Auf die Größe kommt es an

von Mathew Ingram30.07.2013Gesellschaft & Kultur, Wirtschaft

Unternehmen sind vor allem scharf auf Small Data – unsere Alltagsspuren im Netz. Und wir lassen uns das einfach so gefallen.

Big Data beschreibt die gigantischen Informationsmengen, die von Unternehmen wie Google gesammelt werden. Damit diese Operation reibungslos abläuft, arbeiten fußballfeldgroße Server-Farmen rund um den Globus und rund um die Uhr. Zahllose Ingenieure verdienen ihr Geld damit, Ordnung in die Datenflut zu bringen.

Der Begriff Big Data verbirgt allerdings genauso viel, wie er enthüllt. Die Datenflut erscheint so massiv, dass sie die Vorstellungskraft des Einzelnen schon lange übersteigt. Es ist verlockend, zu glauben, dass Daten nur ein Thema für Mathematiker, Regierungen und Großkonzerne sind.

Lassen Sie uns also den Begriff überdenken, um die Bedeutung von Daten für unser Leben und für die Wirtschaft besser zu verstehen. Lassen Sie uns statt von Big Data lieber von Small Data sprechen. Ich meine damit die Spuren unseres digitalen Lebens, die wir beinahe im Minutentakt erzeugen: Cookies, die sich beim täglichen Spaziergang durch das Netz in unserem Browser ansammeln. Die Likes und Kommentare, die wir bei Facebook hinterlassen. Die Tweets, die wir weiterverbreiten. Die Liste ist lang.

Forscher sprechen von „Daten-Abgasen“ und meinen damit die beinahe unsichtbaren Fetzen digitalen Treibguts, die wir zwangsläufig im Netz hinterlassen. Im Vergleich dazu ist der Umgang mit Big Data einfach, denn immerhin ist uns deren Größe und Tragweite bewusst. Small Data erscheint oftmals als unwichtig. Wer regt sich schon auf über Browser-Cookies, über Facebook-Likes oder über Instagram-Favoriten?

Diese Spuren im Netz erscheinen uns als flüchtig. Ähnlich wie der Rauch eines Lagerfeuers, der sich bei einem leichten Windhauch in Sekunden verflüchtigt. Die meisten Nutzer machen sich keine Sorgen um das, was sie hinterlassen, oder um den wirtschaftlichen Nutzen, den Unternehmen daraus ziehen können.

Nur manchmal geraten einzelne dieser Spuren ins Licht der Öffentlichkeit. Google wurde dafür kritisiert, dass bei Aufnahmen für Google Streetview auch persönliche Daten erfasst wurden. Facebook wurde verklagt, als die Firma Nutzerprofile für Werbezwecke vermarkten wollte, ohne vorher eine Erlaubnis einzuholen. Doch solche Skandale sind Ausnahmen. In den meisten Fällen bleiben unsere Spuren im Netz unterhalb der Aufmerksamkeitsschwelle.

Dabei ist Small Data die wichtigste Ressource für Firmen wie Facebook. Unsere Spuren sind der Grund, dass Facebook kostenlos ist: Wir bezahlen für den Zugang zum sozialen Netzwerk mit unseren Daten.

Unsere kleinen Datenpakete sind in der Summe wertvoller als Big Data. Der Grund ist, dass sich persönliche Daten teuer an Werbekunden verkaufen lassen und damit ein zentraler Bestandteil des Geschäftsmodells einiger Firmen sind. Das Ziel ist es, ein möglichst genaues Nutzerprofil zu erstellen. Erfasst werden unsere Interessen, unser Verhalten, unsere Vorlieben und Abneigungen. Jedes Stück Treibgut bleibt in den Netzen der Datensammler hängen und wird zum Teil des personalisierten Mosaiks.

Einer der dramatischsten Beweise dafür stammt von der amerikanischen Warenhauskette Target. Durch eine genaue Analyse der Einkaufs-Chronik eines Mädchens – und durch den Vergleich mit den Chroniken anderer Teenager – konnte die Firma schlussfolgern, dass das Mädchen schwanger war. Noch bevor sie ihre eigenen Eltern informiert hatte. Und das ist lediglich die Spitze des Eisbergs. Lässt sich über unser Verhalten im Netz beispielsweise auf mögliche Krankheiten oder auf die sexuelle Orientierung schließen?

Regierungen haben die Bedeutung der Ressource Small Data erkannt und begonnen, Firmen zu mehr Transparenz zu verpflichten. In einigen Ländern Europas muss Facebook auf Nachfrage Auskunft über archivierte Privatdaten geben. In den USA sollen Internet-Firmen verpflichtet werden, eine Opt-Out-Option anzubieten. Nutzer könnten dann die Weiterverwertung ihrer Daten verweigern oder das automatische Speichern von Cookies verhindern.

Tatsächlich aber wissen zu viele Nutzer noch zu wenig über die Bedeutung ihrer Daten. Für viele Menschen sind ihre digitalen Spuren genauso bedeutungslos wie Fußabdrücke, die sie als Touristen am Strand hinterlassen. Die wirtschaftliche Bedeutung von Daten ist real, die Konsequenzen erscheinen uns aber oftmals diffus. Solange sich das nicht ändert, werden Firmen einen Nutzen daraus ziehen.

Daten sind der Rohstoff der Zukunft – aus dem einfachen Grund, dass ihr wirtschaftlicher Wert weiter steigt. Offen ist, ob wir die Nutzung dieses Rohstoffs weiter in der derzeitigen Form tolerieren sollten.

_Übersetzung aus dem Englischen_

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