Die #MeToo-Debatte und die Laissez-faire-Gesellschaft

Maximilian Zech31.03.2018Gesellschaft & Kultur, Medien, Politik

Wer entscheidet, wo moralische Schuld beginnt? Die #MeToo-Debatte offenbart ein Dilemma der westlichen Laissez-faire-Gesellschaft.

Es war ein Gastbeitrag in der französischen Tageszeitung „Le Monde“, der Anfang des Jahres weltweit für Aufsehen sorgte. Einhundert namhafte Frauen, darunter auch Schauspielikone Catherine Deneuve, griffen mit scharfen Worten die Entwicklung der “#MeToo-Debatte”:http://www.theeuropean.de/ulrich-berls/13449-der-strukturelle-sexismus an. Aus dem Skandal um Harvey Weinstein, so der Einwand, sei eine „Denunziations- und Anklagekampagne“ geworden, die ein geradezu totalitäres Gesellschaftsklima erzeugt habe. Die Frauen distanzierten sich von einem Feminismus, der „Züge eines Hasses auf Männer und Sexualität“ trage und keine objektive Unterscheidung zwischen Flirt und Belästigung mehr gelten lasse. Widerspruch und Empörung ließen nicht lange auf sich warten. Zugleich war aber auch eine gewisse Erleichterung in den Medien zu vernehmen: Endlich hatte jemand offen ausgesprochen, was viele sich nicht zu sagen oder schreiben wagten.

Der Wert jenes Mementos liegt in der Tat darin, dass es die öffentliche Aufmerksamkeit auf eine eminente Schwachstelle der Sexismusdebatte gelenkt hat. Letztere hat ihre Wurzeln in der Aufdeckung der mutmaßlichen Verbrechen des Hollywood-Moguls Weinstein, dem Frauen Straftaten von sexueller Belästigung bis hin zur Vergewaltigung vorwerfen. Mit dem sich in Windeseile auf der ganzen Welt verbreitenden Hashtag „MeToo“ entwickelte sich der Diskurs jedoch binnen kurzer Zeit zu einer Generalanklage gegen sämtliche Formen von sexueller Gewalt an Frauen – unabhängig von der rechtlichen Relevanz der Anschuldigungen. Die Trennlinie zwischen juristischer und rein moralischer Schuld wurde aufgehoben. Genau das kritisieren die Unterzeichnerinnen des französischen Manifests. Denn eine konsensfähige Grenze zwischen akzeptablen und inakzeptablen Annäherungspraktiken ist so nicht mehr möglich. Dem Autodafé der Öffentlichkeit, lautet der Vorwurf, fielen infolgedessen auch Männer anheim, deren Vergehen in den Augen anderer lediglich „ein unbeholfener Flirt“ gewesen sei.

Man kann diese Argumentation teilen oder sie als Relativierung sexueller Gewalt zurückweisen. Das Kernproblem von #MeToo bleibt bestehen: Während die juristische Schuld unter Berücksichtigung sämtlicher Tatsachen und der geltenden Rechtsnormen ermittelt werden muss, folgt die Feststellung von moralischer Schuld in dieser Debatte einem anderen Prinzip: Wenn es sich anfühlt wie Unrecht, dann ist es Unrecht. Die öffentliche Anprangerung eindeutig nicht justiziablen Verhaltens erhält durch diesen Grundsatz ebenso ihre Legitimität wie die gnadenlose Vorverurteilung der Inkriminierten. Darin lediglich eine Entgleisung der gegenwärtigen Diskussion zu erkennen, wäre jedoch ein Missverständnis. Tatsächlich offenbart #MeToo vielmehr einen inneren Widerspruch abendländischer Weltanschauung, einen blinden Fleck des Liberalismus.

Das Herz des westlichen Selbstverständnisses ist die politische und moralische Freiheit. Jeder Mensch hat das Recht, seinen eigenen Weg zum Glück zu finden. Es gibt keinen starren, von Kirche und Staat vorgeschriebenen Wertekanon mehr, keinen in Stein gemeißelten Moralkodex. Die Maxime des Liberalismus, auf der unsere freiheitliche Ordnung beruht, besagt, dass kein Lebensstil grundsätzlich besser, keine Moralvorstellung richtiger als die andere ist – solange niemand daran Schaden nimmt. Wann aber liegt ein Schaden vor? Objektiv feststellbar ist er nur, wenn durch ihn ein Gesetz gebrochen wurde. Da der liberale Staat jedoch so wenig wie möglich in die privaten Angelegenheiten seiner Bürger eingreifen darf, muss es noch ein anderes Korrektiv geben, mit dem auch legales Fehlverhalten sanktioniert werden kann. „In diesem Fall kann der Handelnde zwar nicht durch das Gesetz, wohl aber durch die öffentliche Meinung gestraft werden“, schreibt John Stuart Mill in seinem Klassiker des Liberalismus „Über die Freiheit“. Und weiter: „Sobald die Handlung eines Menschen die Interessen eines andern nachteilig berührt, fällt er der Gerichtsbarkeit der Gesellschaft anheim …“

