Was vorübergehend helfen kann, schadet auf Dauer der Gesamtwirtschaft. Horst Seehofer

Der Kauf der Dinge

Wie man auf dem Flohmarkt der Zeit die Zeit abkauft.

Ich bereiste kürzlich Russland und wollte abseits von Moskau und Sankt Petersburg auch das Hinterland sehen. Leider gestaltete sich das aufgrund von sprachlichen und zeitlichen Grenzen etwas schwieriger. Sichtlich enttäuscht erzählte ich im Zug von Moskau nach St. Peters­burg meinem Sitznachbarn Evgeniy davon, der mir anriet, sonntags zu einem Flohmarkt in einem Randbezirk der Stadt zu fahren. Dort könnte man nicht nur die russische Seele spüren, sondern auch spottbilligen Sowjet-Ramsch kaufen. Beides klang verlockend.

Wer kauft sowas?

Angekommen auf besagtem Flohmarkt wurden alle meine Erwartungen übertroffen: Es gab Berge von Altkleidern, dazu Elektroschrott und Sowjet-Kitsch. Das 1995er-Meistertrikot einer italienischen Junioren-Handballmannschaft neben Wehrmachtsuniformen, zu alt und zu erschreckend, um gefälscht zu sein. Akkus für Handys, auf denen ich in der siebten Klasse versucht hatte, den Schulrekord in Snake zu knacken, daneben lebensgroßen Leninstatuen oder schlecht ausgestopfte Tierköpfe. Als mein Blick sich auf einen völlig verblassten Pepsi-Sonnenschirm mit David Beckhams Konterfrei fiel, rief mir ein Mann im Putin-Shirt zu: „Buy! Good quality! Zlatan Ibrahimovic!“ Zwei Fragen schossen mir durch den Kopf: Hat Zlatan jemals Werbung für Pepsi gemacht? Und wer würde diesen komplett wertlosen Gegenstand kaufen wollen?

Dann fiel mir ein altes Luftgewehr ein, das ich letzten September auf einem Berliner Trödelmarkt gekauft hatte und das seitdem nutzlos bei mir herumsteht. Wieso habe ich dafür Geld gezahlt? Es dämmerte mir: Auf Flohmärkten wird nicht nur billige Ware verhökert, hier werden Erinnerungen verkauft. Als ich das Gewehr im September kaufte, hatte ich mich gerade von jemandem getrennt, und der verbogene Lauf des Gewehres schien den missratenen Lauf der Dinge widerzuspiegeln. Ich fühlte, dass dieses Erlebnis wichtig für mich sein würde, und wollte ihm eine Form geben. Solange das Gewehr bei mir steht, dachte ich, wird mir die Erinnerung an diese Zeit bewahrt. Oder zumindest greifbar sein.

Gegenstände werden zu Relikten

Das Sammeln von Gegenständen ist menschlich. Wir brauchen gewisse Gegenstände, um zu überleben. Doch wenn der Wert der Gegenstände ihren eigentlichen Nutzen übersteigt, entwickeln sie ein Eigenleben. Plötzlich ist eine Tageszeitung von vor drei Jahren nicht mehr nur Altpapier, sondern das Relikt einer Zeit, in der vielleicht alles besser war. Sie verkörpert dieser Zeit. So zu denken ist auch menschlich – in Maßen. Krankhaft wird es dann, wenn wir mit Gegenständen versuchen, die Zeit festzuhalten, sie zu domestizieren. Dann verfremden wir nicht nur den Gegenstand sondern auch unsere Erinnerung. Dann tauschen wir den wichtigen Moment gegen wertlosen Schrott.

Ich verzichte auf den Schirm und schlendere weiter, vorbei an einem Hunderterpack Kniestrümpfe und russischen Porno-DVDs. Ich drehe mich noch einmal kurz um und sehe, wie jemand in der Abendsonne nach dem Schirm greift, ihn hin und herdreht. Vielleicht möchte er diesen Moment konservieren. Vielleicht findet er aber auch nur Ibrahimovic gut. Wer weiß das schon?

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Max Tholl: Kreislaufprobleme

Fleisch

Dieser Beitrag stammt aus der „The European“-Printausgabe 4/2015.

Darin geht es u.a. um die Zukunft des Fleisches. Wir führen eine Debatte darüber, was morgen auf den Teller kommt. Dazu: Eine Bilanz nach sechs Monaten Mindestlohn, die Zukunft des jüdischen Lebens in Deutschland, das zweifelhafte Phänomen des Massentourismus und die Digitalisierung des Museums.

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