Innovationen sind anders

Martin Schössler16.02.2010Gesellschaft & Kultur, Medien, Politik, Wirtschaft

Wir brauchen eine Kultur der Fehlertoleranz und ein neues Bild von Unternehmertum. Der bürokratische Hürdenlauf durch die Ämter lässt die deutsche Innovationslandschaft zu einem Flickenteppich werden. Denn entscheidend ist eigentlich der schöpferische Unternehmergeist und das heitere Beharren auf der besseren Lösung.

Im letzten Frühjahr begegne ich zum ersten Mal einem richtigen Venture-Kapitalisten. Wir sind beide auf Einladung einer Investment-Initiative in Köln und müssen an einem Puzzlespiel teilnehmen, dessen überdimensionierte Einzelteile sich schließlich zu einem Atlas der Hightech-Cluster fügen. Wir stehen vor dem Flickenteppich der deutschen Innovationslandschaft und meinem Gegenüber fällt spontan auf, dass er unter den Anwesenden der einzige Unternehmer ist. Alle anderen sind Angestellte, die sich wie Unternehmer verhalten: Ihrer Zahlen-Sprache entspricht die Weltsicht, bestimmt von Indizes und Rankings. Mein Gegenüber, lange Jahre CFO in der gebeutelten deutschen Textilbranche, hat hingegen in einem Netzwerk Geld für seinen Fonds gesammelt, über den er Erfinder anwendungsbezogen forschen lässt. Seine Geldnehmer sieht er als Innovationspartner. Wenn er über sie spricht, beschreibt er ihr Beharrungsvermögen und die Phasen voller Hoffnung auf den Durchbruch, über den die Akzeptanz am Markt entscheidet. Ihre Berichte sagen nichts anderes als: Wir brauchen eine Kultur der Fehlertoleranz und ein neues Bild von Unternehmertum.

Der bisherige Innovationsbegriff greift zu kurz

Innovationen sind weniger technische Errungenschaften als ein Ausdruck gesellschaftlicher Veränderungsprozesse. Dabei entscheiden nur selten Genie oder Kreativität über ihren Erfolg, sondern schöpferischer Unternehmergeist und das heitere Beharren auf der besseren Lösung. Wir brauchen Persönlichkeiten, die als kluge Begleiter (siehe “social capital”) dem jungen Unternehmer gestaltend zur Seite stehen. Auch der kreative Ingenieursgeist, der Unternehmen wie Google hat groß werden lassen, hat in der Person von Eric Schmidt den gestaltenden Strategen benötigt. Ohne den ideellen Kern des Start-ups anzutasten, hat er über Infrastruktur und Portfolio Google zu einem globalen Konzern reifen lassen (was ihm nun interessanterweise den Vorwurf eines Start-up-Killers einbringt).

Jedes Mal, wenn ein Nachwuchstalent bei Google anheuert, stirbt ein Start-up

Das Beispiel Google ist aber auch die Geschichte eines Unternehmens, das sich durch Zukäufe Innovationen einverleibt und sich damit nur wenig von klassischen Industrieunternehmen in anderen Branchen unterscheidet. Mit den jetzt einsetzenden Regulierungsmaßnahmen werden einem Industriekonglomerat, das sich der sozialen Sprache seiner Nutzer zum Zweck der Gewinnmaximierung bedient, Grenzen gesetzt. Die Frage ist damit nicht, ob sich ein solcher Erfolg in ähnlicher Form wiederholen lässt, sondern wie wir Ideen in Innovationen und Markterfolg umsetzen können. Wenn es der deutschen Start-up-Szene nur an den passenden Umständen oder dem Wohlwollen gestandener Investoren mangelt, wie lässt sich dann das von Lukasz Gadowski (“Wir killen Innovationen”) geschilderte Dilemma lösen? Die Debatte lässt sich über fünf Punkte weiterführen: 1.) Wir brauchen einen erweiterten Innovationsbegriff, der das Internet zwar als glänzenden Ausdruck, aber nicht als den einzigen Ort für Erfindergeist und Kreativität sieht. 2.) Innovationsprozesse entspringen gesellschaftlichen Konditionen: Ein sozialer Unternehmer kann weit innovativer sein als das hippe Garagen-Start-up mit seinem Supertool. 3.) Start-ups brauchen einen Nährboden für Innovationen, der von Fördernetzwerken getragen und erweitert wird. 4.) Mut und Risikobereitschaft entspringen schöpferischem Scheitern, das erlaubt sein muss. 5.) Nur wer klassische Karrieremuster ignoriert, kann als junger Unternehmer erfolgreich sein.

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