Echt wahr

von Martin Lohmann9.11.2009Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Medien, Wirtschaft, Wissenschaft

Wahrheit. Das ist ein großes Wort. Und ein anspruchsvolles dazu. Benutzt wird es immer wieder. Genutzt auch. In der Politik, in der Wirtschaft, in der Liebe – und in den Medien. Journalisten sind ihr verpflichtet. Aber nicht nur sie. Bloß: Was ist Wahrheit?

Was ist Wirklichkeit? Auch diese so wichtige Frage ist heute beileibe nicht einfach zu beantworten. Warum? Weil die Medien sind, wie sie sind. Und weil sie eine Aufgabe haben, die sie in besonderer Weise mit dem konfrontieren, was Wirklichkeit ist – oder als solche ausgegeben wird. Eigentlich sind sie dazu da, die reale Wirklichkeit, also die wirkliche Realität schlichtweg abzubilden, also das, was ist, als Medium zu transportieren, zu jenen zu bringen, die nicht unmittelbar dort sind, wo die Wirklichkeit gerade ist, die abgebildet werden soll. Klingt kompliziert, ist es aber nicht. Denn es geht letztlich “nur” darum, die Wirklichkeit gleichsam medial zu kopieren. Das, was Medien dann zeigen, ist eine Sekundärwirklichkeit der primären Wirklichkeit für jene, die sich ein Bild von der Primärwirklichkeit machen wollen. Und genau das ist das Problem. Längst ist diese Sekundärwirklichkeit so sehr zum Ersatz der Primärwirklichkeit geworden, dass man im Wissen um die Wirklichkeit kaum mehr zu unterscheiden weiß, was echt und was kopiert ist. Medien scheinen in dieser medial bestimmten Welt die Kraft zu haben, fast schon die Wirklichkeit prägen zu können. Absurd? Mag sein. Denn was in Medien nicht vorkommt, scheint es für viele nicht zu geben. Umgekehrt ist all das, was dort vorkommt, für viele einfach nur wahr. Und wenn es gar an mehreren Stellen vorkommt, wenn eine Nachricht etwa allein wegen ihres ach so interessanten Nachrichtenwertes wie automatisch von anderen Medien übernommen wird, hat sie die Fähigkeit, das Bewusstsein vieler Menschen zu bestimmen – eben als Wirklichkeit, von der man erfahren hat.

Die Macht der Information

Hierin liegen für Journalisten und alle Medienschaffenden Faszination und Versuchung gleichermaßen. Nirgendwo sonst liegen Freiheit und Macht so eng beieinander wie hier. Nirgendwo sonst begegnen sich Freiheit und Verantwortung so konkret wie hier. Und nirgendwo sonst scheint diese Begegnung so störend zu sein wie eben hier. Beispiel Internet. Es ist eine wunderbare Erfindung. Ohne das Internet geht gar nichts mehr. Fast nichts. Mit ihm hat ein neues Zeitalter der Kommunikation, der Information und der Globalisierung begonnen. Wer mitten im Leben lebt, nutzt es ganz selbstverständlich. Am Arbeitsplatz, daheim und unterwegs. Mobiltelefone sind längst nicht nur zum Telefonieren da. Per Knopfdruck ist man im Netz. Wovon Johannes Gutenberg und Martin Luther noch nicht einmal träumen konnten, das ist heute Standard. Normaler Alltag. Nichts Besonderes mehr. Ja, dieses internationale Weltennetz ist eine wunderbare Erfindung. Aber es ist auch eine gefährliche Erfindung. Für Diktatoren zum Beispiel, weil sie es nicht mehr schaffen, Informationen und damit Gedanken fest zu steuern. Sie haben Angst vor dieser Waffe der Informationen. Gut so. Gar nicht gut hingegen ist die eifrig genutzte Gefahr des Missbrauchs durch Böse. Lügner, Skrupellose jeder Art, Schmutzfinken, Terroristen, Kinderschänder, Gewalttätige – sie alle tummeln sich ebenfalls im Netz. Sie missbrauchen die neue Freiheit. Jede Erfindung und jedes Instrument locken böse Geister und beflügeln deren Fantasie. Leider. Mit fatalen Folgen.

Der hochmoderne Scheiterhaufen

Was ist zu tun? Kontrolle? Strengere Internet-Regeln? Zensur für die Freiheit? Vorschriften für Meinungs- und Pressefreiheit? Das mag gut klingen, zumal die Kriminalität im elektronischen Netz neue Formen annimmt. Denn allein Verleumdung, Rufmord und Böswilligkeit schlüpfen oft ungesehen durch die Maschen des “Netzes”, das eben kein Netz mit Schutzfunktion ist. Betroffene sind nicht selten die Letzten, die erfahren, wie sie auf diesem hochmodernen Scheiterhaufen verbrannt wurden. Von Kinderschändung und primitiver Gewaltverherrlichung ganz zu schweigen. Aber: Fängt man Verbrecher durch Zensur? Macht man internationale Menschenverächter dingfest durch nationale Vorschriften? Geht das überhaupt? Wohl kaum. Das hohe Gut der Freiheit verbietet Verbote. Freiheit lebt immer nur von den Grenzen der Freiheit in Würde, sprich: Freiheit hat nur in Verbindung mit Verantwortung eine echte Chance. Genau diese Freiheit verbietet die Lüge. Im Journalismus geht es um Vertrauen, um Glaubwürdigkeit und letztlich um Wahrheit. Und um Demokratie. Denn diese ist ein kostbares und sehr verletzliches Gut. Eine ihrer tragenden Säulen ist die Meinungsfreiheit und die Freiheit der Information. Darauf haben Menschen ein Anrecht, und sie müssen sich verlassen dürfen darauf, dass sie nicht belogen und betrogen werden, sondern durch eine möglichst authentische Information in die Lage versetzt werden, verantwortungsvoll zu entscheiden und zu handeln. Lug und Betrug sind also kein Kavaliersdelikt, sondern ein Angriff auf die Freiheit. Die Lüge als Wahrheit – das attackiert die Freiheit von innen. Die Lüge ist kein Spiel, sondern eine Gefahr. Eine Gefährdung der Freiheit, die täglich neu gefestigt werden muss durch die reale Verantwortung derer, die als Diener der Wahrheit, als Mitarbeiter der Wahrheit dazu beitragen können, Demokratie in Freiheit und Freiheit in Demokratie zu stärken. Es gibt eine Kurzformel für alles journalistische und mediale Tun, die ebenso einfach wie anspruchsvoll ist. Sie steht gleich zu Beginn der deutschen Verfassung und markiert in ihrer Klarheit zugleich die Wirklichkeit, in der sie inhaltlich immer wieder geleugnet und verletzt wird: “Die Würde des Menschen ist unantastbar.” Weil sie aber faktisch eben doch antastbar ist, folgt sofort dahinter die Verpflichtung aller staatlichen Gewalt, sie zu schützen. Eigentlich müsste heute an dieser Stelle auch noch stehen: Die Unantastbarkeit der Würde des Menschen zu schützen ist Verpflichtung aller medialen Macht. Es ist ein Dienst an der und für die Wahrheit.

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