Das Fernsehprogramm, das wir verdienen

Meike Büttner27.01.2014Gesellschaft & Kultur, Medien

Über Lanz wird gemeckert, geschimpft und gelästert. In die analoge Welt, wo Fernsehen tatsächlich stattfindet, tragen wir unseren Unmut aber nicht.

Als Individuen fällt es uns sicher schwer, einzusehen, dass Joseph Marie de Maistre vollkommen recht hatte, als er sagte, jedes Volk hätte die Regierung, die es verdient. Als Gesellschaft müssen wir ihm leider recht geben. Unsere Regierung ist so destruktiv und langsam wie nie zuvor und ich kann nicht sehen, dass unsere Gesellschaft dem irgendetwas entgegensetzen würde. Wenn die Kanzlerin „nein“ zu einem Vorschlag gesagt hat, und das tut sie in der Mehrzahl der Fälle, so regt sich kaum Protest. Wir werden weiter durchleuchtet von der NSA, die Regierung pocht auf Vorratsdatenspeicherung und ein prominenter Politiker macht genau da weiter, wo sein Lobbyismus aufgehört hat, als er noch in unserer Regierung saß und wechselt in einen gut bezahlten Posten bei der Deutschen Bahn.

Finden wir alles nicht gut, haben wir als unautonome Masse aber verdient, wenn wir es uns genau überlegen. Wir spielen das alles mit und resignieren. Wir nennen es „Politikverdrossenheit“ und geben alle Verantwortung ab an die, die in unseren Augen alles falsch machen. Wir sind eben verdrossen.

Fernseher ausschalten

Ebenso verdrossen sind wir offenbar vom deutschen Fernsehprogramm. Aber ebenso, wie wir diese Regierung verdient haben, die demokratisch gewählt wurde, so verdienen wir auch die Medien, die sich über uns ergießen. Wir zahlen sogar dafür. Wir wollen das alles offenbar so haben. Auch, wenn wir im Internet unseren Unmut äußern, so tragen wir ihn offenbar nie in die analoge Welt, wo das Fernsehen stattfindet. Wir zahlen Rundfunkgebühren und vor allem: Wir schalten den Fernseher ein. Den besten Absatz zur ganzen Lanz-Debatte kann man “in einem Artikel des „Tagesspiegel“ finden”:http://www.tagesspiegel.de/medien/online-petition-130-000-unterschriften-gegen-markus-lanz/9376760.html.

bq. Ob Lanz am Samstag bei „Wetten, dass..?“ auf die Petition eingehen wird, ließ der Sender offen. Die Diskussion um seine Person könnte ihm höhere Quoten bescheren – gleichzeitig hat er starke Konkurrenz. Parallel zu seiner Sendung um 20.15 Uhr läuft auf RTL die Castingshow „Deutschland sucht den Superstar“, im Anschluss das „Dschungelcamp“, das derzeit Rekordquoten von mehr als acht Millionen Zuschauern erreicht.

Ich rate Ihnen also: Wenn Sie etwas kritisieren, dann überprüfen Sie zuvor, ob Ihr Fernseher auch ausgeschaltet ist. Nicht, dass nebenbei Kinder bei einem Casting erniedrigt werden oder Erwachsene sich zum Gespött der Masse machen, während Sie empört darüber plaudern, dass Herr Lanz eine Unverschämtheit sei.

Verlockende Alternativen

Herr Lanz hat sich verhalten, wie er sich immer verhält in seinen Sendungen, und Sahra Wagenknecht hat sich so verhalten, wie sie sich öffentlich immer verhält. Und wer genau hinsah, sah auch nichts weiter als das: Einen schuljungenartigen Mobber mit seinem Freund Hans-Ulrich Jörges, weil er es alleine einfach nicht hinbekommt, triezt eine eloquente Frau, die sich auf dieses Spielchen nicht einlässt. Man könnte das blamable Verhalten eines Moderators auch einfach als solches erkennen und dann nie wieder einschalten. Die Alternativen sind ja auch so verlockend. Wer Lanz nicht sehen will, macht es einfach wie die Masse der anderen Deutschen und schaltet zu RTL. Da passiert dasselbe. Nur eben nicht mit Politikern, die sich wehren können, sondern mit Kindern, die nicht wissen, wie ihnen geschieht, und verarmten Schauspielern, die dank deutscher Fernsehkultur für sich kaum andere Möglichkeiten sehen.

Hey Deutschland! Viel Spaß noch mit Deinem wohlverdienten Fernsehprogramm!

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