Ich möchte nicht in erster Linie als Patient wahrgenommen werden. Wolfgang Bosbach

Stolz und Vorurteil

Das öffentliche Bild des Berufspolitikers ist schlecht. Zu Unrecht: Schaut man näher hin, entpuppt sich vieles als falsches Vorurteil. Vor allem aber brauchen Politiker wieder mehr Selbstbewusstsein.

Inkompetente Trottel regieren Deutschland, berufsmäßige Karrieristen, die bloß ihre eigenen Pfründe im Sinn haben.

So, ungefähr, geht das öffentliche Verdikt über die gegenwärtige politische Klasse. Das Image des Berufsstandes sinkt seit Jahren immer neuen Tiefstständen entgegen, aktuell vertrauen nur noch neun Prozent der Befragten den Politikern im Allgemeinen. Das Tempo des Ansehensverlustes ist alarmierend: Derweil Anfang der 1990er-Jahre immerhin 42 Prozent der Deutschen überzeugt waren, dass sich Abgeordnete primär an den Interessen der Bevölkerung orientieren, schmolz dieser Anteil bis heute auf 15 Prozent zusammen. Der Allensbach-Index, der auf einer Skala von eins bis zehn die Nähe und Entfernung der gesellschaftlichen Eliten zu ihren Bürgern misst, sieht die professionellen Politiker mit einem Wert von 7,8 nah der Marke weitestmöglicher Distanz.

Ständiger Stress vs. überlegte Entscheidungen

Freilich: Beinahe alles an diesen Vorurteilen ist falsch. Der Anteil der sogenannten „reinen“ Berufspolitiker – jener, die direkt von der Schulbank oder aus dem Hörsaal in die professionelle Politik einsteigen – hat sich in den letzten vier Jahrzehnten nicht erhöht, er stagniert bereits seit 1975 auf einem niedrigen Niveau. Die Stammtischparole von der allgegenwärtigen Inkompetenz kollidiert mit einem präzedenzlos hohen Akademikeranteil in den politischen Schaltzentralen. Und der Eindruck einer fortgeschrittenen Selbstabschottung der Politiker reibt sich mit dem ausgedehnten zeitlichen Umfang der Wahlkreisarbeit im politischen Alltag.

Gerade die Vielfalt – und nicht etwa die Seltenheit – der Basisaktivitäten heutiger Politiker dürfte im Übrigen ein Problem darstellen. Die bekannte amerikanische Historikerin Barbara Tuchman hat bereits vor etlichen Jahren am Beispiel von Henry Kissinger festgestellt, dass ihm das unerbittlich harte Arbeitspensum und die gnadenlose Terminhatz, die er zu bewältigen hatte, keine Zeit zur Betrachtung eines Problems von allen Seiten und eines politischen Kurses in allen seinen Konsequenzen ließ. Wenn heute ein Mangel an Intellektualität, Kreativität und Originalität beklagt wird, dann nicht zuletzt deshalb, weil Politiker ständig in Bewegung sein müssen. Das Beispiel Kissingers zeigt aber auch, dass diese Zwickmühle die aktuelle politische Klasse nicht von ihren Vorgängern unterscheidet.

Wenig Selbstbewusstsein, wenig Vertrauen

Wie erklären sich dann die gegenwärtigen Tiefpunkte im Ansehen von Parteien und Politikern? Neben einer gesunkenen Frustrationstoleranz der Bevölkerung nach dem Verlust festumschließender Milieus, allumfassender Weltdeutungen und selbstverständlicher Parteibindungen, muss bei der Suche nach einer Antwort auch der gestiegene Informationsstand und das gewachsene Selbstbewusstsein an der gesellschaftlichen Basis berücksichtigt werden. Die einfachen Bürger fordern infolgedessen immer lautstärker Mitbestimmung, Referenden, Volksbefragungen ein.

Vor allem aber – und paradoxerweise – dürfte der Verlust an berufsständischem Selbstbewusstsein die Vertrauenskrise der Politik befördert haben. Politiker jedenfalls, die sich in der Vergangenheit den enttäuschten Bürgern andienen wollten, produzierten damit nicht weniger Enttäuschung, sondern mehr. Gerade Eigenwille und die Resistenz gegen den reißenden Strom scheinbarer Sachzwänge nötigen dagegen Respekt ab. Das Beispiel Helmut Kohls belegt dies exemplarisch: Kohl war der letzte deutsche Spitzenpolitiker, der sich, obwohl die Mediengesellschaft zu seiner Regierungszeit längst heraufgezogen war, ihrem Sog widersetzte. Und Kohl war eben deshalb der erfolgreichste CDU-Wahlkämpfer aller Zeiten. Mit Blick auf die heutige politische Klasse folgt daraus: Wer von sich selbst nicht überzeugt ist, kann erst recht andere nicht überzeugen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: The European, Christian Schicha, Christina Holtz-Bacha.

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