Jetzt schlägt's Guido

von Martina Fietz16.10.2009Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Wirtschaft

FDP-Chef Guido Westerwelle hat sich gewandelt: vom politischen Provokateur der Kohl-Ära über den Spaß-Politiker der Jahrtausendwende zum seriösen Mehrheitsbeschaffer für das bürgerliche Lager. Mit dem Vorurteil, der FDP ginge es allein um die Macht, räumte er auf. Jetzt richten sich an Guido Westerwelle und seine Mannschaft große Erwartungen.

Wenn Guido Westerwelle demnächst als Außenminister der Bundesrepublik Deutschland vereidigt wird, dann hat er noch einen weiten Weg vor sich. Der 47-Jährige muss den Wandel vollziehen vom Partei- zum Fachpolitiker. Erstmals in seiner Laufbahn wird er ein Amt in der Exekutive übernehmen und inhaltlich überzeugen müssen. Wenn der promovierte Jurist ins Auswärtige Amt einzieht, hat er allerdings bereits einen langen Weg hinter sich. Er durchlief eine Entwicklung vom politischen Provokateur der Kohl-Ära über den Spaß-Politiker der Jahrtausendwende, der vor keiner Lächerlichkeit zurückschreckte, bis hin zum seriösen Mehrheitsbeschaffer für das bürgerliche Lager. Wenn er also die Rolle des deutschen Chefdiplomaten übernimmt, hat er endlich erreicht, was er immer anstrebte: Er wird ernst genommen. Dem ging ein langer Kampf voraus. Nicht nur, dass Westerwelle als Jugendlicher darunter litt, als Gymnasiast zweiter Klasse zu gelten, weil er zunächst auf der Realschule gewesen war. Nicht nur, dass er – einmal im politischen Geschäft – jahrelang mit der Unsicherheit lebte, wie sich ein Bekanntwerden seiner Homosexualität auf die Karriere auswirken würde. Lange stand er in Konkurrenz zu Jürgen Möllemann, diesem Enfant terrible der liberalen Partei, der Fehler machte und stürzte, sich aber immer wieder berappelte und mit Westerwelle um die Führungsrolle kämpfte, bis er sich mit zweifelhaften antijüdischen Kampagnen und undurchsichtigen Parteienfinanzierungspraktiken endgültig diskreditierte. Was Möllemann besaß, das Bauchgefühl für die Politik, fehlt Westerwelle. Er steuert seine Arbeit über den Kopf – weshalb er Angela Merkel sehr ähnlich ist. Und so trauten viele in den eigenen Reihen dem Ziehsohn Hans-Dietrich Genschers nicht zu, die FDP nach dem Machtverlust von 1998 wieder in die Regierung zu führen. Das sind seine Versprechen wert Mittlerweile hat er es allen Kritikern bewiesen. Er widerstand 2005 der Schröder’schen Verlockung, in eine Ampelkoalition einzusteigen, und stärkte 2008 auch seine hessischen Parteikollegen in dieser Position. Mit dem Vorurteil, der FDP ginge es allein um die Macht, räumte er auf und erreichte so auch eine Stabilisierung der in den 90er-Jahren in Deutschland zunehmend an Attraktivität verlierenden liberalen Idee über die Länder. Mit seinem konsequenten Steuerentlastungskurs, in jüngster Vergangenheit ein wenig angereichert durch das liberale Traditionsthema der Bürgerrechte, konnte der Parteichef seine FDP an einer Stelle auf- und ausbauen, an der die CDU in der Großen Koalition Raum frei machen musste. Jetzt richten sich an Guido Westerwelle und seine Mannschaft große Erwartungen. Auf ihn konzentrieren sich die Hoffnungen all derer, die den überbordenden Alimentationsstaat leid sind und mehr Eigenverantwortung wünschen, die sich als unerträglich geschröpfte Leistungsträger dieser Gesellschaft begreifen. Jetzt, da er sich Anerkennung erkämpft hat, beginnt sein härtester Kampf: der Erhalt derselben. In diesen Tagen, in denen bei der Formulierung des Koalitionsvertrages der schwere Weg vom Wahlversprechen zu seiner Umsetzung deutlich wird, dürfte Westerwelle schwanen, dass das härteste Stück Arbeit nicht auf dem diplomatischen Parkett auf ihn wartet.

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