Ich suche nicht nach Krisen, aber ich habe auch keine Angst vor Krisen. Frank-Walter Steinmeier

Krieg nach Drehschluss

Der Ukrainekonflikt steht nicht mehr im Fokus der Öffentlichkeit. Doch der Konflikt kocht nach wie vor und destabilisiert mehr als nur den Osten der Ukraine. Das sollten wir nicht vergessen.

Jeder neue Konflikt generiert ein riesiges Medienecho. Twitter-Hashtags sprießen im Sekundentakt aus dem Boden, Nachrichtenkanäle senden eine – oftmals inhaltslose – Sondersendung nach der nächsten und die Titelseiten der Zeitungen drucken zum verwechseln ähnliche Headlines. Für einige Zeit spricht die ganze Welt von nichts anderem. Wieder und wieder konnten und können wir dies beobachten: Der Arabische Frühling 2011, das Eskalieren des Syrienbürgerkrieges 2012, die Maidanproteste in der Ukraine 2013 oder der Vormarsch des IS 2014 – jedes Mal gibt es tage- oft wochenlang wenig andere Themen. Doch so schnell wie ein Thema gekommen ist, verschwindet es medial auch wieder. Ist der Aufmerksamkeitszenit erst mal überschritten, sinkt der Wert der Nachricht fast schon inflationär. Die mediale Sensationsmaschine zieht pausenlos weiter. Und das, obwohl sich in den meisten Fällen die Lage an den Krisenherden womöglich sogar verschlechtert hat.

Nach wie vor tobt der Bürgerkrieg in Syrien, Libyen destabilisiert sich jeden Tag mehr, der IS kontrolliert nach wie vor Zehntausende Hektar Gebiet im Nahen Osten und auch in der Ukraine geht der Krieg unvermindert weiter. Alles in allem ergibt sich für uns folgende Formel: Ein Konflikt von globalem Interesse generiert die Hauptschlagzeilen für zwei Wochen bis hin zu zwei Monaten. Für weitere 10-14 Monate beherrscht der Konflikt die untergeordneten Schlagzeilen. Etwas über ein Jahr später ist das öffentliche Interesse fast vollkommen erloschen: Von der ursprünglichen Solidarität, den millionenfachen Unterstützungsbekundungen und hitzigen Debatten on- wie offline fehlt jede Spur. Aus den Augen, aus dem Sinn.

Das Gefühl der Einheit bröckelt

Wir finden dies zutiefst ungerecht, gerade auch, da das menschliche Leiden unvermittelt weitergeht. Das Ignorieren dieses Leids offenbart nicht nur unser pseudosolidarisches Verhältnis zu Menschen in Krisenregionen, sondern schmerzt auch die Menschen vor Ort.

Dies gilt ganz besonders für die Ukraine, die uns seit unserer ersten Forschungsreise in das Land im Frühjahr 2014 (sechs Wochen nach der Maidanrevolution) besonders am Herzen liegt. Auch diesen März zog es uns wieder in dieses großartige Land. Jenseits von Nachrichtensendungen begegneten uns hier wieder Menschen mit ihren Geschichten. Da waren Mütter, deren Söhne in Freiwilligenbataillonen kämpften, junge Frauen und Männer, die täglichen stundenlang Kleiderspenden auf den Marktplätzen sammelten, oder Familien, die mir ihrem Hab und Gut aus dem Osten des Landes in den Westen flüchteten. Auf unserer Reise suchten wir das Gespräch. Wir trafen uns mit Aktivistinnen, Journalisten, Künstlerinnen, Studenten und Lehrerinnen im Osten, Westen und Zentrum des Landes. Einige von ihnen wuchsen uns ans Herz wie gute Freunde und noch immer stehen wir im Kontakt mit ihnen. Heute, Monate später, wo der Konflikt aus den Augen der breiten Öffentlichkeit in Mitteleuropa verschwunden ist, fragen wir uns, wie geht es unseren Freunden, wie geht es diesem Land – und wie soll es weitergehen?

