Europa zurückabzuwickeln – das wäre ein schrecklicher und historischer Irrtum. Hans-Dietrich Genscher

Geistige Öffnung

Entweder Deutschland schafft sich ab oder Deutschland öffnet sich. Deutschland muss seine Grenzen öffnen für qualifizierte Einwanderer. Deutschland muss sich aber auch geistig öffnen. Die Integrationsdebatte bietet uns diese Chance.

Viele hierzulande sitzen auf einem hohen Ross und glauben, wir sind qua Naturgesetz bedeutend und wohlhabend. Wir leben in einem führenden Industriestaat, aber wir werden den Anschluss an die Weltspitze verlieren, wenn wir unser demografisches Problem nicht halbwegs in den Griff bekommen. Wer in welcher Zahl kommt, muss in einem Einwanderungsgesetz geregelt werden. Eigentlich ganz logisch. Stattdessen debattieren wir ideologisch. Nicht Zahlen bestimmen die Diskussion, sondern Kampfbegriffe wie “Leitkultur” oder “nationale Identität”.

Punkte sammeln macht Sinn

Ein Punktesystem macht unter vielen Aspekten Sinn. Wir sollten auch offen für neue Ideen sein. Wieso versteigern wir nicht online ein bestimmtes Kontingent an Niederlassungsrechten? Einnahmen könnten generiert werden und Einwanderer gewonnen werden, die etwas aufbauen wollen. Schließlich haben sie investiert und wollen einen Return on Invest. Ein solches Verfahren würde den Marktwert Deutschlands transparent machen. Um den ist es gegenwärtig nicht gut bestellt. Künftige Einwanderer müssen eine riesige Sozialhilfeindustrie finanzieren. Sie müssen den weltweit teuersten Rentensektor bezahlen. Für die Pensionsansprüche der 1,7 Millionen deutschen Beamten alleine muss der Steuerzahler bis zum Jahr 2050 970 Mrd. Euro zurücklegen. Am Ende eines jeden Monats wird jeder Einwanderer nur 45 Prozent seines Lohns sein Eigen nennen können. All das macht Deutschland nicht sexy.

Wir werden das demografische Problem nicht lösen können. Dafür ist es zu spät. Wir können aber die Folgen abmildern. Ein erster Schritt wäre es, die Zahl der Auswanderer zu senken. Etwa 150.000 Deutsche verlassen jährlich das Land. Circa 70 Prozent geben wirtschaftliche Gründe oder Perspektivlosigkeit dafür an. Etwa 40.000 türkische Staatsbürger, darunter viele Fachkräfte, gehen aus den gleichen Gründen. Dazu kommen weitere Ausländer, die Deutschland oft nach Jahrzehnten den Rücken kehren.

Integration als Zukunftssicherung

Hierzulande studieren etwa 240.000 Ausländer. Sie zahlen keine oder nur geringe Studiengebühren. Die übernimmt der deutsche Steuerzahler. Ein komplettes Universitätsstudium kostet im Durchschnitt den Staat 48.600 Euro. Bislang hatten unsere tüchtigen Ausländerbehörden nichts Besseres zu tun, als ausländische Absolventen möglichst schnell nach dem Abschluss aus dem Land zu treiben. Wir bilden gratis die künftigen Eliten unserer Wettbewerber aus. Ein ökonomischer Wahnsinn. Ausländische Absolventen unserer Universitäten müssen ein unbeschränktes Aufenthaltsrecht erhalten. Den besten 10 Prozent jeden Jahrgangs bieten wir die sofortige Einbürgerung an. Was bei Fußballern geht, sollte bei Ingenieuren ein Muss sein. Wir müssen unsere Einwohner halten. Und wir müssen neue Einwanderer gewinnen und integrieren. Es bedarf nicht nur eines Einwanderungsgesetzes, sondern Reformen unserer Wirtschafts- und Sozialordnung. Noch schwerer wird es, ein weltoffenes Klima zu schaffen. Einwanderer suchen lebenswerte Heimat, nicht bloß einen Job.

Die geistige Öffnung der Gesellschaft vollzieht sich nicht von heute auf morgen. Sie lässt sich nicht per Gesetz beschließen. Die Möglichkeiten der Politik sind begrenzt. Sie kann aber für Weltoffenheit werben. Das genaue Gegenteil geschieht. Ignoranten mit dem bayerischen Ministerpräsidenten an der Spitze fordern ein Ende der Zuwanderung aus “fremden” Kulturkreisen. Solche Politiker haben die nächste Landtagswahl vor Augen. Sie versündigen sich an unseren Kindern und Enkeln. Zahlen lügen nicht. Politiker manchmal schon.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Alice Weidel, Ulla Jelpke, Ramin Peymani.

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