Lost in translation

Meike Büttner13.12.2013Politik

Kein Wunder, dass Obamas Übersetzer nur mit den Armen fuchtelte. Die Worte des Präsidenten waren verlogen und heuchlerisch. Über die gesellschaftlich akzeptierte Schizophrenie der Mächtigen.

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Thamsanqa Jantjie nennt man einen dreisten Schwindler. Der Gebärdendolmetscher aus Südafrika hatte bei der Trauerrede des amerikanischen Präsidenten für Nelson Mandela offenbar nur mit den Armen gefuchtelt, ohne auch nur eine einzige Geste der Gebärdensprache zu benutzen. Somit hat er die Worte Barack Obamas nicht für die Gehörlosen übersetzt und zudem eine Menge Ärger provoziert. Jantjie selbst rechtfertigte das Ganze in einem Zeitungsinterview mit einem schizophrenen Anfall. Mit dieser Wahrnehmungsstörung war er auf der Bühne allerdings nicht allein. Der US-amerikanische Präsident selbst schien auch darunter zu leiden.

Obamas Rede zum Tod Mandelas war eine Meisterleitung. Da sind sich die Medien einig und zeichnen sie mit Attributen wie „bewegend“ „rührend“ und „emotional“ aus. Nähme man die Rede für sich, müsste man mit einstimmen in dieses schmalzige Lied des Friedensaktivismus. Sie erinnert stark an die aufwühlenden und geschichtsträchtigen Worte einiger Friedensaktivist*innen. Ein bisschen Martin Luther King hier, ein wenig “Malala”:http://en.wikipedia.org/wiki/Malala_Yousafzai da, gewürzt mit Triggerwörtern wie „Gefängnis“, „Unterdrückung“ oder „Freiheit“ und abgeschmeckt mit einem Schuss Gerechtigkeitssinn. Setzt man die Rede allerdings in Kontext mit der Person, die sie gehalten hat, so kann sie nur schizophren erscheinen.

Obama überwacht und straft

„It took a man like (…) him to show that you must trust others so that they may trust you“, sagt der Mann, dessen Geheimdienste die Bürger der ganzen Welt abhören. Der Gebärdendolmetscher übersetzte diese Passage vielleicht mit „RGzbml#frgk?“ oder vielleicht hielt er in diesem Moment auch still. Was immer er aus diesem Satz machte, es kann kaum unechter sein, als die Worte, die Obamas Mund verließen. Denn Vertrauen ist sicher nichts, wodurch sich Obama und seine Geheimdienste auszeichnen. Vertrauen ist auch sicher nicht der Grund für die starke Absicherung der amerikanischen Territorialgrenzen. Wem traut dieser Mann, der uns erklärt, dass wir mit dem Vertrauen erst einmal in Vorleistung gehen müssten?

Obama ist ein misstrauischer Herrscher. Er überwacht und straft. Kein Land der Erde verhaftet so viele Menschen wie die USA. 2008 war jeder einhundertste US-Bürger bereits einmal zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden. Die amerikanische Justiz ist nicht zimperlich: Über 1300 Menschen wurden in dem Land bereits exekutiert. Und trotz internationaler Kritik und mehrmaliger Aufforderung, die Strafanstalt Guantánamo zu schließen, hält Barack Obama noch immer an diesem Ort der staatlichen Folter fest. In Guantánamo landen besonders viele Menschen, für deren Schuld es keinerlei Beweise gibt. Diese Menschen werden immer noch, fernab des amerikanischen Bodens, festgehalten und misshandelt. Vielleicht ist das auch der Grund, wieso Jantjie sich außer Stande sah, korrekt zu übersetzen, als der US-Präsident verlauten ließ:

bq. „Around the world today we still see children suffering from hunger and disease, we still see rundown schools, we still see young people without prospect for the future. Around the world today men and women are still in prison for their political beliefs.“

Äußerst verlogen

In New York leidet jedes fünfte Kind an Hunger. Allein Chicago hat im letzten Jahr die Schließung von 54 Schulen beschlossen, in Gegenden wie New Orleans wurden kurzerhand Schulen privatisiert. Und die USA haben enorm viele politische Gefangene. Chelsea Manning ist nur ein Beispiel von 200 politischen Aktivist*innen in amerikanischen Gefängnissen. Kritiker sagen, dass es tatsächlich mehrere Millionen Menschen sind, hauptsächlich arme und schwarze Menschen, die aufgrund einer fehlgeleiteten Drogenpolitik verhaftet wurden.

Man darf die Rede des US-Präsidenten insofern gerne als rührend und emotional bezeichnen. Auch spontaner Applaus und Zuspruch seitens des Publikums ist nachvollziehbar. Sollte der Präsident allerdings nicht – wie sein Dolmetscher – innerhalb der nächsten Tage geistige Unzulänglichkeit einräumen, so kann diese Rede sicherlich nur als äußerst verlogen interpretiert werden.
Sollten wir als Medienmacher und Rezipienten nicht endlich einmal aufhören damit, Inszenierungen mehr Beachtung zu schenken, als politischen Tatsachen?

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