Mill gefällt die Vorstellung von der Gesellschaft als einer zornigen Nemesis, die „Vergeltung“ nimmt für jeden Geschädigten und dem Täter Leid als Buße zufügt. Doch unter welchen genauen Umständen die Öffentlichkeit über die Handlungen des Einzelnen richten soll, verrät er nicht. Entscheidend sei, ob das „Wohl der Gesamtheit“ durch die Intervention gefördert werde und ob gegen „allgemeine Regeln“ verstoßen wurde, so die vage Erläuterung. Denn der britische Philosoph und Ökonom glaubt durchaus noch an ein festes moralisches Regelwerk, liebäugelt sogar mit dem Gedanken, dass die öffentliche Meinung „eine mächtige Sittenpolizei organisieren“ und gewisse moralische Laster „streng mit sozialen Strafen belegen“ sollte. Mit unserem heutigen Verständnis von Wertepluralismus oder, wie Kritiker meinen, -relativismus passt die Vorstellung einer übergeordneten, für jedermann verbindlichen Moral, die sich etwa an religiösen Tugenden orientiert, freilich nicht zusammen. Dennoch stellt sich auch uns die Frage, wo jenseits des Gesetzbuches die Grenze zwischen Recht und Unrecht zu ziehen ist.

Was tun, wenn zwei unterschiedliche, aber a priori als gleichwertig betrachtete Moralvorstellungen miteinander kollidieren? Ein Fehlverhalten liegt vor, wenn ein Schaden entstanden ist. Doch bei verletzten Gefühlen, gekränkter Ehre, verschiedenen Ansichten über Anstand, Höflichkeit oder Respekt kann nur das subjektive Empfinden als Maßstab dienen. Einen Schaden gibt es folglich dann, wenn ich das Betragen meines Gegenübers als solchen wahrnehme. Der Versuch, eine verbindliche moralische Schuld ohne verbindliche moralische Werte zu ermitteln, muss also zwangsläufig zu einem radikalen Subjektivismus, zu einer Verabsolutierung des individuellen Gefühls führen. Ein toter Winkel im westlichen Hyperliberalismus, der Gefahren birgt.

Denn die Herrschaft des Sentiments ist ein Willkürregime, in dem jede noch so eigensinnige Befindlichkeit danach strebt, zum allgemeinen Gesetz erhoben zu werden. Wohin das führt, zeigt die Hysterie um die sogenannten Mikroaggressionen, die an nordamerikanischen und mittlerweile auch europäischen Universitäten grassiert. Die Idee dahinter: Eine Äußerung ist rassistisch oder diskriminierend, wenn der Empfänger sie so empfindet – unabhängig von der Intention des Sprechers oder objektiven Kriterien. Da das Universum menschlicher Gefühle potenziell unendlich ist, entfällt so jeglicher Konsens darüber, was noch gesagt werden darf und was nicht. In den USA herrscht an manchen Universitäten bereits ein Klima der Angst unter den Professoren, da beinah jedes Wort zu schwerwiegenden Konsequenzen führen kann. Selbst anerkannte Lehrmeinungen wie die Evolutionstheorie werden zur Disposition gestellt, weil sie die religiösen Gefühle mancher Studenten verletzen.

„Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“, so der Titel eines berühmten Kunstwerks von Francisco de Goya. Im universitären Mikrokosmos ist schon jetzt zu beobachten, wie die Verdrängung der Ratio durch Emotionen die Lehr-, Meinungs- und Redefreiheit bedroht, wie schrankenlose Freiheit sich am Ende selbst zerstört. Genau davor warnen in der aktuellen Sexismusdebatte auch Kritiker wie Catherine Deneuve, die in der Beliebigkeit vieler moralischer Anschuldigungen eine Gefahr für die sexuelle Freiheit sehen. Fest steht, dass mit der Tendenz, Privatmoral zum Maßstab für das Verhalten anderer zu machen, der an sich so wichtige Diskurs seine sachliche Grundlage verliert. Karrieren und Reputationen werden so zum Spielball menschlicher Affekte, sie unterliegen nicht nur dem subjektiven Unrechtsempfinden Einzelner, sondern geraten in Abhängigkeit von finanziellen Interessen, Rachegelüsten oder Geltungssucht. Sollte es #MeToo nicht gelingen, eine Lösung für das liberale Dilemma der moralischen Schuld zu finden, droht die Bewegung am Ende zu einem typischen Phänomen des postfaktischen Zeitalters zu werden.

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