Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen. Ludwig Wittgenstein

Es brennt an vielen Ecken

An dem Verbot der Homo-Ehe in Kalifornien entzündet sich momentan der Zorn der Schwulen- und Lesbenbewegung in den USA. Doch Probleme gibt es viele. Eine Konzentration auf die Frage der ehelichen Gleichstellung kann nach hinten losgehen.

Im Jahr 2008 wurde in Kalifornien unter dem Namen “Proposition 8” ein Verfassungszusatz per Volksentscheid verabschiedet, der gleichgeschlechtliche Ehen verbot. Nach vielen Kontroversen entschied dieses Jahr das zuständige Gericht, dass der Zusatz selbst nicht verfassungskonform ist und den Gleichberechtigungsgrundsatz verletzt. Seitdem tobt die Debatte wieder. Leider ist die Debatte zur Gleichstellung von Schwulen und Lesben damit auf eine Debatte über die Schwulenehe reduziert worden. Es ist richtig, dass eine Aufhebung von Prop 8 wichtig und nützlich für die Schwulen- und Lesbenbewegung ist – doch es nicht das wichtigste Thema im amerikanischen Kontext. Wir dürfen nicht zulassen, dass die homosexuelle Agenda sich allein über den Erfolg der Prop-8-Kampagne definieren lässt. Diese Zuspitzung auf ein politisch heikles Thema ist durchaus eine vorhersehbare Entwicklung. Veränderung braucht Zeit. Und am Ende steht die Nullsumme: Jede Energie, die einem bestimmten Projekt zugutekommt, muss von anderen Projekten abgezogen werden.

Die Legislative muss sich bewegen

Es gibt momentan zum Beispiel keinen Schutz für schwule oder lesbische Angestellte vor Diskriminierung am Arbeitsplatz und auch keine Richtlinien, die eine Gleichbehandlung von Homosexuellen beim Abschluss von Miet- und Kaufverträgen sicherstellen. Allein aufgrund ihrer sexuellen Orientierung können Menschen in den USA entlassen oder aus ihrer Wohnung vertrieben werden. Aller Gleichstellungsrhetorik zum Trotz sehen wir uns daher einer ungewissen Zukunft gegenüber. Für viele Menschen ist es daher enorm wichtig, dass die Legislative in dieser Richtung tätig wird und zum Beispiel den Employment Non-Discrimination Act verabschiedet. Ähnliche legislative Unsicherheit besteht in Fragen der Gesundheitsreform. Das kürzlich verabschiedete Reformpaket enthält keine Zusicherungen, dass Schwule und Lesben beim Zugang zur Gesundheitsvorsorge nicht weiterhin benachteiligt werden.

Auch im Militär sehen sich Schwule und Lesben weiterhin mit täglicher Ausgrenzung konfrontiert. In einer Zeit der militärischen Bedrohung werden Soldaten immer noch aufgrund ihrer sexuellen Orientierung aus dem Dienst entlassen und ihren Familien werden die eigentlich normalen staatlichen Zuwendungen verweigert. Und alles, obwohl diese Menschen für ihr Land ihr Leben riskieren.

Die Homo-Ehe ist wichtig – aber diese anderen Themen sind es auch. Es ist gefährlich, verschiedene Probleme nach ihrer angeblichen Wichtigkeit zu sortieren, weil sich daraus die unmöglich zu beantwortende Frage ableitet, was denn die zentrale Herausforderung der Homosexuellenbewegung sei. Doch diese Frage geht an der Realität vorbei. Es gibt keine generalisierbare Erfahrung von Schwulen und Lesben. Die Bewegung ist unglaublich vielseitig und hat daher auch viele verschiedene Prioritäten. Wir sollten nicht auf die Zweiteilung in “wichtige” und “unwichtige” Themen hereinfallen. Wenn wir uns aber zusehends auf eine Frage konzentrieren, passiert genau das.

Ziel ist eine holistische Herangehensweise

Der Kampf für die Schwulenehe ist ein Kampf um Gleichberechtigung, Würde, Respekt und Anerkennung. Das sind die gleichen Merkmale, die auch hinter den anderen Fragen und Herausforderungen stehen. Wir müssen also holistisch an die Probleme herangehen und es ermöglichen, dass die Energie und Fortschritte in einem Bereich wie ein Funke auf andere Bereiche überschlagen können. Wichtigkeitshierarchien gilt es dabei zu vermeiden. Dazu ist die Homosexuellenbewegung zu vielseitig und die Herausforderungen sind zu groß.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Klaus-Michael Kodalle, The European, Ramon Rodriguez .

Leserbriefe

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Mehr zum Thema: Gleichstellung, Homosexualitaet, Usa

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