Auch heute ist der Krieg im Donbass im ganzen Land spürbar. Fast 7.000 Tote sind nach offiziellen Angaben zu beklagen, die Dunkelziffer liegt wahrscheinlich um ein Vielfaches höher. Das lässt sich nicht einfach ausblenden. Die Wirtschaft der gesamten Ukraine liegt aufgrund der unsicheren Lage am Boden und mit jedem Tag, den der Konflikt andauert, fällt es dem Land schwerer, die Lage sozial, wie politisch und ökonomisch zu stabilisieren. Die Ostukraine ist eine offene Wunde, die das ganze Land lähmt. Eine junge Lehrerin aus Kharkow, unweit der russischen Grenze, ca. 100 Kilometer entfernt vom umkämpften Donezk, schrieb uns dieser Tage, dass Lebensmittel, aber auch Güter des täglichen Bedarfs stetig teurer werden. Sie hat die Hoffnung fast aufgegeben, dass der Konflikt bald ein Ende haben wird. Aber sie erzählt auch von einem Funken Hoffnung. Wie sich schon während der Revolution zeigte, hat sich eine schlagkräftige und sehr gut vernetzte Zivilgesellschaft in der Ukraine gebildet. Sie ersetzte an vielen Stellen die staatliche Handlungsunfähigkeit, ob bei der Versorgung der Truppen oder auch der Organisation der Flüchtlingsströme. Es gebe immer mehr kulturelle Veranstaltungen, welche die Menschen zusammenschweiße und ein Zusammengehörigkeitsgefühl in diesen unsicheren Tagen schaffe. Doch auch dieses Gefühl der Einheit bröckelt.

Die inneren Spannungen wachsen

Wie wir von unseren Freunden aus allen Landesteilen hören, nehmen die innerukrainischen Spannungen zu. Rechte und linke Kräfte buhlen um Einfluss und Hoheit – sie nutzen die instabile Lage. Besonders das Erstarken des „rechten Sektors“ bereitet Sorgen. Dieser sei ein Sammelbecken für viele Menschen, welche klare Orientierung suchten und den Sinn der Revolution im Revolutionieren selbst sähen, berichtete uns eine Bekannte aus Kiew. Für viele gebe es nach den aufregenden Wochen des Umschwungs nur schwer eine Rückkehr in das Zivilleben; viele schaffen es nicht und suchen nach Möglichkeiten, ihre revolutionären Erfahrungen fortzusetzen. Unsere Bekannte erzählte uns auch von eigenen Milizen, die sich die rechten Parteien aufbauen und die nun nur noch schwer unter Kontrolle zu bringen seien. Das deckt sich mit Berichten des „Tagesspiegels“ aus Transkarpatien, der Grenzregion zu Ungarn und Rumänien. Hier tragen der „rechte Sektor“ und die Regierungskräfte einen Machtkampf um die lukrativen Schmuggelrouten aus.

Parallel scheint es aber auch Fortschritte in puncto innerer Sicherheit zu geben. Die Reform des Polizeiwesens schreitet voran, hören wir aus Quellen, Polizeikräfte in der Hauptstadt und den umliegenden Regionen sorgen für ein wachsendes Gefühl der Sicherheit. Eine Künstlerin aus Lwiw berichtet uns gar von „Ruhe und Sicherheit“ kurz vor den bald stattfindenden Kommunalwahlen. Diese Entwicklungen stimmen ein wenig positiv.

Was bleibt, ist Resignation

Die Hoffnung, dass es ein schnelles Ende des Konfliktes im Osten geben könnte und sich damit die ganze Lage entspannt, hat jedoch keiner unserer ukrainischen Gesprächspartner. Man richtet sich in der Situation ein, versucht das Beste daraus zu machen und eben „zu überleben“, hören wir oft. Dabei hat uns überrascht, dass wir nur noch wenig von der Enttäuschung über ausbleibende Hilfe aus dem Westen hören. Vor wenigen Monaten waren leere Versprechungen der EU das große Thema. Nun sei man einfach „resigniert“ über die Tatenlosigkeit Europas, sagt man uns. Die Freundin aus Lwiw fasste die Lage gut zusammen: „Mehr und mehr Menschen kommen mit Glasaugen aus dem Krieg nach Hause. Ich habe das Gefühl, dass sich die Menschen einfach daran gewöhnen und sich anpassen. Es ist klar, dass irgendjemand eine Menge Geld an diesem Krieg verdient. Ob wir immer noch positiv sind? Ich denke nicht, dass Hoffnung das richtige Wort ist. Wir beißen die Zähne zusammen und überstehen Tag für Tag.“

Es ist unmöglich, jede Konfliktsituation ausreichend genau zu verfolgen, geschweige denn, sich für alle Menschen vor Ort einzusetzen. Das ist auch gar nicht nötig. Dennoch haben wir, die wir in Frieden und Sicherheit leben, eine Verantwortung, die über das Interesse eines sporadischen Medienhypes hinausgeht. In der Ukraine lernten wir auf beeindruckende und berührende Weise, was der erste Schritt sein muss: ehrliches Interesse, die Menschen hinter den Nachrichten zu verstehen. Unsere jungen Freunde in der Ukraine freuten sich über nichts mehr als einfach die Möglichkeit, ihre Perspektiven zu teilen: damals im Gespräch oder heute in diesem Artikel. Das Gleiche gilt wohl auch für andere Konflikte.

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Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Martin Speer: Jauchs #Herrenrunde

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