Kreislaufprobleme

von Max Tholl17.06.2015Gesellschaft & Kultur

Weil ich über alles schreiben darf, kann ich über nichts schreiben.

Sie könnten an dieser Stelle die Geschichte lesen, wie ich eine Woche lang fürchtete, die Erdanziehungskraft könnte nachlassen und was uns das über irrationale Ängste und deren Nutzen lehren kann. Oder die Geschichte einer Ziege, die in die Londoner U-Bahn einstieg (auf The European können Sie “Bildmaterial sichten”:http://www.theeuropean-magazine.com/alain-de-botton/9997-how-fomo-controls-us. Sie überlegen jetzt, ob es lohnt, nachzuschauen? Ja, tut es.). Denn ich genieße an dieser Stelle kreative Freiheit. Leider.

Ideen im Snapchat-Modus

Ich mag das Kolumneschreiben nicht. Das ist eine Lüge. Ich mag das Schreiben gerne, ich hasse nur die Entscheidungsphase, die dem vorausgeht. Da mir nur ein paar Mal im Jahr die Gelegenheit geboten wird, meine Meinung im Heft zu Papier zu bringen, will ich mich natürlich für die beste Idee entscheiden – klar. Im Supermarkt entscheide ich mich schließlich auch für das beste Produkt.

Doch es gibt einen Unterschied: Im Gegensatz zur Kolumne bin ich im Supermarkt in meiner Auswahl eingeschränkt. Bei dieser Kolumne sitze ich also wieder kurz vorm Abgabetermin zu Hause und muss dringend eine Entscheidung fällen. Erst mal raus an die frische Luft, denke ich mir, ein Spaziergang sollte Klarheit schaffen. Falsch gedacht. Ich laufe sechsmal um den Block und komme bei jeder Umrundung auf neue Ideen. Mein Gehirn geht in den Snapchat-Modus über: Ideen kommen hereingeschossen, verweilen bis zur nächsten Straßenlaterne und verschwinden wieder in das Nichts, aus dem sie kamen. Mist.

Im Optimalfall verhält sich Wahlfreiheit wie ein Schengen-Abkommen für Kreativität. Sie setzt grenzenloses Potenzial frei. Wenn’s weniger optimal verläuft, ist sie die FOMO der Kreativität: eine ständige Jagd, die zwar weit hinaus führt, einen aber mit leeren Händen zurückkehren lässt.

Kreative Kastration führt zu erstaunlicher Kreation

Der britische Künstler David Shrigley erzählte mir einst im Interview, dass er am liebsten dann zeichnet, wenn das Blatt vor ihm nicht mehr reinlich weiß ist, sondern schon Spuren trägt – etwa eine schwarze Linie oder einen roten Punkt. Diese begrenzen seine kreativen Möglichkeiten und dienen ihm so als Ausgangslage. Sich Möglichkeiten zu verwehren oder sich kreativ zu begrenzen, ist für Shrigley demnach keine echte Einschränkung, sondern vielmehr eine Abkürzung: Sie beschleunigt den Prozess der Entscheidungsfindung, der auch nichts anderes ist als die aktive Verengung der kreativen Freiheit.

Shrigley ist nicht allein. Nehmen wir ebenfalls das Beispiel des millionenfach verkauften Kinderbuches „Grünes Ei mit Speck“, dessen Entstehung auf eine Wette zwischen dem Autor Dr. Seuss und seinem Verleger zurückgeht, laut der Seuss nicht mehr als 50 Wörter im ganzen Buch benutzen durfte. Es wird klar: Kreative Kastration führt oft zu erstaunlich viel Kreation.

Was ich also brauche, ist eine Vorgabe und etwas Zeit. Bei Letzterem kann ich mir helfen, das andere überlasse ich dem Zufall. Ich ziehe ein beliebiges Buch aus dem Regal, schlage es wahllos auf und gleite blind mit dem Finger über die Seite. Ich komme an einer Stelle zum Stehen und dann herrscht Gewissheit: Nächsten Monat werden Sie an dieser Stelle eine Kolumne zum Thema „Luftgewehr“ lesen. Ich fange schon mal an, um den Block zu kreisen.

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