Traute Einsamkeit

Max Tholl27.10.2014Gesellschaft & Kultur

Was treibt Leute dazu, sich selbst Stromschläge zu verpassen, und Schweden, sich als Italiener auszugeben?

Ich erhebe mich von meinem Sitz und ­betrete unter tosendem Beifall die Bühne. Nach einem kurzen Händeschütteln mit dem Laudator recke ich die goldene ­Statue in die Luft, auf der in Großbuchstaben eingraviert steht: „Max Tholl, letzter Verfechter der Einsamkeit“.

Stattgefunden hat dieser Augenblick nie, gefühlt habe ich ihn elf Tage am Stück. Diesen Sommer bereiste ich Skandinavien per Zug. Im Gegensatz zu den meisten Interrailers (die jungen Menschen mit den riesigen Rucksäcken, die die ICEs an ihr Platz- und das Bahnpersonal an ihr Fremdsprachenlimit bringen) reiste ich alleine. Kam ich unterwegs mit jemandem ins Gespräch, lief die Unterhaltung stets auf das selbe Fazit hinaus: Sei ja schon ungewöhnlich, so ganz alleine zu reisen. Ob ich mir nicht einsam dabei vorkäme? Selbst würde man sich das nicht trauen. Man zollte mir den ­Respekt, in dessen Genuss sonst nur Abenteurer kommen. Und schon hielt ich sie fest im Griff, meine Auszeichnung als stolzer und mutiger Alleinreisender.

Levi, ein junger blonder Schwede, ­berichtete, wie unwohl ihm bei dem Gedanken sei, alleine unterwegs zu sein – besonders in seiner Heimatstadt. Erstens wegen der bohrenden und ­urteilenden Blicke der Mitmenschen und zweitens wegen all der Zeit, die die Einsamkeit zum Nachdenken bietet. Um ersteres zu umgehen, würde er einfach so tun, als sei er ein Italiener auf Durchreise. Gegen das Nachdenken habe er jedoch noch kein Mittel gefunden. Welch grausamer Zustand diese Einsamkeit doch ist, wenn die Scham darüber schwedische Bleich­gesichter zu solchen Lügenkonstrukten nötigt, dachte ich.

Wer Zeit für sich hat, konfrontiert sich selbst.

Millionen Menschen sind alleine, sind Single. Viele davon aus ­Überzeugung. Doch als einsam will niemand gelten. Schließlich scheint es, als könnte Einsam­keit (anders als der Beziehungsstatus) keine Wahl, sondern nur Auferlegung sein. Einsamkeit wird aber nicht nur von außen misstrauisch gemustert, sondern auch von innen gefürchtet. Wer Zeit für sich hat, konfrontiert sich selbst, stellt sich Ängsten und Problemen. Echte Einsamkeit erleben heißt daher für mich, jenen Sicherheitsabstand aufzugeben, den wir zwischen uns und unseren Gedanken aufgebaut haben. Es bedeutet, sich mit sich selber anzufreunden.

Deswegen fällt uns auch das Warten so schwer. Es geht den meisten nicht um die vergeudete Zeit, sondern um die Zeit, die sie mit sich alleine verbringen müssen. Jüngst veröffentlichte das renommierte US-Magazin „Science“ die Ergebnisse von elf verschiedenen Studien, die alle belegen, dass es einer Mehrzahl von Menschen unangenehm ist, mehr als sechs Minuten alleine in einem Raum ohne Ablenkung zu sein. Viele bevorzugten es sogar, sich Elektroschocks zu verpassen, anstatt sich mit sich selbst zu beschäftigen.

Als die amerikanische Pop-Art-Ikone Andy Warhol einst das Apartment eines Freundes besuchte, soll dieser gesagt haben: „Es ist groß genug für einen, oder für zwei, die sich wirklich nahe sind”. Woraufhin Warhol ihn verdutzt anstarrte und erwiderte: „Kennst du zwei Leute, die sich wirklich nahe sind?”

Die eigentliche Frage ist: Kennen Sie jemanden, der sich selbst nahe genug ist?

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