„Hinterlassen Sie hier Ihren Kommentar“

von Martin Speer12.06.2015Gesellschaft & Kultur

Unter Zeitungsbeiträgen wird fleißig diskutiert – konstruktiv, aber auch destruktiv. Respektvoll, aber auch beleidigend. Was Onlinekommentare über die Gesellschaft aussagen.

„Beitrag gelöscht. Bitte verzichten Sie auf polemisierende Unterstellungen. Die Redaktion.“ So oder so ähnlich leuchtete es uns mehr als einmal entgegen, als wir uns Leserkommentare unter Artikel durchsahen, die sich mit unserer letztwöchigen „Es Ist Zeit“-Kampagne beschäftigten. Auf welcher Nachrichtenseite man sich auch umschaut: Es zeigte sich ein ähnlicher Trend. Kommentarfunktionen unter Artikeln werden regelmäßig und wiederholt dazu verwendet, nicht etwa konstruktive Beiträge oder tiefgründige Kritik zu äußern, sondern um vorschnell und wiederholt stereotypisierend zu beleidigen, abzulehnen und zurückzuweisen. Die Kommentarfunktion ist der Meinungsspielplatz, an dem (fast) alles erlaubt zu sein scheint.

Rempeleien, Zynismen, Pöbeleien, Beleidigungen, Unterstellungen und dergleichen finden sich bei Weitem nicht nur unter Artikeln, die sich mit dem emotional diskutierten Thema der Eheöffnung beschäftigen. Fast jeder Artikel zieht eine Spur der Angriffe und Besserwissereien nach sich. Auf der einen Seite kann dies als unterhaltsam und beinahe sportlich aufgenommen werden, andererseits steckt auch Ernsthaftigkeit dahinter. Die Anonymität der Online-Kommentare erlaubt einen Einblick in das Denken der Menschen. Und das bleibt nicht ohne Wirkung. Studien zeigen, dass Online-Kommentare direkten Einfluss auf die öffentliche Wahrnehmung eines Themas und den Debattenverlauf nehmen.

Im Rausch der Emotion

Der Online-Kommentar bringt eine Seite des Menschen hervor, die sonst unter dem Mantel der „political correctness“ verborgen bleibt. Hier zeigen sich schnell Abgründe herablassender Rhetorik, die regelmäßig sexistische oder rassistische Grenzen überschreitet. Ist ein Artikel beispielsweise von einer Frau geschrieben, so vermischen sich schnell typisch misogyne Muster mit der eigentlichen sachorientierten Kritik. Die Autorin wird belehrt und vermeintlich wohlwollend auf ihre geradezu offensichtlichen Wissenslücken oder Fehlanalysen hingewiesen. Ist der oder die Autorin jung oder macht es nur den Anschein z.B. aufgrund eines Profilbildes, so ergeben sich auch Muster: Erfahrung wird abgesprochen, die Argumente aufgrund der angeblichen Naivität als idealistisch, geschichtsvergessen oder rundherum träumerisch abgetan. Die Liste ließe sich hier fortsetzen.

Wer steckt denn nun hinter all den Äußerungen? Spannend ist, dass manche der Kommentare auf einen hohen Schulabschluss und zumindest teilweise auf Fachkenntnis und Expertise schließen lassen. Dies ist ein Indiz, dass die Beleidigungen durchaus nicht mit spontanen Pöbeleien in der U-Bahn oder im Straßenverkehr gleichzusetzen sind. Vielmehr scheinen die meisten der Beitragverfasser einer bildungsbürgerlichen Schicht zu entstammen und sich ihre Worte wohl überlegt haben. Das wird also etwas zu tun haben mit aufgestauter Wut.

Es geht also um Rechthaben und Belehren: Schnell verzettelt sich eine kleine Gruppe von Kommentatoren in ideologisch geprägten Wettkämpfen, in denen ein Kompromiss oder ein Anerkennen einer anderen Perspektive eine Unmöglichkeit darstellt. Die Diskussionen entgleisen. Sie nehmen grabenkampfähnliche Verläufe ein. Diskussionen um der Diskussion willen, ohne wirklichen Fortschritt oder Erkenntnisgewinn. Dies ist außerhalb der Anonymität des Internets nur schwer vorstellbar. Kaum eine Diskussion würde in dieser Form am Abendbrottisch oder in einer TV-Diskussionsrunde laufen.

Wir stellen uns fast vor, wie die Herren (wir gehen davon aus, dass ein Großteil der Kommentatoren in der Tat männlich sind), die online einen regelrechten Kreuzzug gegen jegliche anderen Perspektiven und Ideen führen, im Privatleben unscheinbar, ja liebevoll mit der Umwelt umgehen. Wer weiß, vielleicht kennen wir alle sogar unsere größten und tief polemisierenden Kritiker im echten Leben, werden dies aber nie erfahren.

