Schluss mit der Steinigung

Meike Büttner7.02.2014Gesellschaft & Kultur

Schwarzer, Lanz oder Pofalla. Wer Blödsinn baut, wird an den Pranger gestellt. Offenbar bekämpfen wir lieber Menschen als Probleme.

Steuern zu hinterziehen ist kein Kavaliersdelikt. Wer seine Steuern nicht zahlt, beklaut, einfach gesagt, das Gemeinwohl und trägt eine Teilverantwortung an der verarmenden Gesellschaft. Sich selbst anzuzeigen, ist differenziert zu betrachten: Man kann es als ein Schuldeingeständnis begreifen, muss sich aber andererseits natürlich fragen, wieso es in so vielen Jahren nie zu einer Anzeige kam und “ausgerechnet bei drohender Strafe”:http://www.lto.de/recht/nachrichten/n/selbstanzeigen-sind-auch-nach-dem-ankauf-von-bankkundendaten-aus-der-schweiz-moeglich/ dann doch geschieht.

Weil das natürlich eine moralische Grauzone ist und weil unser Staat auch jeden Cent gebrauchen kann, greift in solchen Fällen das Steuergeheimnis. Wir erfahren einfach nicht davon, wenn jemand Selbstanzeige begeht und brav die Steuern plus Zinsen nachzahlt. Jedenfalls nicht, wenn alles mit „rechten“ Dingen zugeht.

Wir geifern, wir spotten

Wenn es nicht mit „rechten“ Dingen zugeht, gibt es irgendwo eine undichte Stelle und die meldet das Vergehen dann den Medien. Das, was per Gesetz niemand wissen darf, ist dann plötzlich Thema zahlreicher Talkshows und Zeitungsartikel. Es ist so ähnlich, als würden Ihre Nachbarn plötzlich wütend vor Ihrer Türe stehen, weil Sie am Vorabend Ihrem Tagebuch gestanden haben, dass sie hin und wieder eine Beere oder einen Apfel aus einem anderen Garten als dem Ihren pflücken. Vielleicht noch Schlimmeres, aber ich möchte Ihnen jetzt nichts unterstellen.

Früher haben wir das so gemacht: Wenn wir erfuhren, dass sich jemand gegen uns als Gemeinschaft strafbar gemacht hatte, versammelten wir uns mit Fackeln und Forken und stürmten das Haus betreffender Person, um sie gemeinsam zu lynchen. Heute haben wir ein kompliziertes Justizsystem erdacht, das dieses Mob-Verhalten unterbinden soll. Einfach lassen können wir das Mobben offenbar nicht.

Der eine Mob unterzeichnet die Lanz-Petition mit seinem Blut, die anderen hetzen Frau Schwarzer durch das Internet, der Nächste macht noch schnell einen Pofallawitz und erklärt irgendwas für beendet. Wir geifern, wir spotten und wir halten Fackeln in unseren Händen.

Wir wollen jemanden am Pranger sehen und irgendwas in Brand setzen. Wir wollen, dass etwas passiert, dass Köpfe rollen, dass irgendwer bestraft wird für diese Ungerechtigkeit. Offenbar fehlt uns einfach der Überblick, wenn wir Menschen in das Zentrum dieser Debatten stellen. Die einzelnen Geschichten und ihre obligatorischen Abläufe in der öffentlichen Präsenz lenken uns ab von den wahren Verantwortlichen ihrer Vergehen.

Wenn ein Uli Hoeneß Steuern hinterziehen kann, dann sollten wir uns nicht fragen, wieso er das getan hat, sondern wieso es ihm möglich war. Haben Sie die Möglichkeit, einige Hunderttausend Euro unbemerkt in die Schweiz zu verfrachten?

Ebenso im Falle eines Wechsels von Pofalla zur Deutschen Bahn. Die Frage lautet nicht: „Wieso machen die das?“ Sondern: „Wieso können die das machen?“

Bei Lanz ist die Frage vollkommen müßig, wieso er als Moderator und Talkmaster so grausam unterqualifiziert ist, sondern viel wichtiger wäre zu fragen, wieso ein untalentierter Talkmaster dennoch diesen Beruf ausfüllt. Hat Lanz sich selbst ins Fernsehen gestellt? Ist er Produzent, Redakteur, Intendant oder Regisseur der Formate? Oder ist es nicht vielleicht eher so, dass das Vorstandswollknäuel des öffentlich-rechtlichen Fernsehens längst so verheddert ist, dass man die Knoten gar nicht mehr herausbekommen kann? Vielleicht ist Qualität ja einfach schon ganz lange gar kein Merkmal dieser Formate mehr?

