Männerdeckung

von Matthias Heitmann8.07.2011Gesellschaft & Kultur

Der Frauenfußball ist nicht männlicher, sondern besser geworden. Wer ihn deswegen weniger schätzt, könnte ein Problem mit grundlegenden menschlichen Werten haben – oder keine Ahnung vom Fußball. Denn der Sport lebt von der Emotion.

Die Frauen-WM 2011 überrascht: Die Spiele sind härter und kämpferischer als erwartet. Es wird über die verloren gegangene Leichtigkeit der Spielerinnen diskutiert und über die steigende Verbissenheit, mit der die Spiele geführt werden. Eingeschworene Frauenfußball-Fans befürchten gar den Verlust des „typisch weiblichen“ Elements ihres Lieblingssports. Sie schätzen ihn als fairer, leichter, körperloser, spielerischer und familienfreundlicher. Ihre Beschreibungen des Männerfußballs lesen sich gleichsam wie überkommene martialische Schwüre: brutal und körperverletzend, kommerziell und käuflich, verbissen, mehr Kampf als Klasse, familienfeindllich.

Fußball passt in keine Schublade

Merken Sie was? Dem Männer- wie auch Frauenfußball werden von außen Werte übergestülpt, und beide laufen Gefahr, von diesen erdrückt zu werden. Dabei ist es offensichtlich, dass der Frauenfußball, wie die aktuelle WM zeigt, „männlicher“ zu werden scheint – sowohl hinsichtlich seines Spielcharakters, als auch seines Publikums. Gleichzeitig steigt auch der Anteil weiblicher Fans und von Familien bei Herrenfußballspielen seit Jahren stetig an, und im offiziellen Regelwerk sind in den vergangenen Jahren zahlreiche Veränderungen vorgenommen worden, um die Emotionen zu beruhigen. Wird der Herrenfußball also „weiblicher“? Droht uns in Zukunft Zwitterball?

Spätestens jetzt sollte klar sein, dass die Zuschreibungen „männlich“ und „weiblich“ die Entwicklung verschleiern. Die Professionalisierung des Frauenfußballs (Stichwort Athletik, Körpereinsatz, Härte, Spielgeschwindigkeit, Technik, Ehrgeiz, Anerkennung, Entlohnung) ist begrüßenswert. Dagegen halte ich den Trend, dass dem Herrenfußball bestimmte Formen der Emotionalität abtrainiert, aber auch kulturell gewachsene und – aufgrund der gesellschaftlichen Vergangenheit nachvollziehbarerweise von Männern dominierte – Strukturen gewaltsam aufgebrochen werden, für problematisch. Noch problematischer ist allerdings, dass dies im Namen der „Öffnung des Fußballs für Frauen und Familien“ geschieht.

Ein Platz für Emotionen

Für Kinder und Jugendliche ist es eine gute und auch wichtige Erfahrung, Emotionen in einem Stadion zu erleben. Ich war vor einem halben Jahr mit Billie (12 Jahre) in der vollbesetzten Frankfurter Commerzbank Arena in der Fankurve, und er genoss die überschäumende Stimmung, die dort herrschte, als Frankfurt den Tabellenführer Dortmund schlug. Das war ein Gemeinschaftsgefühl und eine Erfahrung, die man sonst an nur wenigen Orten und zu wenigen Anlässen überhaupt machen kann. Warum sollte ich ihn davon fernhalten? Und warum soll es „familienfreundlich“ sein, Männern Emotionen zu verbieten bzw. vorzuenthalten?

Wir brauchen weder eine in Geschlechterrollen gepresste noch eine geschlechtsneutrale Fußball-Kultur, die so keimfrei wie langweilig ist! Unsere Welt ist wirklich kein Ort, der an jeder Ecke und bei jeder Gelegenheit dazu einlädt, Emotionen zu zeigen. Männer und Frauen sollten sich nicht auch noch den Fußball wegnehmen lassen!

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