Das wahre Gesicht der Freiheit

Martin Lohmann14.09.2018Gesellschaft & Kultur, Medien

Wie ist es eigentlich um unsere – sagen wir mal – ganz normale Dialogkultur und Debattenfreiheit bestellt, fragt Martin Lohmann.

Man konnte sich da wieder ein anschauliches und nicht unbedingt aufbauendes Bild machen, als der „Bus der Meinungsfreiheit“ in Köln auf dem Platz vor dem Hauptbahnhof Station machte. Die Aktion wird von Hedwig von Beverfoerde organisiert, einer mutigen und unerschrockenen Frau, der manche Verfallserscheinungen alles andere als egal sind. Sie engagiert sich – zusammen mit vielen anderen Persönlichkeiten, darunter viele Jugendliche und junge Erwachsene – für Meinungsfreiheit und Dialogkultur. Und vor allem für Aufklärung. Mit Fairness. Mit Sachverstand. Mit Respekt.

Das bestimmte auch den Auftritt der Engagierten in Köln vor ihrem orangefarbenen Bus. Und es ging vor allem darum sich für den Respekt vor Kindern einzusetzen, gegen eine Früh- und Zwangssexualisierung einzutreten, die eigentlich nichts anderes ist als eine Form des Kindesmissbrauchs. Die immer frühere Sexualisierung der Kinder zerstört zarte Seelen, sie lässt die so kostbare Pflanze der reifenden Sexualität nicht wirklich menschenwürdig wachsen und verstellt Wege der Verantwortung. Das wurde auch in Kön deutlich gesagt. Die Teilnehmer dieser Demonstration standen bereitwillig Rede und Antwort, sie kamen mit Argumenten und Diskussionskompetenz. Sie zeigten und machten vor, was souveräne Demokratiefähigkeit ausmacht. Sie boten Gespräche und Informationen an. Respekt!

Auf der Gegenseite, vor der imposanten Silhouette des Kölner Domes, standen die Gegner einer solchen Kultur. Mit Regenbogenfahnen, Vertreter von Lesben- und Schwulenorganisationen – und eine Kölner Bürgermeisterin von der SPD, die im vorigen Jahr mit denen, die offenbar Meinungsfreiheit und Dialog nicht aushalten, das Demonstrationsrecht der Anwälte der Meinungsfreiheit und einer gepflegten Kultur durch Blockade mehrere Stunden verhindert hatten. Jetzt stand diese Dame wieder im Block der – man muss es so sagen – offensichtlichen Demokratieverweigerer. Und diese schrieen unentwegt, machten betörenden Lärm, riefen Obszönes und fanden sch offenbar stark, obszöne Gesten zu zeigen und zu zelebrieren. Schamlosigkeit scheint dort das Prinzip des Seins und Wollens zu sein. Und das der Selbstdarstellung. Das Ganze hatte – als „Antwort“ auf kultivierte und freundliche Argumente – die Gestalt einer verbalen Hetzjagd. Viel Hass und Hetze zeichnete sich in den Gesichtern derer ab, die offenbar panische Angst haben vor dem Dialog, vor Wissen und kultiviertem Umgang mit Andersdenkenden.

Nun gilt ja: Wer schreit, hat nichts zu sagen. Hat keine Argumente. Sonst würde und müsste er ja seine Argumentationsarmut nicht durch lautstarkes Schreien ersetzen. Und da ist es eigentlich egal, ob das von rechts oder – wie wohl in diesem Fall – von links dokumentiert wird. Rechtsextreme und Linksextreme scheint ohnehin nicht wirklich viel zu unterscheiden. Irgendwie bilden sie alle gemeinsam einen Block der Verachtung, des Hasses und der Phobie. Phobie vor Toleranz, vor Dialog, vor Respekt, vor Meinungsfreiheit, vor Argumenten, vor Vielfalt, vor Kultur, vor Wirklichkeit und vor Wahrheit. Niederschreien ist letztlich ein Zeichen von Unsicherheit und Geistlosigkeit. Mit Anstand und Souveränität hat das wenig zu tun.

Mich erinnerte das – unfreiwillig – an einen früheren Marsch für das Leben, den ich vor neun Jahren anführte in Berlin. Damals wurde mir eine brennende Bibel, also die Heilige Schrift, die man angezündet hatte, vor die Füße geworfen. Geistesgegenwärtig habe ich das Feuer ausgetreten, und ich habe diese Bibel als Beweisstück gesichert. Was mir – und nicht nur mir – als Historiker und Freiheitsmensch damals durch den Kopf ging, war auch die Tatsache, dass dies unweit des Platzes passierte, wo die Nationalsozialisten einst ihre Bücherverbrennung inszenierten. Die „Täter“ diesmal waren linksradikale Autonome, die – absolut respekt- und niveaulos – die Heilige Schrift anzündeten, also jenes Buch, das für Juden und Christen das Wort Gottes beinhaltet. Was für eine Schande!

Wer Bücher verbrennt, verbrennt irgendwann auch mehr. Wer niederschreit, kennt irgendwann auch keine Grenzen mehr. Es ist fatal, dass selbst Vertreter einmal verdienter Altparteien keine Niveaugrenzen nach unten mehr zu kennen scheinen. Und wer gegen jene anschreit, die für die Würde der Kinder und gegen ihre zerstörende Instrumentalisierung durch geistbefreite Sexualisierung demonstriert, der scheint dokumentieren zu wollen, dass er für Kindesmissbrauch und gegen den Schutz der Kinder arbeitet. Demokraten gehören in einen solchen Block nicht hinein. Denn Niederschreien und Verachten ist keine Spielart der Demokratie. So etwas erinnert eher an Faschismus, Intoleranz, Unterdrückung und Diktatur.

Es ist anzunehmen, dass beim diesjährigen Marsch für das Leben am 22. September sich diese Unreife wieder zeigt durch jene, die schreien, pöbeln und stören – weil, ja weil sie den friedlichen Einsatz derer, die das Leben von Anfang bis Ende schützen wollen, schlichtweg nicht ertragen. Vielleicht nicht ertragen wollen oder können. Umso mehr gilt der Respekt denen, die wie beim „Bus der Meinungsfreiheit“ und beim „Marsch für das Leben“ mit klaren Argumenten und friedvoller Souveränität für eine wirkliche Menschlichkeit und eine Kultur des Lebens für alle werben. Auch wenn manche schreien und damit dokumentieren, dass sie noch keine Argumente hören wollen oder können, bleibt es richtig und gut, weiter für eine neue Dialogkultur zu kämpfen.

Wer sich für den Respekt gegenüber der Schöpfung, also erst recht gegenüber dem Menschen, und für den Respekt vor Kindern durch eine unverkrampfte, wertgerechte und für das Leben befähigende Aufklärung, wer sich also für das Leben und das so wunderbare Geschenk der verantworteten Sexualität einsetzt, der findet zwar nicht immer und überall Gehör. Aber er lädt ein zu einer Zukunft, die dem Menschen gerecht wird. Und: Jeder, der so wirbt und handelt, ist schon heute Avantgarde. Denn er zeigt das Gesicht der wahren Freiheit.

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