Die Mauer fällt, "Deep Space Nine" kommt

von Matthias Grimm23.11.2010Gesellschaft & Kultur

Was waren es doch für spannende Zeiten. Die utopische Weite des “Star Trek”-Universums hier, die materiellen Nöte dort. Dem Mauerfall folgte die legendäre “Deep Space Nine”. Und auch Hartz IV lässt sich besser ertragen, wenn man in Azeroth für Ehre und Freundschaft kämpft.

Wir waren Nerds. Das bedeutete vor allem: von einer besseren Welt träumen. Ozonloch, Waldsterben, Kalter Krieg. Ende der 80er schien die Welt ein Scherbenhaufen, den meine Generation wegzuräumen gedachte: Müll trennen, den Zug nehmen, freundlich zu Ausländern sein – gar nicht so schwer. Beim Abitur Mitte der 90er druckten wir für die Abschlussfeier das Motto “The Next Generation“ auf T-Shirts, um anzukündigen: “Jetzt kommen wir und machen alles besser!“ “Star Trek” war mehr als eine TV-Serie. Es war die Utopie, in der die bessere Welt bereits Wirklichkeit war. Hier zählten keine materiellen Sorgen. Alles Benötigte wurde vom kleinen Kasten in der Wand ausgespuckt. Armut, Hunger, Kriege: alle Probleme von der Technik mit einem Fingerschnippen gelöst. Gab es mal Konflikte, dann setzte man sich zusammen und redete. Statt Massenvernichtungswaffen auf japanische Städte zu werfen.

Golfkrieg in der Zeit von “Deep Space Nine”

Mit dem Mauerfall kam die heile Welt ein Stück näher. Doch statt Friede, Freude, Eierkuchen brachte sie neue Probleme: Golfkrieg, Arbeitslosigkeit, Fremdenhass. Die 90er-Jahre wurden düster und mit ihnen “Star Trek”. Es war die Zeit von “Deep Space Nine”. Was an Captain Picard faszinierte, war sein bedingungsloses Durchsetzen des Kant’schen Imperativs. An Commander Sisko schockierte sein beständiges Scheitern daran. Am radikalsten gezeigt in der Folge “In the Pale Moonlight“, in der Sisko einen feindlichen Spion anstiftet, Geheimdokumente zu fälschen, Massenvernichtungswaffen an Terroristen zu liefern und einen Mord zu begehen, um damit ein gesamtes Volk in einen aussichtslosen Krieg zu zwingen. “Deep Space Nine” war Spiegelbild einer kompliziert gewordenen Welt, an deren neue Ordnung die Ideale von gestern auf dem Altar des notwendig gewordenen Zweck-heiligt-Mittel-Pragmatismus geopfert wurden. Wir wandelten uns in den 90ern vom idealistischen Trekkie zum skeptischen “Akte X”-Fan, der in Verschwörungstheorien alles und jeden infrage stellte: Gegenspieler waren zwar immer noch kleine, grüne Aliens, die eigentlichen Bösewichte aber trugen keine Antennen auf dem Kopf, sondern Nadelstreifenanzüge und saßen in der eigenen Regierung.

Die Welt wurde komplizierter

Als die PCs am 1. Januar 2000 nicht kollektiv abstürzten und die Zeichen für einen Moment auf Durchatmen und Spaßgesellschaft standen, stürzten in New York zwei Türme ein. Die Welt wurde noch komplizierter: Um Probleme zu lösen, warf man keine Massenvernichtungswaffen mehr auf Städte, man behauptete nur, dass sie irgendwo existierten. Die Folge: Wir resignierten. Statt die Welt verbessern zu wollen, beschlossen wir, ihr zu entfliehen. Bezeichnenderweise beginnt das Nerd-Millennium mit einem Film, der die Welt als große Lüge entlarvt und ihr die Simulation als Alternative entgegenstellt: In einer Schlüsselszene von “Matrix” erklärt der Verräter Cypher am üppig gedeckten Tisch, er ziehe die Segnungen der Illusion der bitteren Realität vor. Wir folgten seinem Beispiel. In “World of Warcraft” fanden wir eine Ersatzexistenz zu Afghanistan, Hartz IV und Klimawandel. Statt für die heile Welt zu streiten, verstecken wir uns in anachronistischen Paralleluniversen wie Azeroth und Mittelerde, wo Werte wie Freundschaft und Ehre propagiert werden, der Böse hässlich, der Gute schön ist und man Probleme löst, indem man Massenvernichtungswaffen kurzerhand im Vulkankrater endlagert. Brauchen wir wirklich die schöne neue Welt, wenn es der schöne Schein auch tut? Das “Next Generation“-Shirt liegt irgendwo ganz hinten im Schrank. Vielleicht sollte ich es mal wieder hervorkramen.

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