Meinungsfreiheit am Pranger

Maximilian Zech4.04.2019Gesellschaft & Kultur, Medien, Politik

Meinungsfreiheit am Pranger: Nach dem Massaker von Christchurch sollten sich Islamkritiker nicht durch pauschale Schuldzuweisungen zum Verstummen bringen lassen. Von Maxililian Zech.

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Schon lange vor dem verheerenden Anschlag auf zwei Moscheen im neuseeländischen Christchurch hatte die Islamkritik einen wahrlich schweren Stand. In den meisten islamisch geprägten Ländern ist es der Mangel an Meinungs-, Rede- und Religionsfreiheit, der eine kritische Auseinandersetzung mit dem Glauben verhindert. In den Einwanderungsgesellschaften des Westens hingegen wird das Recht, Religionen zu kritisieren, nicht mehr vornehmlich als wichtige aufklärerische Errungenschaft betrachtet, sondern als sozialer Sprengstoff und Vehikel der Intoleranz gegenüber fremden Lebensstilen und Wertvorstellungen. In diesem Sinne glaubten einige Medienvertreter und Politiker nach dem Attentat auch schnell die wahre Ursache für das Verbrechen ausfindig gemacht zu haben. So rief etwa Andreas Ross in der FAZ zu einem „Aufstand gegen Islamfeindlichkeit“ auf und die Berliner SPD-Politikerin Sawsan Chebli twitterte: „Diese Menschen sind nicht Opfer eines einzelnen Mörders. Sie sind Opfer der weltweiten Stimmungsmache gegen den Islam u. Muslime.“ Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime, schlug in die selbe Kerbe, als er der „Islamkritik-Industrie“ vorwarf, für eine zunehmende Feindseligkeit gegenüber Muslimen mitverantwortlich zu sein.

Das sind bemerkenswerte Aussagen mit einer unmissverständlichen Botschaft: Wer nicht schuldig am Tod von Muslimen sein will, sollte lieber nicht das Wort gegen den Islam erheben. Die Strategie, die sich in solchen Auslassungen offenbart, ist freilich ebenso fadenscheinig wie moralisch fragwürdig. Doch auch dort, wo der Verweis auf die angeblich weit verbreitete „Islamfeindlichkeit“ nicht zum Ziel hat, die Religion vor sämtlicher Kritik abzuschirmen, erweist er sich für die Debatte als wenig gewinnbringend. Denn solange die viel beschworene Islamophobie nicht genau definiert und von der durch die Meinungsfreiheit zweifelsfrei gedeckten Islamkritik abgegrenzt wird, bleibt dieses polemische Schlagwort eine Waffe, die gegen jeden noch so gemäßigten Kritiker der Religion Mohammeds gerichtet werden kann. Das bekam jüngst auch der bekannte deutsch-ägyptische Islamkritiker Hamed Abdel-Samad zu spüren. Auf seiner Facebook-Seite berichtet er, wie er seit dem Anschlag in Neuseeland vermehrt zynische Hassbotschaften erhalte, in denen ihm eine Mitschuld an dem Verbrechen unterstellt werde. Nun ist Abdel-Samad alles andere als ein plumper Islamhasser. Die Kritik des Politikwissenschaftlers ist stets eine sachliche, fundierte und punktuelle. Abdel-Samad ist ein Repräsentant jener aufgeklärten, rational begründeten Islamkritik, die allzu oft durch den unberechtigten Vorwurf der Islamophobie diskreditiert wird. Zu ihr gehören angesehene Autoren und Autorinnen, die nicht selten selber einen islamisch geprägten Familienhintergrund haben, wie Bassam Tibi, Necla Kelek und Ayaan Hirsi Ali. Ihre Art der Kritik ist keine Hetze gegen Muslime, sie verurteilt den Islam weder als ganzes noch als „das andere“, sondern zielt auf jene autoritären und illiberalen Aspekte der islamischen Lehre ab, unter denen weltweit vor allem Muslime leiden.

Die aufgeklärte Islamkritik steht auf der Seite der Frauen, Homosexuellen, Atheisten und Andersgläubigen, die in islamischen Gesellschaften für die Anerkennung ihrer Menschenrechte kämpfen. Sie steht auf der Seite von Künstlern, Intellektuellen, Journalisten und allen kritischen Geistern, die in Ländern wie Saudi-Arabien oder dem Iran danach streben, mit der gleichen Selbstverständlichkeit wie wir im Westen religiöse Institutionen kritisieren und Dogmen, die ihren Alltag bestimmen, in Frage stellen zu dürfen. „Wir haben das Recht darauf, normal zu leben“, sagt der algerische Schriftsteller Kamel Daoud, ein scharfer Kritiker der in den vergangenen Jahrzehnten allmählich vollzogenen Islamisierung seiner Heimat. Es sind Menschen wie er, die in der islamischen Welt darauf vertrauen, dass der Westen ihren Kampf um Meinungs- und Gewissensfreiheit unterstützt. Dafür aber muss er diesen Prinzipien selber treu bleiben. Darum kann und darf die Devise auch nach dem schrecklichen Anschlag von Christchurch nur lauten: Kritisiert weiter!

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