Ohne ständige Aufklärung werden wir früher oder später aufgefressen. Ken’ichi Mishima

#EsIstZeit

Bei der Ehe für alle geht es nicht nur um eine insgesamt verhältnismäßig einfache Gesetzesänderung, sondern darum, wie wir als Land generell zu Fällen von Diskriminierung stehen.

Die Frage um die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare bewegt Deutschland. Und das ist auch gut so, denn die Thematik geht uns alle etwas an. Besonders seit dem Irlandreferendum Mitte Mai. Kurz nach Bekanntwerden des positiven Votums der irischen Bevölkerung glühten auch hierzulande die sozialen und medialen Kanäle. Kein Wunder, berührt die Eheöffnung doch den Kern gesellschaftlichen Selbstverständnisses. Es geht um die kleinste, zugleich aber stärkste und wirkungsvollste soziale Einheit eines jeden Gemeinwesens, die Partnerschaft zweier Menschen.

Zu beobachten war aber auch, dass eine Reihe von Bürgerinitiativen zur Gleichstellung neuen Aufwind verspürten, und sich mit selten gefühlter Intensität dem Thema widmeten. All dies zeigt, dass die Öffnung der Ehe auch in Deutschland schon lange nicht mehr bloß die Forderung einer Minderheit ist, sondern die sogenannte Mitte der Gesellschaft erreicht hat.

Die tiefere Bedeutung der Diskussion

Das starke Interesse vieler gesellschaftlicher Akteure an der Einführung der gleichgeschlechtlichen Ehe deutet auf tiefere Strömungen hin. Für uns zeigt sich hier die Stärke unserer Zivilgesellschaft, die bereit ist, sich für Themen zu engagieren, die zwar einen Großteil der Bevölkerung nicht direkt betreffen, aber doch als fundamental betrachtet werden. Die Gesellschaft ist bereit, grundlegende Fragen der Gerechtigkeit, Freiheit und Gleichheit im großen Rahmen zu diskutieren und Einsatz für eine Erweiterung von Rechten zu zeigen. Das ist überaus positiv.

Bei näherer Betrachtung lässt sich auch feststellen, dass es bei der gleichgeschlechtlichen Ehe schon lange nicht mehr nur um eine insgesamt verhältnismäßig einfache Gesetzesänderung geht, sondern darum, wie wir als Land generell zu Fällen von Diskriminierung stehen, ob wir diese ignorieren, oder wirklich etwas dagegen tun. Ganz getreu nach dem Motto „Oppression of one is oppression of all“ sind wir überzeugt, dass diese Fragen tatsächlich mehr als nur einen rechtlichen oder juristischen Wert haben, sondern symbolisch für die Integrität eines Kulturraumes oder einer Gesellschaft stehen.

Eine ganz persönliche Notiz

Das zeigt sich auch in unser beider Leben: Vincent hat eine Freundin, Martin einen Freund. Wir haben daher, rein persönlich, unterschiedliche Beweggründe, dieses Thema anzugehen und die Öffnung der Ehe zu unterstützen. Gerade aber auch in dem Vergleich unserer Beziehungen zeigt sich, dass eine Beziehung eben nicht von Geschlecht bestimmt wird, sondern vom persönlichen Einsatz, Fürsorge, ernsthaftem Interesse aneinander und – am wichtigsten – von Liebe. Diese lässt sich nicht messen, beurteilen oder verurteilen. Sie ist einfach. Wenn wir ein wenig idealistisch davon ausgehen, dass zwischenmenschliche Liebe einer der wichtigsten Dreh- und Angelpunkte in dem Leben der meisten Menschen ist, so sehen wir gar keine Alternative dazu, als Liebe und die damit verbundenen Entscheidungen immer nur mit einerlei Maß zu messen. Tun wir dies nicht, treffen wir als Gesellschaft die bewusste Entscheidung, nicht nur eine ganze Bevölkerungsgruppe ins Abseits zu stellen, sondern wir setzten auch den Wert der Liebe als solcher herab, indem differenziert und geurteilt, gutgeheißen oder zurückgewiesen wird.

All dies sind für uns fundamentale Gründe, sich aktiv für die gleichgeschlechtliche Ehe in Deutschland einzusetzen.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Martin Speer: Jauchs #Herrenrunde

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