Twittern ist Bürgerpflicht

Martin Oetting24.09.2009Gesellschaft & Kultur, Medien

Die digitale Revolution fragt nicht danach, ob man teilnehmen möchte oder nicht. Sie erlaubt in bisher ungekannter Weise die Teilhabe von deutlich größeren und dezentralen Gruppen. Twitter, Facebook und Co bewegen die Gesellschaft in ihren Grundfesten. Niemand kann sich den Luxus leisten, offline zu bleiben.

Unsere Leben sind kompliziert, unsere Welt ist komplizierter – für manch einen mag daher die Verlockung groß sein, zu sagen: “Der ganze Internetkram nimmt überhand, macht Konzentration unmöglich. Die Leute veröffentlichen ohnehin nur Dinge, die sie später bereuen. Darum: einfach abschalten und bleiben lassen.” Die Haltung ist verständlich. Aber sie ist gefährlicher, als es zunächst scheint. Nicht weil man ein paar E-Mails oder Artikel verpasst. Viel wichtiger: Diese Einstellung blendet aus, dass man sich die Teilhabe an Revolutionen nicht aussuchen kann. Wer zur Zeit der Französischen Revolution gelebt hat, konnte nicht privat festlegen, von der Angelegenheit nicht betroffen zu sein. Und wer in der industriellen Revolution seine Familie zu ernähren versuchte, der hatte keine Wahl, als sich mit den Umwälzungen zu arrangieren. Die digitale Revolution fragt ebenso wenig danach, ob jemand teilnehmen möchte oder nicht. Wenn wir heute auf Twitter einen Link verbreiten, auf Facebook unseren Freunden eine Frage stellen, mit einem Weblog experimentieren, in Wikipedia an einem Artikel mitarbeiten, eine Fotosammlung veröffentlichen oder in einem Forum debattieren, dann betreiben wir nicht allein banalen Austausch, harmlose Beziehungspflege oder Zeitverschwendung. Wir trainieren zugleich – sozusagen auf spielerische Weise – den Umgang mit Instrumenten, die unsere Gesellschaft verändern. Erst dieses Training stattet uns mit dem Wissen aus, das notwendig ist, um die Möglichkeiten ebenso wie die Begrenzungen der neuen Techniken kennenzulernen.

Die Demokratie wird sich verändern

Anhand von zwei Bereichen lässt sich dies beispielhaft darstellen: Politik und Medien. Wir haben eine parlamentarische Demokratie, weil wir Vertreter brauchen, die sich in unserem Namen mit komplexen Fragestellungen befassen, sie debattieren und anschließend Entscheidungen treffen. Zwingend notwendig war bisher, dass diese Diskussionen persönlich und vor Ort geführt werden, denn es gab keine Möglichkeit, über Entfernungen eine Debatte und in der Folge Abstimmungen darüber zu organisieren. Das hat sich geändert. Wir haben nun internetgestützte Instrumente, mit denen genau dies auf sehr effiziente Weise geschehen kann. Das erlaubt in bisher ungekannter Weise die Teilhabe von deutlich größeren und dezentralen Gruppen. Und so müssen wir davon ausgehen, dass diese Instrumente unsere Demokratie verändern – einfach weil sie es können. Bis vor Kurzem ließ sich recht einfach definieren, wer Journalist ist und wer nicht: Wer die Möglichkeit hatte, über Medien zu publizieren, der war Journalist. Man qualifizierte sich durchs Tun, nicht durchs Sein. Heute ist das nicht mehr so einfach. Ist ein privates Weblog, das von 2.000 oder von 20.000 Menschen gelesen wird, ein Massenmedium? Gelten hier dieselben besonderen Schutzrechte wie für Journalisten – weil nämlich die Medien eine tragende Säule unserer Demokratie sind, die es zu schützen gilt? Diese Fragen sind bislang nicht zufriedenstellend beantwortet. Aber die Antworten werden manches infrage stellen, was wir heute als gegeben hinnehmen.

Offline-Luxus kann sich niemand leisten

Diese Beispiele zeigen, dass die digitale Revolution unsere Gesellschaft in ihren Grundfesten bewegt. Und dass sich deshalb niemand den Luxus leisten kann, offline zu sein oder zu bleiben. Natürlich kann man ab und zu den E-Mail-Account schließen, Twitter ignorieren und sein Blog verwaisen lassen, um einfach mal die Ruhe zu haben, die man als Mensch braucht. Aber daraus eine Weltanschauung zu machen, ist unklug.

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