn sie ohne Schulabschluss waren. Auch die Gewalterfahrungen im Elternhaus spielten eine große Rolle. Wir müssten uns wohl darüber klar werden, dass wir bereits tief in einer Spirale der Gewalt stecken, und dass wir das weitere Schrauben dieser Spirale nur stoppen können, indem wir lernen, der Gewalt etwas anderes entgegenzusetzen als erneute Gewalt. Dafür müssen wir lernen, wo Gewalt beginnt.

Und hier kommen wir zurück zur Kontrolle. Wir müssen uns darüber klar werden, dass unsere Ideale im Widerspruch zu unserem Handeln stehen. Wir müssen erkennen, dass wir Gewalt in unserer Gesellschaft legitimiert haben, und dass wir bereits seit Jahrhunderten unter andauernder Überwachung und Kontrolle leben. Nur wenn wir begreifen, dass jeder von uns diese Gewalt Tag für Tag mit trägt, können wir die Notwendigkeit eines Wandels erfassen. Wir müssen anerkennen, dass wir Gerechtigkeit zwar wünschen, sie aber noch nie gelebt haben. Wir müssen uns von allen Kategorien bisheriger Strafverfolgung lösen und zum Ursprung der Gewalt vordringen. Im Kern dieser Fragen werden wir auf die hämisch grinsende Fratze der Kontrolle treffen, die sich dort mit ihren fiesen langen Krallen festbeißen wird.

Das Wort Kontrolle stammt vom französischen _contre_ (gegen) und _rôle_ (Rolle). Es wurde zum ersten Mal als contrerole verwendet und beschrieb ein Register, das tatsächliche Ausgaben und Einnahmen verzeichnete. Die _Contrerole_ war also so was wie die erste Buchhaltung. Am ehesten passt das Wort zu dem, was Controller heutzutage in Unternehmen tun: Sie prüfen die wirtschaftliche Effizienz eines Unternehmens anhand der einzelnen Positionen. Das, was wir heute meinen, wenn wir davon sprechen _Kontrolle über eine Situation zu erlangen_, ist von diesem ursprünglichen Wortsinne weit entfernt.

Unsere Kontrolle ist heute ebenso sehr ein Misstrauensbeweis, wie sie immer auch eine Ermächtigung darstellt. Wenn ich Menschen kontrolliere, also im etymologischen Sinne gegenprüfe, setze ich die Unschuldsvermutung außer Kraft und konfrontiere die Person mit meinem Misstrauen. Dieses Misstrauen fügt der Würde meines Gegenübers bereits die erste Verletzung zu. Gleichwohl stellt meine Kontrolle die Erhebung meiner Person über die kontrollierte Person dar. Ein Machtgefüge entsteht, das Gerechtigkeit per se ausschließt. Es gibt keine Gerechtigkeit zwischen einem Kontrolleur und einem Kontrollierten. Es steht nur eine spezifische, behauptete Tat des Kontrollierten zur Verurteilung, während der kontrollierten Person nicht das Recht zusteht, die kontrollierende Person wegen irgendetwas zu belangen. Im Namen einer Gerechtigkeit ist also jegliche Kontrolle hinfällig, da sie einen Dialog auf Augenhöhe ausschließt und immer eine Androhung von Sanktionierung beinhaltet.

Macht über andere ist unmöglich

Just in der Sekunde, in der ein Mensch versucht, Kontrolle zu erlangen, übt er somit automatisch Gewalt aus. Das beginnt im Kleinen und endet im ganz Großen.

Häusliche Gewalt beginnt mit dem Versuch einer der beteiligten Personen, Kontrolle über die Beziehung oder den/die Partner*in zu erhalten. Die Freiheit jedes Einzelnen endet in einem Staat, der seine Bürger*innen _unter Kontrolle_ haben will. Ein totalitärer Staat ist das Ende dieser Fahnenstange, jedoch herrscht die Gewalt streng genommen schon im Augenblick der Ermächtigung einer Regierung über ihr Volk. Unsere Volksvertreter fühlen sich mächtig. Dabei sollten sie uns dienen. Wünschenswert wären Menschen, die großen Einfluss haben, den sie im Sinne der Gemeinschaft nutzen. Wenn wir von Macht sprechen, sprechen wir aber von Krieg und Kampf, von Ermächtigung und Gewalt. Wir benötigen keine Mächtigen, sondern besonnene Menschen mit viel Einfluss.

Kontrolle zu erlangen – wie wir es verstehen – ist in doppelter Weise nicht möglich. Das Wort beschreibt nicht annähernd das, was wir uns heute zur Maxime erklärt haben. Selbstkontrolle, Gewichtskontrolle, Kontrollverlust, mit all dem hat dieses Wort eigentlich gar nichts zu tun. Die Kontrolle ist in Wahrheit bloß unser empirisches Register, anhand dessen wir unsere Wirklichkeit bewerten können. Kontrolle erlangen würde dem Wortsinne nach also bedeuten, einen Erfahrungsschatz zu erlangen oder eine Buchführung anzulegen.

Weiterhin ist der Versuch, _Kontrolle zu erlangen_ immer zum Scheitern verurteilt. Es ist für einen Menschen nicht möglich, über etwas Anderes _Kontrolle zu erhalten_ als über seine eigenen Impulse. Ich kann nur mein eigenes Handeln – und das auch nur in abgesteckten Bereichen – kontrollieren und beherrschen. Ich werde niemals Macht erlangen über eine Situation, die Natur oder einen anderen Menschen. Wenn ich es versuche, ermächtige ich mich vollkommen unbegründet über meine Umwelt. Wer also versucht, _Kontrolle zu üben_, ist der sprichwörtliche Anfänger. Die Gewalt beginnt im Moment des Kontrollversuchs. Sie bricht dort in der Regel noch nicht aus, aber wenn wir sie ausmerzen wollen, müssen wir in dem Augenblick beginnen, und zwar jeder selbstkontrolliert bei sich selbst ganz alleine, wenn wir die Lust verspüren, Dinge oder Menschen zu kontrollieren.

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