Ein Paradoxon der freien Meinungsäußerung

Viel tiefer als die Autopsie der Kommentare bringen einen Überlegungen zu ihrem Hintergrund. Zeigt sich hier doch exemplarisch ein grundlegendes Paradoxon der freien Meinungsäußerung. Zum einen wird das Recht auf die freie Äußerung der Meinung als Pfeiler jeder freien und demokratischen Gesellschaft gesehen. Eine großartige kulturelle Errungenschaft. Zeitgleich stellen wir uns aber auch die Frage, ist die freie Meinungsäußerung, vor allem, wenn sie systematisch ins Beleidigende oder Erniedrigende abdriftet, wirklich das höchste Gut einer offenen Gesellschaft? Zu oft, so scheint es uns, verwechseln wir Ehrlichkeit und Offenheit mit Respektlosigkeit und Intoleranz. Bei tausendfachen Beleidigungen, besonders im Windschatten der Online-Anonymität, zeigen sich die Defizite im Umgang der Menschen untereinander und die inneren Widersprüche unseres Verhaltes. Im Shitstorm – sozusagen der Cousin der anonymen Onlinekommentare – wird die zivilisatorische Errungenschaft des Kommentars zur Kampfzone für atavistisches Hau-drauf-Verhalten.

Aber zeichnet nicht genau das die freie Meinungsäußerung aus? Dass sie keine Regeln und Verhaltensweisen kennt, sondern eben nur die Freiheit an sich? Diese Fragestellungen haben wir auch schon im Nachgang zu der Diskussion um Mohammed-Karikaturen in Dänemark oder den USA beobachten können. Das Recht auf Beleidigung und Zurückweisung ist Teil der freien Meinungsäußerung. Dennoch darf die Frage aufgeworfen werden, ob man diese Freiheit nicht immer auch mit anderen grundlegenden demokratischen Werten zusammendenken sollte, denen der Achtung und Würde des anderen. Hat die Freiheit also Grenzen? Wir finden innerhalb eines rechtsstaatlichen, demokratisch legitimierten Rahmens, ja. Nämlich dann, wenn sie der Meinung des anderen keinerlei Raum oder Entwicklungsmöglichkeit mehr gibt.

Vom Wert der Meinung des anderen

Die Meinungsfreiheit wird zum Totalitarismus, wenn sie die Gegenmeinung im Keim erstickt. Wenn im Lärm der Pöbelei und Beleidigung das sachlich vorgetragene Gegenargument bis zur Nicht-Wahrnehmbarkeit übertönt wird, wird Freiheit zur Unfreiheit. Am Beispiel der Debatte um „Ehe für alle“ kann man dies erneut sehen: Die Einstellungen und Ängste der Kritiker und Gegner einer Gleichstellung in Fragen der Ehe werden nicht ernst genommen und mit Spott überzogen. So ist es uns auch als Verfasser des offenen Briefes zur Gleichstellung der Ehe wichtig, auch oder gerade die Eheskeptiker in Schutz zu nehmen. Nur wenn wir auch ihren Sorgen und Fragen Raum geben und versuchen, sie mit ernst gemeinten Argumenten zu beantworten, beweisen wir das, wofür wir eintreten: Respekt und Anerkennung. Nur so können wir garantieren, dass der aufklärerische Wert der freien Meinungsäußerung sich nicht selbst verrät.

Im 18. Jahrhundert formulierte Christian Garve dazu passenderweise in „Über Gesellschaft und Einsamkeit“ folgende Gedanken: „Nichts beleidigt mehr als Verachtung; und es ist immer eine Art derselben, wenn wir das, was andre der Mühe wert geachtet haben, uns vorgetragen haben, uns vorzutragen, nicht eines aufmerksamen Anhörens wert halten.“

Was denken Sie dazu?

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Dann mach doch die Bluse zu!

Frauen bestehen auf ihrem Recht, sexy zu sein – ganz für sich selbst, natürlich. Darauf reagieren darf Mann nämlich nicht, sonst folgt gleich der nächste #Aufschrei.

Diktatur des Feminismus

Die Frage nach einer Frauenquote ist eine Phantom-Debatte. Junge Frauen wollen ihre Karriere planen und nicht mit den alten Feministinnen mühsam über etwas diskutieren, das für sie keine Relevanz hat.

Rette sich, wer kann

Peter Singer glaubt, im Namen der Ethik die Grenzen des Menschseins neu definieren zu können. Er irrt gewaltig. Wer Grundrechte für Affen fordert und gleichzeitig die Tötung von Neugeborenen verteidigt, ist vor allem eins: verwirrt.

Männer, die auf Busen starren

Wer Sexismus noch nie erlebt hat, kann ihn auch nicht verstehen. Weiße Hetero-Kerle haben leicht reden.

Der Jude war’s

In Berlin wird ein Rabbiner brutal verprügelt, weil er Jude ist. Indes werfen Experten schon die Frage nach dem Warum? auf, die zielsicher zum Juden anstatt zum Antisemiten führt.

Amerika und die deutsche Seelenhygiene

Deutschland kämpft gerne für Toleranz und gegen Hass. Es sei denn, es geht um Amerika. Da macht jeder zweite Deutsche eine Ausnahme und suhlt sich in Amiphobie.

Mobile Sliding Menu