Stift statt Fackel

Es ist gut, dass es unser Unrechtsbewusstsein gibt. Es ist beruhigend, zu wissen, dass wir als Gemeinschaft Unrecht erkennen, wenn wir es sehen. Aber wir sollten auch bereit sein, einen Schritt weiter zu gehen und Debatten themengebunden zu führen und Lösungen zu finden. Kurz aufflammende Medienschlachten und Bestrafungen Einzelner bringen uns keinen Schritt voran. Wir drehen uns im Kreis. Lediglich die Personen im Fokus ändern sich, das Spiel bleibt dasselbe.

Weil es an Strukturen in unserem System liegt und nicht an Menschen. Selbstverständlich sind wir wütend über diese Vorfälle und selbstverständlich sind wir irgendwie auch froh, wenn diese nicht zu greifende Ungerechtigkeit durch ein Gesicht endlich antastbar wird. Es ist ein verständlicher Impuls. Aber es ist eben auch ein höchst destruktiver Umgang damit.

Überarbeiten wir stattdessen doch lieber unser Steuersystem oder bekämpfen wir Korruption mit verbindlichen Gesetzen. Lassen Sie uns doch gemeinsam darüber nachdenken, wie man den Vorstand des ZDFs ersetzen könnte. Bringen Sie statt Forke und Fackel lieber Stift und Papier und lassen wir uns ein paar brauchbare Gesetzesänderungen einfallen. Und halten wir uns bitte nicht mehr mit einzelnen Personen auf, die jedes Mal genauso gut auch wir selbst sein könnten.

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Der Ausschluss von Stephan Brandner ist ein klares Signal gegen Hetze und Hass

Stephan Brandner von der AfD hat Menschen ausgegrenzt und Hass geschürt. Nun muss er seinen Posten aufgeben - die Abgeordneten des Rechtsausschusses haben ihren Vorsitzenden abgewählt. Einen vergleichbaren Fall hatte es bislang in der Geschichte des Bundestages noch nicht gegeben.

Der Erfolg der AfD liegt in der Austauschbarkeit der Altparteien

30 Jahre nach der Friedlichen Revolution wurde in Thüringen gewählt. Zum dritten Mal in diesem Jahr kann die AFD zum Entsetzen von Medien und Politik einen Wahlerfolg in „Dunkeldeutschland“ (Gauck) feiern. Die linke Mehrheit ist gebrochen, die SPD liegt bei 8,2 %, die AfD macht als zweite Kraf

Kritik am „grünen Expertentum“ gilt als Blasphemie

Kritik am „grünen Expertentum“ gilt als Blasphemie und soll also am liebsten aus den Medien verbannt werden. Zu groß scheint die Angst, als Gaukler entlarvt zu werden.

Wir müssen wieder miteinander streiten lernen

Es hat lange gedauert, aber nun haben auch die liberalen Blätter endlich erkannt, dass etwas schief gelaufen ist mit dem „Haltung zeigen“. Als ich es wagte, ein Buch mit dem Titel „Wir können nicht allen helfen“ zu veröffentlichen, begrüßte mich die Kreuzberger Grünen-Abgeordnete auf d

Wir müssen den Rechtsstaat vor seiner Opferung auf dem Altar der Hypermoral bewahren

Die Geschichte lehrt, wie man sie fälscht, ist mein Lieblingsbonmot des polnischen Satirikers Stanisław Jerzy Lec, das ein Dilemma auf den Punkt bringt. Geschichte wird immer wieder umgeschrieben, so wie es den jeweiligen Inhabern der Deutungshoheit gefällt. Wir erleben gerade in diesen Tagen wie

Nächstenliebe geht anders!

Nächstenliebe geht anders! Alle EU-Abgeordneten von CDU/CSU haben gegen eine Resolution zur Beendigung des Sterbens im Mittelmeer gestimmt. Mit Rechtspopulisten und -extremen haben sie diesen Aufruf zur Menschenrettung mit einer neuen europäischen Seenotrettung und für die Entkriminalisierung der

Mobile Sliding Menu