Das große Wettnennen

Max Tholl4.02.2015Gesellschaft & Kultur

Sind Sie Normcore und war Ihr Großvater womöglich ein Hipster?

Kennen Sie das Gefühl, etwas zu verpassen? Das Gefühl, dass da draußen die große Liebe oder der perfekte Job auf Sie wartet und Sie die Chance verpassen? Ja? Glückwunsch, Sie leiden unter _FOMO_ (Fear Of Missing Out) – die Angst, etwas zu verpassen.

Was nach kleinem italienischem Bergdorf oder Sportbekleidungstextil klingt, ist mittlerweile zur Volkskrankheit avanciert und findet sich als Hashtag in jedem guten Social-Media-Feed wieder. Dass das Akronym relativ neu ist, ist klar. Aber ist das Phänomen es auch?

FOMO reiht sich nahtlos ein in eine lange Liste von Begriffen, die gesellschaftliche Akteure, Strukturen oder Habitus neu erklären oder definieren wollen. Ob _Negative Scanning_ oder _Hipster_ – der Sinn dieser Wortkreationen ist es, eine Welt zu vereinfachen und zu erklären, die immer komplizierter wird. Doch wird sie das? Hatten nicht schon unsere Urgroßeltern die Sorge, Chancen zu verpassen? Litten also auch sie unter _FOMO_?

Das Problem mit diesen – ich sag’s jetzt mal – Modewörtern ist die altbekannte Henne-Ei Frage: Leidet die Menschheit seit jeher unter _FOMO_ und hatte nur keinen knackigen Namen dafür, oder hat uns erst die Popularität des Begriffes zu _FOMOs_ werden lassen?

Natürlich gab es auch schon früher solche Begriffe, viele davon haben einen Platz in unserem Sprachgebrauch und unseren Wörterbüchern gefunden. Und natürlich gibt es gesellschaftliche Veränderungen, die benannt werden müssen. Doch das Aufkommen neuer Begriffe – beschleunigt durch die sozialen Netzwerke – ist längst inflationär, steht in keinem Verhältnis mehr zum wirklich stattfindendem gesellschaftlichen Wandel. Alles muss benannt werden – selbst die Sachen die schon einen Namen haben.

Jüngstes Beispiel: _Normcore_ (aus „normal“ und „hardcore“) – das Tragen normaler Kleidung. Ernsthaft? Müssen wir wirklich die Normalität neu benennen?

Wer solche Begriffe aber nur als Trend oder als Erklärung versteht, übersieht ihre eigentliche Wirkung: Identifikation. Die Psychologin Julie Norem verhalf dem Begriff _defensive pessimism_ (sich auf alles Negative vorbereiten, um so Kontrolle darüber zu erlangen) wieder zu Aktualität und stellte fest, dass sie vielen damit aus der Seele sprach. Die häufigste Reaktion, die Norem von Lesern hörte, war Erleichterung und Dankbarkeit, dass es nun endlich einen Namen für ihr Verhalten gibt. Daraus ergebe sich ein Gemeinschaftsgefühl und man stehe nicht mehr in Erklärungsnot, wenn man auf das komische Verhalten angesprochen werde.

Phänomene wie _FOMO_ oder defensive pessimism sind universal und zeitlos. Manche Gesellschaften fördern diese Wesenszüge, manche vermindern sie, doch es sind Charaktereigenschaften, die uns seit jeher innewohnen. Nur hatten wir bisher nie so viel Zeit darüber nachzudenken und uns mit Gleichgesinnten auszutauschen. Wortkreationen wie _FOMO_ sind die Schnittstelle dieses Austausches und brechen die Komplexität kognitiver Prozesse für uns auf vier Buchstaben runter. Das ist hilfreich – in Maßen. Wenn es aber nur noch darum geht, Begriffe der Begriffe wegen in die Welt zu schleudern, läuft etwas gehörig falsch.

Gibt es eigentlich schon einen Begriff für die Angst keinen Begriff zu haben? Nein? Wie wäre es mit _FOLAN_ (Fear Of Lacking A Name). Verwenden Sie es doch jetzt – oder wollen Sie etwa ein _late-adopter_ sein?

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