Der beste Pop des letzten Jahrzehnts

von Max Dax23.12.2009Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Medien, Wirtschaft, Wissenschaft

Die Top Ten des Pop der vergangenen Dekade. Rock, Funk, Punk, Retro und ein paar eigene Musikrichtungen hat das letzte Jahrzehnt hervorgebracht. Mit ein wenig Abstrichen kann sich davon sogar einiges durchaus sehen und hören lassen.

2000: Primal Scream “XTRMNTR” With a little help from David Holmes, Bernard Sumner, Kevin Shields und den Chemical Brothers hinterließen Primal Scream aus Glasgow mit ihrem von Krautrock und Cyberpunk zerhackstückelten Monster von einem Doppelalbum nichts als verbrannte Erde. Kernstück des Albums ist der sagenhaft-hypnotische Song “Shoot Speed/Kill Light”, der klingt, als habe Bobby Gillespie, der autodestruktive Kopf der Band, Haschisch und Kokain als Downer und Beschleuniger zugleich im Sinn gehabt. 2001: Bob Dylan “Love and Theft” Die Platte erschien am 11. September, als vier entführte Flugzeuge die Welt zurück ins Mittelalter stürzten. Als hätte er es geahnt, singt Bob Dylan grimmig von einer Welt, in der Missgunst, Naturkatastrophen und sonstige Geißeln den Menschen auf Trab halten. Dylan bediente sich in seinen Blues-, Country- und Rockabilly-Nummern fast ausschließlich bei längst vergessenen Stars und Sternchen vergangener Jahrzehnte – Diebstahl aus Liebe. 2002: Missy Elliott “Under Construction” Das beste Hip-Hop/R&B-Album des Jahrzehnts. Nicht nur wegen der wegweisenden Beats und der wirkungsmächtigen Attitude, mit der Missy Elliott die Kollegen in den Schatten stellte. Die Rapperin spielte hier virtuos mit Zitaten und Referenzen, grundierte ihre Rhymes, Chöre und Flows mit mehr als nur einem Hauch Old School – zu einem Zeitpunkt, als ihre männlichen Kollegen weitgehend auf supersaubere Produktionen und Chauvinismus setzten. 2003: White Stripes “Elephant” Fast im Alleingang retteten Jack und Meg White den Punkrock vor der Bedeutungslosigkeit, indem sie ihn in den Resonanzboden des amerikanischen Blues pflanzten. Minimalistischer und geschichtsbewusster klang US-Rockmusik schon lange nicht mehr – und für die White Stripes, die ihren Rot/Weiß/Schwarz-Dresscode konsequent durchhielten, bedeutete “Elephant” drei Jahre vor der Fußball-WM in Deutschland den internationalen Durchbruch. 2004: Franz Ferdinand “Franz Ferdinand” Allein dafür gebührt ihnen ein Platz im Himmel: Mit ihrem hyperfickrigen Debütalbum begrub diese Glasgower Band ein für alle Mal den Britpop. Mit einer cleveren Anbiederung an die Verlierer des Ersten und Zweiten Weltkriegs – Deutschland und Österreich – benannte sich das Quartett nach dem 1914 ermordeten Thronfolger Franz Ferdinand von Österreich und überzeugte mit genial-dadaesken Textzeilen auf Deutsch: “Ich heiße Super Fantastisch / Ich trinke Schampus mit Lachsfisch.” 2005: M.I.A. “Arular” Die aus den Bürgerkriegswirren Sri Lankas geflüchtete Maya Arulpragasam kickstartete ihre Karriere mit einer wilden Mischung aus Booty- und Banghra-Beats, Electro-Hip-Hop und Synthie-Pop. Mit ihrem Debütalbum wurde sie zur Identifikationsfigur einer ganzen Generation von Musikerinnen, die die Rolle als Verkünderin von Trennungsschmerz ablehnte. Das Besondere war ihr Erfolg, sowohl auf den Dancefloors wie auch als radikale Neuerfindung der Weltmusik. 2006: Burial “Burial” Das bis heute wegweisende Album in Sachen Dubstep, der wichtigsten Weiterentwicklung der Genres Dub-Reggae und TripHop. Burial blieb bis heute anonym, seine düster-bassige, bis fast zum Stillstand abgebremste Musik aber setzte weltweit Maßstäbe. Man kann die Musik doch noch neu erfinden, lautet die Kernaussage dieses bedrohlichen Albums, wenn man nur um die Geschichte weiß – und wie man sie konsequent neu zusammenpuzzelt. 2007: Amy Winehouse “Back to Black” Auf menschlicher Ebene mag der Welterfolg dieses Albums der Sängerin Amy Winehouse Venen und Genick gebrochen haben. Aber wenn es ein Soul-Album gegeben hat, an das man sich noch in Jahrzehnten erinnern wird, dann an dieses. Mit der perfekten, exakt 32:17 Minuten zählenden Spiellänge des Albums überführen die auf ihm enthaltenen zehn Songs die Sixties in das neue Jahrtausend. Man kann wunderbar tanzen zu dieser Musik, aber der tiefe Abgrund, der dahinter liegt, ist immer spürbar. 2008: Portishead “Third” Nach gefühlten zwei Jahrzehnten Funkstille meldete sich mit Beth Gibbons die Stimme einer Generation wieder zu Wort – verschlüsselt, introspektiv, rätselhaft. Wie gut, dass die Musik, eine unwiderstehliche Mischung aus Jazz, John Carpenter und CAN, retrofuturistisch wie nie zuvor naheging. Die auf dem Album enthaltene Single “Machine Gun” dürfte der dringlichste Anwärter auf den Song des Jahrzehnts sein, da er die dunklen Nuller-Jahre als skeletthaft-minimalistisches Soundmonster auf den Punkt zu bringen versteht. 2009: Die Goldenen Zitronen “Die Entstehung der Nacht” Die einstige Funpunk-Band ist erwachsen geworden, und dies im würdevollsten denkbaren Sinne: Als einsame Rufer in der deutschen Nacht thematisieren sie das Politische im Privaten, reflektieren Kunstmarkt und Musikkrise, Subventionstheater und Krautrock. Sie amalgamieren feinste Electronica mit fetzigem Pop, covern die Hippie-Ikone Melanie und lassen das Lied von der NDW-Legende Michaela Mélian singen. Pünktlich zum schwarz-gelben Regierungswechsel wird die Musik wieder politisch radikal.

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