Macht dich frei

Max Cappabianca8.04.2012Gesellschaft & Kultur, Wissenschaft

Beten ist mehr als ein kulturhistorisches Phänomen. Auch wenn das Aufreizende des Religiösen, seine Unbeweisbarkeit, hier besonders plastisch wird. Das Gebet ist somit der Ernstfall der Religion.

Das Aufreizende des Religiösen ist ja gerade die Unbeweisbarkeit des Geglaubten. Manchen ärgert diese Uneinholbarkeit, und so wird die Möglichkeit einer Transzendenz lieber verneint oder – was heute häufiger ist – dem Subjektiven zugewiesen. Beten, Transzendenz, Sinnfragen … all dies wird aus der Sphäre des Rationalen ausgespart.

Es gibt keinen Beweis

Und in der Tat: Es gibt keinen schlagenden „Beweis“. Vielleicht irren die Glaubenden der Religionen dieser Welt ja tatsächlich und hängen einer gigantischen Illusion an. Die Gebete, die seit Jahrhunderten gesprochen werden: nicht mehr als das „Ankläffen“ eines stummen Nichts. Diese Ungewissheit ist mit den Waffen der Vernunft nicht zu besiegen, daher ist der Glaube auch für die Frömmsten – wenn sie denn ehrlich sind – nicht ohne Zweifel zu haben. Zugleich ist Beten nur dann möglich, wenn die Möglichkeit eines transzendenten Gegenübers nicht ausgeschlossen wird, sonst hätte dieser Sonderfall menschlicher Kommunikation tatsächlich keinen Sinn und wäre nicht von einer Neurose zu unterscheiden. Das Gebet ist der Ernstfall der Religion. Allerdings ist das (christliche) Gebet nicht nur eine den fernöstlichen Traditionen vergleichbare abendländische Form der Meditation, die es nur wieder zu entdecken gilt. Wie flach und auf der Ebene des Folkloristischen würde eine solche Betrachtungsweise bleiben. Nein, ich bin überzeugt, dass das Beten mehr ist als ein kulturhistorisches Phänomen, sondern eine seit Jahrtausenden geübte und in mancherlei Hinsicht subversive Praxis, die sich nicht im Immanenten erschöpft. Denn im Beten – selbst im zweifelnden – anerkennt der Mensch implizit die potenzielle Wirklichkeit Gottes an und weist dem Transzendenten eine Suprematie an mit unabsehbaren Folgen für die eigene Lebenswirklichkeit.

Das Gebt als Gefahr für weltliche Autoritäten

Der Beter relativiert sich selber und entsagt dem Anspruch, Letztinstanz zu sein. Zugleich aber werden auch diejenigen relativiert, die selber mit Absolutheitsansprüchen auftreten, sei es in politischer oder weltanschaulicher Hinsicht. Deswegen waren authentisch praktizierte Religionen immer eine Gefahr für totalitäre Regime oder auch für die Ansprüche der Konsumindustrie, deren falsche Versprechungen sich ganz offensichtlich von selber erledigen. In gewisser Weise pflegt der Mensch im Gebet seine „Berufung zum Ewigen“, er gewinnt eine „absolute“ Freiheit, die ihm aus der Verwurzelung im Sein selber erwächst. Allerdings ist der Mensch auch kein Götterkind, der nur an seine eigentlich „geistige Berufung“ erinnert werden müsste, wie die Gnostiker aus Geschichte und Gegenwart glauben machen wollen. Weil der Mensch ein Wesen aus Fleisch und Blut ist, gibt es die Berufung zum Ewigen nur im Hier und Jetzt – nur auf dem Weg des Humanen. Der Mensch ist keine geistige Monade, sondern ein soziales, ein körperliches Wesen, eine Person, die nur am Andern, am Du zu sich kommen kann. Das Christentum hat dieses Wissen immer wach gehalten, weil es am Ungeheuerlichen der Geschichte des Mannes aus Nazareth mit Namen Jesus festgehalten hat: Dass nämlich in einem Menschen Gott erkannt wird. Dass die Grenzen zwischen menschlich und göttlich, zwischen zeitlich und ewig plötzlich in eins fallen und – das kommt noch dazu – zugänglich werden für jeden, der in diese Dynamik eintritt. Die Praxis dieser Dynamik heißt Gebet. Sie verändert unmittelbar die Wahrnehmung der Wirklichkeit … Nicht ohne Folgen für die Wirklichkeit selber.

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