Global statt territorial

Matthias Arndt5.01.2010Gesellschaft & Kultur, Wirtschaft

Das Klischee des unselbstständigen, chaotischen Künstlers ist überholt. Der Trend zur künstlerischen Selbstorganisation wird die Marktstrukturen nachhaltig verändern.

Wir haben, anders vielleicht, als es in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird, seit Jahren einen “artist-driven market”. Die Künstler entscheiden, mit wem sie arbeiten, sie bestimmen die Preise. Sie sind also eigentlich fast in jeder Hinsicht tonangebend. Für den Galeristen bedeutet das, dass er im Außenverhältnis einen Markt bauen und pflegen muss, im Innenverhältnis aber eher Bittsteller ist. Bevor er am Markt ein Werk anbieten und platzieren kann, muss sich der Galerist mitunter auch bei Künstlern, die er schon länger betreut, um ein neues Werk bewerben. Es ist also zum einen eine Machtverschiebung auf dem Kunstmarkt zu verzeichnen, zum anderen gibt es immer mehr Künstler, die sich selbst organisieren. Die älteste Form der künstlerischen Selbstorganisation sind die Produzentengalerien – in den meisten Fällen Zusammenschlüsse von Künstlern, die (noch) unbekannt sind, von keiner Galerie vertreten werden, aber doch das langfristige Ziel haben, sich auf dem Kunstmarkt zu etablieren. Dann gibt es die Künstler, die sich nicht aus der Not heraus selbst organisieren, sondern aus Geschäftssinn. Ich denke, dass gerade diese Form der künstlerischen Selbstverwaltung zunehmen wird – und ich habe gar nichts dagegen, obwohl ich Galerist bin.

Der globale Markt sorgt für Wettbewerb

Denn auch wenn das die herkömmliche Struktur des Kunstmarkts zunächst erschüttert, so wird es nicht nur für die Künstler, sondern auch für die Galerien Entlastung bringen. Durch die Globalisierung des Kunstmarkts ist die Idee der “territorialen Vertretung” im Grunde genommen überholt. Bis vor 10, 15 Jahren hatte ein Künstler maximal zwei bis drei Galerien weltweit. Diese Galerien haben die Künstler in ihren jeweiligen Regionen vertreten. Heute ist es bei Künstlern üblich, mindestens doppelt so viele Galerien zu haben. Die Galerien arbeiten immer noch territorial, doch weil der Markt global geworden ist, wird es immer schwieriger für sie, sich nicht gegenseitig ins Gehege zu kommen. Der Künstler wiederum gerät unter Produktionsdruck, wenn sieben oder acht Galerien regelmäßig neue Werke von ihm sehen wollen. Es besteht die Gefahr, dass er sein Potenzial verdünnt, wenn er an sieben Orten alle zwei Jahre eine Ausstellung auf die Beine stellen muss. Im Moment kommt noch ein nicht so starker Markt dazu, es ist also auch nicht gesagt, dass in all diesen vielen Ausstellungen immer so viel verkauft wird. Mein Vorschlag an einen jungen Künstler, der vielleicht bereits Aufmerksamkeit auf dem Markt erregt hat, wäre deshalb: Überleg doch zuerst, ob Du, nur weil Du in Paris ausstellen willst, auch eine Galerievertretung dort brauchst. Ein einmaliges Projekt hat vielleicht bei weniger Verpflichtung strategisch den größeren Erfolg? Wäre es nicht vielleicht schlauer, sich mit jemandem zusammenzusetzen, der Dich an den Ort Deiner Wahl vermitteln kann oder sogar eine Ausstellung auch auf anderem Wege zustande bringen kann?

Der strategische Berater

Da kommt ein neues Berufsbild ins Spiel, das es auf dem Kunstmarkt bisher kaum gibt: Nennen wir es strategischer Berater, von mir aus auch Agent. Dieses Berufsbild wird sich meiner Ansicht nach in den nächsten Jahren entwickeln. Es wird aber auch in Zukunft Künstler geben, die entsprechen dem oben erwähnten Klischee, die brauchen ihren Galeristen, mit dem sie täglich telefonieren können, der sie an ihre Steuererklärung erinnert usw. Das heißt, die klassische Galerie wird sicherlich nicht so bald aussterben. Aber sie wird um neue Organisationsformen ergänzt werden.

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