Pfingsten, nicht Babel - Ein europäisches Brausen ist vonnöten

von Martin Valdés-Stauber22.05.2018Europa

In einem Jahr wird das Europaparlament neu gewählt. Zerfressen von Kleinmut und nationalistischem Populismus wird Europa auf eine harte Probe gestellt. Das Pfingstfest könnte Weckruf sein: Jetzt gilt es gewaltig Wind zu machen, um den europäischen Geist zu befeuern. Ein Aufruf, für unser vielfältiges und vielsprachiges Europa einzustehen.

Laufend ist von Einkapselungen die Rede. Meinungsgruppen vernehmen lediglich gefilterte Informationen oder gar nur ihr eigenes Echo, während sie abweichende Perspektiven ausgrenzen. Das biblische Chiffre für diese unverständliche Vielsprachigkeit ist die Geschichte vom Turmbau zu Babel. Verständlicherweise wird die plötzliche Verwirrung, die Gott stiftet, indem er die einsprachige, traute Menge zerstreut, nicht gefeiert. Jedoch begehen Christen dieser Tage das Hochfest Pfingsten – und wir alle genießen einen Feiertag. Jenseits liturgischer Traditionen hält Pfingsten eine bedeutsame, demokratische Botschaft bereit: Verlasst eure Komfortzone und sucht in der Sprache des Anderen das Gespräch! Verschließt euch nicht in Echokammern.

In der Apostelgeschichte wird berichtet, wie sich alle Jünger nach Tod, Auferstehung und Himmelfahrt Jesu an einem Ort einsperren. Diese Frauen und Männer sind sich einig, sie sind überzeugt – und verharren doch angstvoll in der Enge des geschlossenen Raumes. Da kommt ein gewaltiges Brausen und die Furchtsamen gehen gemeinsam auf die Straße, um für ihre Überzeugungen einzustehen. Sie werben für ihre Botschaft in vielen, ihnen fremden Zungen. Sie sprechen also die Sprache anderer und nicht im eignen Jargon. Es mag veraltet wirken auf biblische Narrationen oder biblische Bilderwelten zurückzugreifen und doch könnte die pfingstliche Botschaft nicht wichtiger sein: Sperrt euch nicht ein, sondern geht auf andere zu! Wollen wir in das Lied der Gruppe einstimmen oder andere überzeugen? Ein großes Brausen ist vonnöten, um das, woran wir glauben, zu verteidigen. So etwa ein vielsprachiges und vielstimmiges Europa in solidarischer Gemeinschaft.

Im vergangenen Jahrzehnt haben wir gerade in Deutschland eine technokratische und zaghafte Europapolitik erlebt. Die Bundesrepublik hat sich allenfalls damit hervorgetan, mit ihrer Sparpolitik die europäische Machtlandschaft zu verzerren. Viel zu oft scheint unter dem Deckmantel der Stabilität das Projekt eines deutschen Europas durch. Jedenfalls mag Kanzlerin Merkel durch ihre vorsichtige Politik gelegentliche Fehltritte vermeiden – mehr gelang ihr damit aber nicht. Vielmehr zerstreut das Gerede von alternativlosen Zwängen das Wesen der Politik: Gemeinsam, im demokratischen Ringen um mehrheitsfähige Lösungen, Zukunft zu gestalten. Damit untergräbt die Kanzlerin im Übrigen das Vertrauen in die Handlungsfähigkeit des Staates, denn Zukunft ist nicht alternativlos, sondern wird politisch gestaltet. Eben dies muss auch für die Europapolitik gelten: Was für ein Europa möchten wir und wie gestalten wir unser Vorhaben?

Es gibt Gegenpole zum technokratischen Kleinmut. Leider sind viele dieser Alternativen nationalistische und europakritische Kräfte, die mancherorts gar in die Regierungsverantwortung treten wie nun in Italien. Populisten schüren Angst und möchten, dass ein jeder sich in seinem Haus einsperrt. Den vielsprachigen Austausch, wie ihn die Pfingstgeschichte erzählt, möchten sie unterbinden. In Deutschland hat man gar das Wort Alternative jenen überlassen, die ambitionslose Politik durch regressive Politik ersetzen möchten. Umso lauter müssten weitere Alternativen aufgezeigt werden. Pfingsten kann da eine Erinnerung sein, heraus zu treten und für Europa einzutreten. Zu zeigen, dass die wahre Alternative zur bisherigen Europapolitik darin liegt, nicht trippelnd auf Sicht zu fahren, sondern handlungsfähige, demokratische, europäische Institutionen aufzubauen, welche die Interessen der Bürger schützen und Solidarität ermöglichen. Gerade bei der Regulierung (von Finanzmärkten, Großunternehmen etc.) oder beim Verbraucherschutz muss der Rechtsraum der Europäischen Union für ihre Bürger in einer globalisierten Welt Sicherheit schaffen. Die Europäische Union muss nicht nur innere Widersprüche auflösen, sondern auch zu einer neuen Einheit finden. Nur so kann Europa seine Werte von Freiheit, Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und Frieden in einer multipolaren Welt lautstark verteidigen und dafür einstehen.

Die Wahl im Mai 2019 wird nicht nur eine Wahl um die Sitze im Europäische Parlament sein, sondern auch eine Wahl um Europa. Nein, sie sollte zu einer Wahl für Europa werden! Auch in der nahen Vergangenheit wurde der europäische Furor so manches Spitzenkandidaten von berechnenden Wahlstrategen unterbunden. Europa darf kein Feigenblatt sein, um sich weltoffen zu geben. Das Projekt Europa benötigt lautstarke, umtriebige Projektemacher, die einen narrativen Raum schaffen, um die Werte und Vorteile der europäischen Einigung kund zu tun. Pulse of Europe und andere soziale Bewegungen sind Ausgangspunkte, um die Diskurshochheit zu erringen und sie nicht kleinmütig den Ewiggestrigen zu überlassen. Es gilt, die eigene Meinungsgruppe zu verlassen und das unwahrscheinliche Gespräch zu suchen. Viel zu oft vergisst die Linke, vergessen progressive Kräfte, dass es nicht darum geht richtig zu liegen, sondern andere zu überzeugen. Bis zur Europawahl bleibt uns hierfür ein Jahr

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