Ein Rückschlag ist niemals eine schlechte Sache. Richard Branson

Ein Pfund Bequemlichkeit, bitte

Im Hinblick aufs Essen sind Deutsche anspruchsvoll. Dabei ist unsere Einstellung zur Nahrung voller Widersprüche.

Der schreibende Gourmet Wolfram Siebeck hat einmal gesagt: „Die Deutschen halten bei Tisch immer den Mund, obwohl Essen der beste Gesprächsstoff ist.“ Mit Blick auf das Verhältnis der Deutschen zum Essen möchte ich ihm energisch widersprechen, zumindest was das Schweigen betrifft. Lebensmittel und Ernährung sind ein spannendes Thema, über das die Bundesbürger gerne und ausgiebig diskutieren, denn auf unser Essen sind wir nun einmal alle miteinander angewiesen, wir wollen mitreden.

Aber worin besteht denn nun das spezifisch teutonische Element in der Beziehung der Deutschen zu ihrem Essen? Frühere Generationen würden sagen: In der Dankbarkeit darüber, dass es überhaupt vorhanden ist. Geprägt von den entbehrungsreichen Kriegs- und Nachkriegszeiten konnten viele Deutsche Zeit ihres Lebens einfach keine Lebensmittel wegwerfen. Sie würden sicher nur verständnislos den Kopf schütteln, wenn sie heutige Debatten in den Medien verfolgen würden, in denen Kennzeichnungs- und Aufmachungsprobleme zu Glaubensfragen hochstilisiert werden und Krisen heraufbeschworen werden, die gar keine sind. Bei der Dioxin-Problematik Anfang 2011 bestand z. B. zu keinem Zeitpunkt eine Gesundheitsgefahr. Dennoch wurde medial Panik verbreitet.

Deutsche schätzen Qualität und günstige Preise

Manchmal wird selbst die unglaubliche Vielfalt unseres Lebensmittelangebots kritisiert. Wir haben heute ein Lebensmittelangebot von rund 170.000 unterschiedlichen Produkten, das sich durch ein hohes Maß an Sicherheit, Qualität und Verfügbarkeit auszeichnet. Zudem ist das Preisniveau im europäischen Vergleich sehr niedrig. Ist also das Verhältnis der Deutschen zu ihrem Essen von notorischer Unzufriedenheit geprägt? Auch das ist meines Erachtens nicht der Fall.

Einer aktuellen Allensbach-Umfrage zufolge schätzen beispielsweise ca. 80 Prozent der Verbraucher die Qualität der Lebensmittel in Deutschland als „sehr gut“ oder „gut“ ein. Dabei sind die Bundesbürger sehr qualitätsbewusst, was jetzt auch das neue Eurobarometer ergeben hat. 67 Prozent der befragten Deutschen ist die Qualität beim Lebensmitteleinkauf sehr wichtig – verglichen mit einem EU- Durchschnitt von 65 Prozent. Beim Preis wiederum verhält es sich anders herum. 83 Prozent der Deutschen ist der Preis beim Lebensmitteleinkauf wichtig, während hier der EU-Durchschnitt bei 91 Prozent liegt.

Dieses Qualitätsbewusstsein kennzeichnet das Verhältnis der Deutschen zur ihren Nahrungsmitteln. Dabei lassen sich aber unterschiedliche Qualitätstypen unterscheiden, wie eine GfK-Untersuchung jüngst ergeben hat. So gibt es die Gruppe der gesundheitsbewussten Familienmenschen, die großen Wert auf Gesundheit und Sicherheit ihrer Lebensmittel legt, aber auch auf deren Akzeptanz in ihrem sozialen Umfeld. Dagegen sind ethisch- und nachhaltigkeitsorientierten Konsumenten die Herkunft und Tradition ihrer Lebensmittel am wichtigsten während bei den Funktionalisten die Convenience, also die Bequemlichkeit der Zubereitung, im Vordergrund steht. Zwei weitere Gruppen sind die Marken- und
Herkunftsorientierten sowie die preisbewussten Familienmenschen. Sie achten vor allem auf Marke und Verpackung bzw. auf soziale Akzeptanz und Convenience.

Anspruchsvolle Deutsche

Diese Vielfalt der Qualitäts- und damit auch Konsumententypen fußt auf dem reichhaltigen Lebensmittelangebot, das die Lebensmittelwirtschaft (Landwirtschaft, Handwerk, Industrie, Handel, Gastronomie/Großverbraucher) überhaupt erst möglich macht. Nicht ohne Grund ist die Lebensmittelbranche einer der leistungsstärksten Wirtschaftszweige in Deutschland. Immerhin versorgt sie tagtäglich über 82 Millionen Menschen flächendeckend mit hochwertigen Lebensmitteln. In Zahlen ausgedrückt besteht die Lebensmittelwirtschaft aus etwa 767.000 Betrieben mit rund vier Millionen Erwerbstätigen.

Unter dem Strich wird man sagen können, dass das Verhältnis der Deutschen zu ihrem Essen durchaus anspruchsvoll ist. Das können die Unternehmen der Lebensmittelwirtschaft aus eigener Erfahrung bestätigen. Über Hotlines, E-Mails oder das Internet erhalten sie täglich zigtausendfach Lob, Kritik und Anregungen. Diese Rückmeldungen sind für die Hersteller und Händler sehr wichtig, um die Akzeptanz ihrer Produkte ständig zu überprüfen und sie den Verbraucherwünschen gemäß weiter zu entwickeln. Schließlich sind zufriedene auch treue Kunden.

Ein gutes Verhältnis

Das Wissensbedürfnis der Verbraucher ist ein weiteres typisches Merkmal für das Verhältnis der Deutschen zu Ihrem Essen. Unsere Erfahrungen auf der Internationalen Grünen Woche in Berlin, zeigen, dass die meisten Verbraucher Lebensmittelverpackungen aufmerksam studieren. Dabei werden vor allem die Nährwertkennzeichnung und die Bedeutung der Zutatenliste gut verstanden.

Zusammenfassend kann man sagen: Das Verhältnis der Deutschen zu Ihrem Essen ist von einem hohen Qualitätsanspruch, von einem aufrichtigen Interesse und von einer positiven Grundhaltung geprägt, kurz, es ist ein sehr gutes Verhältnis.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Rainer Zitelmann, Raphael Fellmer, Sebastian Zösch.

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