Der freie Markt funktioniert nicht. Andrew Keen

Ein moralisches Angebot­

In der Retortenstadt kann autarke Energieversorgung endlich getestet werden. Ein Masterplan für die nachhaltige Stadt von morgen.

Die Zukunft hat die Eigenschaft, dass man sie nicht sicher voraussagen kann. Aber man kann sie bis zu einem gewissen Punkt gestalten. Und das finde ich besser, als nur darauf zu hoffen, dass alles vielleicht doch nicht so schlimm wird. Dies gilt besonders für die Frage, wie unsere künftige­ Energieversorgung aussehen kann.

Dabei stehen für mich zwei Dinge außer Zweifel: Wir müssen unseren Bedarf an Strom, Wärme und Mobilität zu 100 Prozent aus erneuerbaren Quellen decken und das ist möglich und zwar mit Technologien, die uns bereits heute zur Verfügung stehen.

In meinem Buch „Mein unmoralisches Angebot an die Kanzlerin“ habe ich einen Masterplan für die Energiewende vorgestellt. Es ist ein physikalisch wie volkswirtschaftlich stimmiges Konzept am Beispiel Deutschlands, das aber weltweit als Blaupause für eine nachhaltige Energieversorgung dienen kann.

Ein Gedankenexperiment

Für mich ist die Überlegenheit der Erneuerbaren gegenüber den fossilen Energieträgern eindeutig. Kohle, Öl und Gas gehen in absehbarer Zeit zur Neige und werden auch deshalb schon bald nicht mehr bezahlbar sein. Diese in Millionen von Jahren entstandenen Rohstoffe innerhalb weniger ­Generationen zu verbrauchen, dabei die ­Atmosphäre zu verpesten und das Klima aus dem Gleichgewicht zu bringen, ist nicht nachhaltig, sondern ­töricht und lebensgefährlich.

Auf die Frage, warum trotzdem ganze Landstriche auf der Suche nach Braunkohle umgebaggert werden, während sich Bürger gleichzeitig über den Bau von Windrädern aufregen, antwortete der ­österreichische Politiker und Buchautor Hans Kronberger: „Erneuerbare Energien haben nur einen einzigen Feind: Die Unwissenheit über die fantastischen Möglichkeiten, die sie uns bieten.“

Nun wird diese Unwissenheit vieler Menschen von denjenigen ausgenutzt, die vom gegenwärtigen Energiesystem profitieren. Sie schüren Zweifel an der Machbarkeit der Energiewende, malen den Blackout an die Wand und schieben Wind-, Sonnen- und Bioenergie die Schuld am Anstieg der Strompreise in die Schuhe.

Deshalb wäre es reizvoll, die Energieversorgung einer Modellstadt jenseits etablierter Paradigmen rein aus Erneuerbaren zu konzipieren und in einer Art Gedankenexperiment auf ihre Umsetzbarkeit hin zu überprüfen. Auch wenn für mich das Ergebnis bereits feststeht.

Die Stadt der Zukunft – da sind sich Planer, ­Architekten, Politiker und Philosophen einig – wird viel stärker vernetzt sein als heutige Metropolen. Ein lebendiger Organismus, in dem alle Zellen über ein weitläufiges „Nervensystem“ mit­einander verknüpft sind. Ein Netz, das Impulse übermittelt, geordnet, aber ohne feste Hierarchien. Jeder Teilnehmer ist, je nach Situation, mal Subjekt, mal Objekt eines Prozesses. Effizienz und Lebensfreude sind keine Gegensätze mehr. ­Jedenfalls dann, wenn der ­Organismus gut durchblutet wird. Mit Energie, dem ­Lebenssaft der digitalen Stadt.

Ein solches Stadtkonzept bedingt ein hohes Maß an Autarkie. Freie, offene Kommunikation im Inneren kann dauerhaft nur funktionieren, wenn keine lebenswichtigen Funktionen von äußeren Einflüssen abhängen. Der Astronaut kann beim Spaziergang die Weite des Weltalls nur solange genießen, wie ihn die Nabelschnur aus Draht und Kunststoff mit dem Space-Lab verbindet. Seine ­Lebensenergie hängt an einem sprichwörtlich dünnen Faden. Die Befreiung von dieser Abhängigkeit ist ein weiteres, wichtiges Argument für den Einsatz erneuerbarer Energien. Wind und Sonne schicken nämlich nicht nur keine Rechnung, sie können auch nicht einfach abgestellt werden – wie die Öl- oder die Gaslieferungen über eine Pipeline.

Folgt man also meinem Masterplan, kann selbst der Energiehunger einer „Smart-City“ allein aus erneuerbaren Quellen gedeckt werden. Dabei kommt es auf den klugen Mix der verschiedenen EE-Formen an. Ihr jeweiliger Anteil ist abhängig von der exakten Verortung der fiktiven Stadt.

Es lässt sich sagen: Mehr als die Hälfte des benötigten Stroms wird von Windrädern erzeugt. Ein weiteres Viertel steuert Sonnenenergie bei. Sowohl aus größeren Freiflächen-Solaranlagen wie aus Dachanlagen, deren Ausbeute über den Bedarf hinaus dezentral in Batterien gespeichert werden kann. Je nach Standort kann die Wasserkraft fünf bis zehn Prozent zur Deckung des Energiebedarfs beisteuern. Der Rest kommt aus Blockheizkraftwerken, die – mit Bioenergie betrieben – außer Strom auch Wärme für Industrie und Heizungen produzieren.

Das Modell funktioniert in ganz Deutschland

Das Bestechende an diesem Modell ist, dass es nicht nur in dem kleinen, überschaubaren Bereich einer Retortenstadt funktioniert, sondern auch im großen, deutschlandweiten Maßstab. Es funktioniert dann sogar noch einfacher und besser. Weil sich gerade bei der für die Produktion von sauberem Strom besonders wichtigen Windenergie regionale Flauten über einen dezentralen Netzverbund spielend ausgleichen lassen.

Auch das Auto hat in der Stadt der Zukunft seine Funktion und sein Erscheinungsbild verändert. Die Herren Diesel oder Otto werden bestenfalls noch in Geschichtsbüchern auftauchen. Als Statussymbol hat der fahrbare Untersatz dann ausgedient. Per Smartphone regelt man künftig seine Mobilitätsbedürfnisse. Je nachdem kommt dann ein Bus, ein Taxi oder ein Mini-Mobil pünktlich vorgefahren. Ich nenne das Automatic Transportation. Aus dem Auto ist AuTro geworden.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Oliver Götz, Niko Paech, Andreas Knie.

Cover_macht

Dieser Beitrag stammt aus der „The European“-Printausgabe 1/2014

Darin geht es u.a. um Macht: Wer besitzt sie? Wer greift nach ihr? Wir haben dazu mit Francis Fukuyama gesprochen. In weiteren Debatten entwerfen unsere Autoren die Stadt der Zukunft, diskutieren, ob Europas Populisten der Demokratie einen Gefallen tun und streiten darüber, wie politisch Kunst sein muss. Dazu: Interviews mit T.C. Boyle, Arianna Huffington und Jörg Asmussen.

Sie können es hier direkt bestellen.

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